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Pro und Kontra: Sterbehilfe

Sterbehilfe: Ein umstrittenes Thema. Wir haben zwei Menschen, die sich auch beruflich damit auseinander setzen müssen, um ihre Meinung gebeten.

veröffentlicht am 27.11.2012 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:06 Uhr

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Pro: In Deutschland sterben allein etwa 80 000 Menschen jährlich nur an Krebs. Nach Aussage mehrerer Ärzte können bei fünf Prozent der Patienten die Schmerzen nicht effektiv bekämpft werden. Viele Todkranke können und wollen aber diese Leiden nicht weiter ertragen, weil ihre persönlichen Würdevorstellungen nicht mehr erfüllt werden. Statt die unzumutbar gewordenen Lebensumstände weiter ertragen zu müssen, möchten sie ihre Sterbesituation eigenverantwortlich regeln. Sie betrachten ihr Lebensrecht nicht als eine Lebenspflicht. Wenn nun diese Menschen ihre Leiden durch einen Suizid beenden wollen, sollte ihre Entscheidung im Wege einer Suizidprävention hinterfragt werden. Solange der Gesetzgeber eine solche Beratung nicht anbieten kann, helfen Patientenschutz- und Bürgerrechtsbewegungen wie beispielsweise die DGHS (Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben), die unlängst einen entsprechenden Gesetzentwurf eingebracht hat. Stellt sich der Sterbewunsch aber als dauerhaft dar und werden angebotene palliative Hilfen abgelehnt, ist er zu tolerieren. Hier tritt in vielen der anfangs geschilderten Krankheitssituationen das Problem auf, dass der Patient nicht mehr in der Lage ist, den Suizid ohne Hilfe durchzuführen.

Repräsentative und seriöse Umfragen (zum Beispiel Forsa August 2012) bestätigen, dass sich 77 Prozent der Bundesbürger eine ärztliche Freitodbegleitung wünschen. Ärzte sollen nach eigener Entscheidung helfen dürfen, jedoch nicht gedrängt oder gezwungen werden. Sterbehelfer müssen frei bleiben von Diskriminierung oder juristischer Verfolgung. Sterbewillige sollen sich nicht verteidigen müssen, wenn sie überlegt und geplant diesen Weg beschreiten wollen. Nur so ist auch der aufwendige und nicht mehr jedem mögliche „Sterbetourismus“ ins Ausland zu vermeiden. Eine gesellschaftspolitische Diskussion zu diesen Fragen ist in der Bundesrepublik mit Toleranz und Mut zu Offenheit dringend zu führen. Es bleiben aber unerträgliche Schicksale übrig: diejenigen, die wegen besonderer Krankheiten – etwa Querschnittlähmung im Halsbereich – nicht mehr zu dem von ihnen gewünschten Suizid in der Lage sind. Auch hier muss eine ethisch und juristisch vertretbare Lösung in der näheren Zukunft gefunden werden.

Kontra:

Es ist zunächst grundsätzlich zwischen aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe zu unterscheiden. Die aktive Sterbehilfe, also „das vorsätzliche Herbeiführen des Todes“ lehne ich ab, da sie schwer kontrollierbar ist und insbesondere die Gefahr des Missbrauchs besteht. Außerdem kann die aktive Sterbehilfe für die Beteiligten äußerst belastend sein.

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  • Findet Sterbehilfe überflüssig:  Michael W. Scheider, Palliativmediziner und Vor standsvorsitzender des Pallia tivstützpunktes Hameln-Pyrmont.
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  • Ist für ein Selbstbestimmtes Streben: Jürgen Heise, Kontaktstelle Norddeutschland der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben.

Die passive Sterbehilfe ist „das Unterlassen […] von lebensverlängernden Maßnahmen“.

Sie ist durch die aktuell erhöhte Rechtssicherheit bei Vorhandensein einer Patientenverfügung in gewissem Rahmen akzeptabel. Dabei ist aber zum Beispiel das einfache Sterbenlassen eines kranken Menschen kritisch zu betrachten, solange noch Möglichkeiten der Linderung von belastenden Symptomen bestehen.

Diese Situation muss auf jeden Fall ausführlich mit dem Patienten besprochen werden. Seine Wünsche sind herbei primär zu berücksichtigen.

Unter indirekter Sterbehilfe wird grundsätzlich „die Inkaufnahme der eventuellen Beschleunigung des Todeseintritts als Nebenwirkung der palliativen Medikation“ verstanden. Stichwort wäre hier exemplarisch die finale Sedierung, welche gesetzlich in Deutschland erlaubt ist.

In der Palliativmedizin kann es also nach Aufklärung und in Absprache mit den Sterbenskranken und seinen Angehörigen durchaus zur indirekten Sterbehilfe kommen.

Entscheidend ist, dass die primäre Intention der Gabe von Schmerzmitteln und anderen speziellen Medikamenten nicht vorrangig die Lebenszeitverkürzung darstellt.

Letztendlich hat die Palliativmedizin als Ziel, die quälenden Symptome, die in der Regel die Ursache des Todeswunsches darstellen, medikamentös, pflegerisch, psychosozial und spirituell so zu beherrschen, dass der Sterbenskranke wieder solch eine Lebensqualität erlangt, dass der Wunsch, das Leben zu beenden, in den Hintergrund rückt.

Dies wird außerdem dadurch positiv unterstützt, dass der Patient seine letzte Zeit im eigenen Zuhause verbringen kann. Schluss-endlich sollte mit dieser speziellen, ambulanten Versorgung, die es seit vier Jahren auch im Landkreis Hameln-Pyrmont gibt, im Idealfall die aktive und passive Sterbehilfe überflüssig werden.



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