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Autorin Barbara Dobrick befasst sich mit Konflikten und Nöten Angehöriger von Sterbenskranken

Nach der Diagnose herrscht oft Sprachlosigkeit

„Unheilbar krank“: Diese Diagnose versetzt Kranke und Angehörige in einen Ausnahmezustand. Eingehend befasst hat sich Barbara Dobrick mit diesem Thema. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel trägt „Vom Lieben und Sterben. Konflikte, Nöte und Hoffnungen Angehöriger“. Die Autorin hält am Mittwoch, 7. November, um 19 Uhr auf Einladung des Hamelner Forums im Lalu im Hefehof einen Vortrag. Das Buch erschien 2010 im Kreuz Verlag. Bekannt wurde die Hamburgerin mit ihrem 1989 veröffentlichen Buch „Wenn die alten Eltern sterben. Das endgültige Ende der Kindheit“. Dobrick hat weitere psychologische Sachbücher und Romane geschrieben.

veröffentlicht am 03.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:58 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Wenn jemand die Diagnose ,,unheilbar krank“ bekommt, ist das auch für Partner, Familie und Freunde ein Schock. Was sind die größten mit einer solchen Nachricht verbundenen Ängste?

Angehörige fürchten sich natürlich vor dem Verlust und vor dem Uneinschätzbaren, vor körperlichem Leid, vor dem Sterben. Sie haben Angst auch um sich selbst, vor der Zukunft ohne den Menschen, der so wichtig für sie ist. Sie fürchten, den Belastungen zuvor womöglich nicht standhalten zu können. Sie machen sich Sorgen, wie sie an ihrem Arbeitsplatz klarkommen, und – wenn Kinder da sind – wie sie ihre Familienpflichten erfüllen können. Außerdem: Wer ganz konkret mit dem Tod konfrontiert wird, ist auch immer mit der Angst vor der eigenen Endlichkeit konfrontiert.

Was kann ein Angehöriger tun, wenn ein ihm nahestehender Mensch sterben muss, bevor das durchschnittliche Lebensalter erreicht wurde?

Zunächst einmal braucht man Zeit, um den Gedanken zu fassen, dass das Leben nicht so weitergeht, wie gedacht. Es hilft Angehörigen, wenn sie sich kundig machen über die psychischen und körperlichen Veränderungen, die bei ihrem Kranken stattfinden könnten. Wissen hilft. Wir haben aber sehr wenig Wissen über diese Phänomene, weil Tod und Sterben oft unrealistisch, oft auch beschönigend beschrieben wurden. Mir selbst ging es so, dass ich nichts, gar nichts mehr verstanden habe, als eine enge Freundin mit 59 Jahren eine katastrophale Krebsdiagnose bekommen hatte. Ich war vollkommen ratlos und verzweifelt, weil nichts so zu gestalten war, wie es in meinen Augen vernünftig gewesen wäre. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was da passiert ist und warum. Später habe ich dann das Buch geschrieben, das mir selbst geholfen hätte in dieser Schreckenszeit.

Sie haben sehr viele Angehörigen von Krebskranken gesprochen - was haben Sie dabei erfahren? Wie schwer ist es für die Betroffenen, darüber zu sprechen?

Es herrscht oft Sprachlosigkeit, weil die Gefühle sowohl der Kranken als auch der Angehörigen ungeheuer dramatisch sein können. Die Angehörigen stehen zudem unter dem Druck, ihre eigenen Emotionen, ihre eigenen Belange hintan zu stellen. Das erwartet das Umfeld, das erlegen sie sich aber auch selbst auf. Das heißt, sie können die enormen inneren Spannungen, in denen sie dann leben, nicht reduzieren. Gerade das aber ist dringend nötig, damit sie für die Kranken da sein können, ohne selbst in die Knie zu gehen.

Welche Konflikte ergeben sich zwischen dem Sterbenden und dem Angehörigen?

Es kann viele Konflikte geben. Um ein Beispiel zu nennen: Angehörige möchten, dass ihr Kranker möglichst wenig körperlich leidet. Der Kranke aber ist gar nicht in der Lage, sein bevorstehendes Ende wenigstens für Momente in den Blick zu nehmen. Oder umgekehrt, der Kranke möchte seine Angehörigen schonen. Dann sind wahrhaftige Gespräche über Therapieentscheidungen oder palliative Hilfe nicht möglich. Das entzweit, entfremdet, und das ist in der existenziellen Situation eines bevorstehenden Todes entsetzlich.

Welchen Rat geben Sie einem weiteren Bekanntenkreis? Wie wichtig ist Hilfe auch von außen?

Sehr wichtig. Gerade auch für die Angehörigen. Sie brauchen offene Ohren und unvoreingenommene Gesprächspartner, bei denen sie sich entlasten können. Das heißt, man sollte nicht über das, was sie sagen, hinwegtrösten wollen mit Sätzen wie „Das wird schon wieder“ oder beispielsweise Aggressionen der Kranken, die Angehörige besonders schlimm treffen, bagatellisieren. Wirklich zuhören, wirklich aufnehmen, was die Angehörigen sagen, das hilft, ist aber gar nicht leicht zu leisten.



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