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Online nach dem Tod

Fast jeder Mensch führt mittlerweile auch ein digitales Leben: Mit E-Mails, Videos, in Foren und Social Networks. Fast 54 Millionen Deutsche sind derzeit online. Knapp die Hälfte davon haben ein Profil in sozialen Netzwerken, in denen sie ihren Alltag dokumentieren und Freundschaften pflegen. Aber was geschieht mit diesen Profilen, wenn ihr Nutzer verstirbt?

veröffentlicht am 26.11.2012 um 13:52 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:01 Uhr

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Tomas Krause

Autor

Tomas Krause Onlineredakteur zur Autorenseite

Es hätte ein Morgen sein können wie jeder andere. Nach dem Aufstehen fährt Marina Herbig (Name v. d. Redaktion geändert) ihren Rechner hoch. Sie tippt www.facebook.de in die Adresszeile des Browsers, um nachzuschauen, was die Freunde in den vergangenen Stunden geschrieben haben. Sie öffnet ihre Profilseite, überfliegt die Einträge und stockt: Es trifft die 27-Jährige wie ein Schlag. Ungläubig starrt Marina auf den Bildschirm ihres Computers, ihre Hände zittern. Sie kann ihren Blick nicht lösen, von einem kleinen Profilbild, das ihr Facebook als potenziellen Bekannten in der Rubrik „Personen, die Du vielleicht kennst“ vorschlägt. Das vertraute Gesicht hätte sie hier im Leben nicht erwartet. Es handelt sich tatsächlich um einen alten Schulfreund – aber der ist längst gestorben. Facebook bietet ihr die Freundschaft mit einem Toten an.

Es ist ein exemplarischer, aber längst kein Einzelfall. 22 Millionen Deutsche haben ein Profil bei Facebook. Fast die Hälfte aller Internetnutzer hierzulande sind in sozialen Netzwerken aktiv, das hat eine aktuelle Onlinestudie von ARD und ZDF ergeben. Besonders die sogenannten „Silver Surfer“ sind auf dem Vormarsch. Über acht Millionen Menschen, die sich im Internet aufhalten, sind laut Studie über 60 Jahre alt. Es drängt sich die Frage auf: Wenn die Internetgemeinde immer größer und älter wird, was passiert dann mit dem virtuellen Leben, wenn das irdische endet? Jedes Jahr sterben etwa 37 5000 Facebook-Nutzer. Tot sind sie damit aber längst nicht. Ihre Profile leben im Netz weiter, als wäre nichts geschehen – bei Twitter, Google+, SchülerVZ, Lokalisten und all den anderen sozialen Netzwerken.

Aber nicht in jeden Fall löst der Anblick eines Toten einen Schock aus wie bei Marina Herbig. Kathleen Theiß (Name v. d. Redaktion geändert) besucht das Internet-Profil ihrer Freundin Sonja oft. „Um Abschied zu nehmen, ein paar Worte zu schreiben, wenn ich gerade an sie denke.“ Sonja ist vor wenigen Monaten bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ein Bild ihres fast nagelneuen Golfs, der später zur Todesfalle wurde, befindet sich noch auf der Seite. Eine ahnungslose Bekannte hat ihr kürzlich noch zu dem neuen Flitzer gratuliert, eine andere fragt, „wie es ihr geht“. „Ein Schlag in die Magengrube für all die Freunde, auf der Pinwand ihr Beileid und Bedauern ausdrücken“, meint Kathleen. Trotzdem will sie auf Sonjas strahlendes Lächeln im Netz nicht verzichten. Ständig klickt sie sich durch die Bilder des Web-Albums. Fotos aus einem gemeinsamen Urlaub – „Mallorca 2010“ steht darüber.

An Sonjas Grab war Kathleen nur ein paarmal, auf ihrem Profil regelmäßig. Erst letzte Woche hat Kathleen ein Foto an Sonjas Pinwand gepostet. Ein Plüschbär hält ein Herz in seinen wolligen Tatzen. Darauf steht: „Ich vermisse Dich sooo.“ In ein paar Wochen wird das Profil allerdings verschwunden sein. Die Eltern haben beantragt, es löschen zu lassen.

