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Vom Schießautomaten aus dem Jahr 1900 bis zum Computer – ein Mittel, dem Tod nicht wehrlos gegenüberzustehen

„Nichts ist so ernst wie das Spiel“

Stundenlang sitzt Philipp (13) vor dem Bildschirm, auf dem in einer gespenstisch anmutenden Szenerie eine Fahrt durch Straßen, Industrieanlagen, Tunnels führt. Der Blick geht durch das Zielfernrohr einer Waffe. Plötzlich tauchen Gestalten in Soldatenkluft auf. Philipp drückt auf den Controller. Ein Schuss. Ein Schrei aus dem Lautsprecher. Der Soldat bricht zusammen. Pixelblut spritzt auf. Philipp ist begeistert: „Gegner tot“ bedeutet Punktegewinn. Der Tod als Belohnung im Ballerspiel. Nur dumm, wenn es den Spieler selbst trifft. Aber auch nicht tragisch. „Game over“ heißt dann eben Neuanfang.

veröffentlicht am 29.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:02 Uhr

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Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Bodenwerder zur Autorenseite

Der zigfache Tod hat in der virtuellen Welt der Computerspiele für die nachwachsende Generation längst den Tabustatus abgelegt. Und die Hemmschwelle, mit der noch die erste und zweite Nachkriegsgeneration das Spiel mit Krieg und Tod mit moralischem Tabu belegt hatte, scheint in der Generation von Xbox und Playstation abgelegt. Das Videospiel mit Bildschirm, Controller und Computer stellt einen erlaubten Umgang mit dem Tod dar.

Wieder erlaubt, muss man sagen. Denn wie heißt es schon immer: „Das Leben ist ein Spiel.“ Und zum Leben gehört der Tod zwangsläufig dazu. Ein Grund, weshalb Spiel und Tod in der Geschichte der Menschheit schon immer untrennbar verbunden waren. Tabulos: Soldaten würfelten um die Kriegsbeute getöteter Erschlagener. Hinrichtungen waren Jahrmarktvergnügen. Memento mori: Irgendwann muss eben gestorben werden. Warum nicht schon einmal in einer Spielewelt, in der das Zufallsprinzip herrscht?

Lagen die Anfänge in Zukunftsorakel und -beschwörung beim Lagerfeuer mit Knöchelchen, Steinen oder Runenstäben, so fanden sie auch schon vor den virtuellen Ballerspielen am Computer ihr realblutiges Gegenstück im russischen Roulette des erfolglosen Spielers vor dem lichterhellen Casinosaal. Der Tod als Möglichkeit der Niederlage im Spiel – sei es beim Rausfliegen beim „Mensch ärgere Dich nicht“, beim Kästchenspringen von „Himmel und Hölle“ oder beim Tarot-Spiel, wo der Sensenmann die Karte schmückt.

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Um Leben und Tod wurde immer gespielt. Schon beim Massenvergnügen der Gladiatorenspiele in der römischen Arena. Auch ägyptische Brettspieler strebten 3500 Jahre vor christlicher Zeitrechnung nach höheren Sphären der Erlösung nach dem Tode im Spiel. Sogar die christlichen Kirchen, die Kartenspiele als „Gebetsbücher des Teufels“ verdammten, schufen sich mit kirchlichen Lotterien ihre Nischen: Gezogene Losnummern waren Buße und Gebet um Vergebung für geliebte Tote. Per Spiel werden Hölle und Fegefeuer gelindert. Überhaupt wurde in der Nähe des Todes besonders gerne gespielt: Bei den früher üblichen Totenwachen versuchte man, mit Spielen die Angst vor dem Toten zu vertreiben.

Die Psychologie hat herausgefunden, dass insbesondere das Fantasiespiel mit Tod und Waffen schon von Kindern eingesetzt wird, um Macht über die Geheimnisse wie Leben und Sterben zu bekommen, um Ohnmachtsgefühle zu kompensieren. Spiel also als Mittel, dem Tod nicht wehrlos gegenüberzustehen. Der Spruch „Nichts ist so ernst wie das Spiel“ hatte so angesichts des Todes immer schon auch die Hintergründe, die heute bei Ballerspielen am Computer als verpönt gelten.

Spiele übrigens, die so neu auch nicht sind: Mit den kurz vor 1900 aufkommenden elektrischen Schießautomaten testete das vergnügungssüchtige Jahrmarktspublikum schon damals seine Geschicklichkeit und Treffsicherheit. Modelle wie „Hubertus“ oder „Diana“ ermöglichten das Schießen auf Karnickel und Hirsch, auch Menschen und konkrete Personen konnten zur Zielscheibe werden. Mit einem frühen, schon um 1870 entwickelten Automaten zielten die Franzosen auf den deutschen Kaiser. Aber auch deutsche Schießautomaten machten vor dem Ersten Weltkrieg mobil und forderten den potenziellen Schützen auf: „Üb Aug’ und Hand fürs Vaterland.“

Vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden neue Varianten der Schießautomaten und Geschicklichkeitsspiele mit Szenarien, die Flugzeuge am Himmel zeigen, wo eine Kugel (Bombe) abgeworfen wird, die vom Spieler mit einem Panzer aufgefangen werden musste.

Ein früher Vertreter der Flipper-Generation, die ab den 1930er Jahren ihren Siegeszug antrat, ist der „Bomben-Feuer“ genannte Automat der Hanno Automaten GmbH Hannover von 1937: Eine Kugel wird mittels Federzug ins Spiel geschossen, wird durch verschiedene Vorrichtungen abgelenkt, beschleunigt und landet schließlich mit Glück und Geschick in einem von drei Kanonenrohren, von wo aus die Kugel ins Spiel zurückgeschossen wird, um weitere Punkte zu sammeln. Ein britisches Gegenstück ließ per Schießautomat sogar Todesjagd auf Hitler machen. Der Tod als Spiel. Über Verrohung durch Schießspiele hat sich damals freilich noch niemand Gedanken gemacht. Der Tod war eben regimekonform, der Zweck heiligte die Mittel.

Morgen lesen Sie: Wie Journalisten dem Tod begegnen.

Moderne Ballerspiele (li.) – die junge Generation hat den Tabu-Status längst abgelegt. Aber auch früher gab es bereits Schießautomaten wie diesen auf dem rechten Bild.



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