Es hat ein Wandel stattgefunden. Für Kathleen und viele andere ist das Internet längst zu einem öffentlichen Ort der Trauer geworden. In Berlin hat es auf der Social Media Week 2012 vor wenigen Wochen den ersten Vortrag mit dem Titel „Wie das Internet den Tod verändert“ gegeben.

Das Thema wird immer wichtiger und bewusster: Eltern helfen sich in Foren über den Verlust ihrer Kinder hinweg, Fans nehmen in öffentlichen Kondolenzbüchern Abschied von ihrem Star. Es gibt bereits virtuelle Friedhöfe, auf Trauerportalen kann man digitale Kerzen entzünden und eine individuelle Homepage für den Verstorbenen anlegen. Auch der Tote kann mit einem Gruß aus dem Jenseits vorsorgen. Der Dienst „My last will“ bietet an, nach dem Tod eine persönliche Nachricht per Twitter zu veröffentlichen. Auch DeadSoci.al funktioniert so. Hier schickt der Verstorbene eine Grußbotschaft auf seine Facebook-Timeline und verlängert so sein Wirken auf Erden.

„Der Trauerprozess hat ein Ziel, er hilft den, Schmerz zu überwinden und in den Alltag zurückzufinden“, sagt der Pastor der Marktkirchengemeinde in Hameln, Thomas Risel. Für den Theologen ist die Trauer im Netz keine Unbekannte: Seine erste hautnahe Erfahrung machte Risel 2006 bei dem tragischen Busunglück in Coppenbrügge. Mehrere Kinder verloren damals ihr Leben. „Da habe ich das erste Mal beobachtet, wie Menschen virtuelle Kerzen entzündeten.“ Eine unvergessliche Situation für den Kirchenmann. Dass Angehörige und Freunde an den Profilen ihrer Verstorbenen festhalten, kann er grundsätzlich verstehen: „Trauer ist etwas absolut Individuelles, der eine möchte Tausende Fotos hochladen, um sich zu verabschieden, für den anderen ist das undenkbar.“ Grundsätzlich gelte in der Tauerarbeit: „Alles, was hilft, ist gut!“ Ein Gespräch, das betont Risel mit Nachdruck, könne das Internet allerdings nicht ersetzen. Und ohne dies könne die Trauerarbeit nicht abgeschlossen werden.

Und wie steht es um das digitale Erbe eines Toten? Die Hinterbliebenen müssen sich nicht nur um den realen Nachlass kümmern, sondern auch um das virtuelle Erbe. Je aktiver ein Mensch an seiner digitalen Identität gearbeitet hat, mit Blogeinträgen, privaten Fotoalben oder Lieblingssonglisten, desto mehr Spuren hat er im World Wide Web hinterlassen, umso aufwendiger wird die Verwaltung dieses weitverzweigten Internet-Nachlasses.

Um diesen schmerzhaften Prozess der Familie zu ersparen, rät die Verbraucherzentrale Niedersachsen schon zu Lebzeiten vorzusorgen. Cathrin Körber, Juristin der Verbraucherzentrale, hat die Presseanfrage dazu veranlasst, in ihrer eigenen Familie nachzufragen. Das Thema hat sie überrascht, es ist noch jung, „wird aber an Brisanz zunehmen, weil das Internet mehr und mehr zum Lebensinhalt wird“, meint die Expertin für Telefon- und Internetrecht. In vielen Fällen wüssten die Angehörigen noch nicht einmal, in welchen Netzwerken der Verstorbene angemeldet war. Daher, so die Expertin, empfiehlt sie dringend, Passwörter beim Notar zu hinterlegen oder einer vertrauten Person zu übergeben. Den digitalen Nachlass, meint Cathrin Körber, „sollte man so behandeln wie den realen“. Grundsätzlich bleibe der Gesetzgeber allerdings eine eindeutige Antwort schuldig: wie man den digitalen Nachlass einer Person überhaupt geltend mache?

In den bittersten Stunden sind es oft die Freunde, die den Familien bei der Verwaltung eines digitalen Nachlasses helfen – ihr Handlungsspielraum ist allerdings äußert begrenzt. Selbst ein Hinweis von Freunden und Bekannten an das soziale Netzwerk reicht nicht aus. Ein Profil löschen können nur diejenigen, die am meisten trauern – die nächsten Angehörigen. Und das ist nicht ganz einfach.

In den meisten Fällen verlangen die Internetunternehmen einen rechtskräftigen Beleg für den Tod des Nutzers, es schließt sich eine langwierige Prüfung an. Formale Wege, wie Angehörige und Freunde mit den Profilen Verstorbener umgehen sollen, werden kaum kommuniziert. Einen Verhaltenskanon für den Tod im Internet scheint es noch nicht zu geben. Die Branche ist auf den Tod der User offensichtlich nicht vorbereitet?

Wie viele Verstorbene in Deutschland ein Profil in einem der sozialen Netzwerk haben, ist nicht feststellbar. Schließlich kann nicht unterschieden werden, ob jemand tot ist oder das Profil lediglich ungenutzt blieb. Als größter Community-Anbieter hat Facebook einen Modus gefunden, wie mit den Profilen von Verstorbenen umgegangen werden kann. Angehörige und Online-Freunde können Profile in einen Gedenk-Status versetzen lassen. Um die Privatsphäre des Toten zu wahren, sind in diesem Status nicht mehr alle Bereiche des Profils öffentlich einsehbar. Nur bestätigte Facebook-Freunde können an die virtuelle Pinwand schreiben und sich das Profil anschauen. Einmal in den Gedenk-Status versetzt, taucht der Verstorbene nicht mehr in den Suchergebnissen auf, alle seine Statuseinträge und Gruppen werden gelöscht, die Kontaktdaten entfernt und auch der Geburtstag wird nicht mehr angezeigt. Oft ist es mit dem Löschen eines Accounts jedoch nicht getan. Zu vielfältig sind die Spuren, die wir im Internet hinterlassen: Bilder, der Link zur Magisterarbeit im Leihsystem der Uni-Bibliothek, triviale Foren-Einträge, eine nur beiläufig gepflegte Homepage – im Internet ist die Ewigkeit greifbar, aber eben nur scheinbar.

In Amerika ist man einen Schritt voraus: Dort haben Anbieter begriffen, dass sich mit der Verwaltung des digitalen Willens Geld machen lässt. Um den Hinterbliebenen die Übersicht zu erleichtern und Passwörter zu hinterlegen, ist es möglich, diese bei Online-Dienstleistern zu hinterlassen. Legacy Locker, AssetLock oder Deathswitch bieten an, sämtliche Passwörter in einem virtuellen Testament zu speichern. Die todsichere Garantie für eine sorgenlose Nachlassverwaltung? Was machen die Anbieter mit diesen Daten, die ebenso sensibel sind wie die PIN zum Onlinekonto? Die Verbraucherzentrale rät von der Nutzung solcher Angebote ab.

So können Sie Profile und Mail-Adressen sperren lassen:

Facebook: Angehörige und Freunde können die Profilseite eines Toten über ein Formular in einen Gedenk-Status versetzen lassen. Eine Deaktivierung können nur unmittelbare Familienangehörige beantragen.

Twitter: Nur Angehörige können das Löschen eines Kontos veranlassen. Ein Konto, das länger als sechs Monate nicht verwendet wurde, gilt als aufgegebenes Konto und kann automatisch von Twitter gelöscht werden.

GMX und Web.de: Ist ein Konto sechs Monate inaktiv, wird der Nutzer zunächst per Mail informiert. „Passiert daraufhin nichts, stellen wir das Konto auf inaktiv, alle Daten und E-Mails werden dann gelöscht“, erklärt Oliver Pitzschel von der 1&1 Internet AG, die die beiden Webmailer betreiben. Wolle ein Erbe den Vertrag kündigen, ohne Zugriff auf das Postfach zu erhalten, brauche er nur eine Sterbeurkunde. Wenn er dagegen Zugriff auf das Postfach will, muss er einen Erbschein vorlegen.“ „Passwörter geben wir nie heraus, weil wir sie gar nicht kennen“, so Pitzschel. Der Erbberechtigte bekomme aber einmalig Zugang zum Postfach und habe dann die Möglichkeit, ein neues Passwort zu setzen, das E-Mail-Postfach weiterzuführen oder zu löschen.



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