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Kein Geld fürs Grab – wer zahlt?

Die Würde des Menschen endet nicht mit dessen Tod. Die Trauerfeier, das Innehalten am Grab, die Ruhestätte selbst: Eine Beerdigung ist Teil des Abschiednehmens. Doch was, wenn Hinterbliebene die Kosten nicht aufbringen können oder der Verstorbene keine Angehörigen mehr hat?

veröffentlicht am 14.11.2012 um 16:20 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:36 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Verscharrt im Armengrab“ – das wäre wohl eine schreckliche letzte Nachricht, die man von einem Verstorbenen erhalten könnte. Sie bedeutete zumindest in früheren Zeiten, dass jemand zu mittellos war, um mit „allen Ehren“ bestattet zu werden und stattdessen auf dem „Armenfriedhof“ vor der Stadt ohne Sarg und Kreuz in ein Massengrab eingelassen wurde, wobei er manchmal erst mal gar nicht unter die Erde kam, sondern zunächst nur mit einer desinfizierenden Schicht Löschkalk bedeckt wurde. Wie nun sieht es heute aus, wenn Menschen kein Geld haben, um eine Beerdigung zu finanzieren oder sich kein Angehöriger um die Bestattung kümmert?

„Armenbegräbnisse, die diesen Namen verdienten, die gibt es nicht mehr“, sagt der Hamelner Bestatter Knut Heine. „Jeder Mensch hat das Recht auf eine würdige Bestattung, auch dann, wenn es keine bestattungspflichtigen Angehörigen gibt oder wenn Angehörige finanziell nicht in der Lage sind, die Beerdigungskosten zu tragen.“

Etwa hundert solcher Fälle kamen bereits in diesem Jahr auf die Bestatter in Hameln zu, also Beerdigungen, die entweder vom Ordnungsamt angewiesen wurden oder wo das Sozialamt die Kosten übernahm. „Das sind meistens einfache Beerdigungen ohne Extras“, so Knut Heine. „Aber im Prinzip unterscheiden sie sich nicht von allen anderen Bestattungen.“

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  • „Die letzte Ehre“, Holzschnitt, 19. Jahrhundert. Copyright für beide Abbildungen: Museum für STod_Letzte_reiseepulkralkultur

Reihum beauftragt das Ordnungsamt die ansässigen Bestattungsinstitute mit der Übernahme von Beerdigungen, bei denen sich keine bestattungspflichtigen Angehörigen finden ließen. Wenn es auch weder Freunde noch Nachbarn gibt, die sich vom Toten verabschieden wollen, fällt die Trauerfeier aus und dem Sarg folgt nur allein der Pastor, der am offenen Grab die üblichen Gebete spricht. „Wir bleiben dann aber auch mit stehen, denn – traurig ist es trotzdem, erst recht, wenn man sich bewusst macht, dass ein Mensch so einsam im Krankenhaus oder Seniorenheim verstarb“, sagt der Bestatter.

Tatsächlich sind es fast immer die alten Menschen, deren Verbindungen zur Welt wie abgeschnitten scheinen, ob sie nun im Krankenhaus sterben, ob Nachbarn auf einen Toten in einer Wohnung aufmerksam werden oder man einen Obdachlosen auffindet, der in einem Park oder einer Friedhofsecke starb.

Christine Barner, Leiterin des Hamelner Ordnungsamtes, beschreibt die oft richtig kriminalistische Nachforschungsarbeit, die gefordert ist, wenn Polizei oder Ärzte einen alleinstehenden Verstorbenen melden und es dann gilt, Angehörige ausfindig zu machen, die über den Tod informiert werden müssen und die als Bestattungspflichtige die Kosten zu übernehmen haben.

„Wir gehen dann in Krankenzimmer oder in die Wohnung der Toten, um das Eigentum zu sichern und vielleicht Hinweise zu finden in den Papieren, Briefen, Fotos“, sagt sie. „Oft können Standesamt und Einwohnermeldeamt nicht weiterhelfen, also ist unser Spürsinn gefragt.“ Alles muss möglichst schnell gehen, denn spätestens nach acht Tagen, so fordert es die gesetzliche Bestattungspflicht, muss der Tote beerdigt sein. „Wir wollen ja nicht jemanden einfach so beerdigen, der doch noch Verwandte hat, denen das Ganze nahegeht.“ Es sei schon ein seltsames Gefühl, als vollkommen Fremder zum Beispiel einem ahnungslosen Sohn den Tod seines Elternteils mitzuteilen.

Ute Kasenberg, die zuständige Sachbearbeiterin im Ordnungsamt Hameln und damit für die konkreten Nachforschungen verantwortlich, erlebt es oft, dass die überraschten Angehörigen dann völlig überfordert sind. „Manchmal trifft man auch auf total zerrüttete Verhältnisse, wo sich Kinder, Geschwister oder Enkelkinder schlichtweg weigern, mit der Beerdigung irgendwas zu tun haben zu sollen“, sagt sie. „Dann müssen wir die Organisation und zunächst auch die Kosten übernehmen, um uns das Geld dann später per Leistungsbescheid wiederzuholen.“

In etwa 50 Prozent der bisher 74 Fälle des Ordnungsamtes musste die Stadt die Kosten tragen. Pro Beerdigung und Grabstätte sind das in Hameln um die 2000 Euro, ein etwas höherer Satz als in manchen anderen Kommunen, da die Grabstätten in Hameln relativ teuer sind. Dabei handelt es sich um Rasenreihengräber, die keiner besonderen Pflege bedürfen. Einen flachen Grabstein gibt es, wie überall, wo eine Grabsteinpflicht von der Friedhofsordnung gefordert wird. Wenn irgend erfahrbar, erfüllt man die Wünsche des Verstorbenen in Bezug auf Feuer- oder Erdbestattung. Eine Todesanzeige aber zum Beispiel ist im Budget nicht eingeplant.

Es sei schon dramatisch, wie sehr die Zahlen der Toten ohne oder mit ganz entfernt lebenden Angehörigen anwachsen, meint Ute Kasenberg. Vor 20 Jahren seien sie als Ordnungsamt höchstens fünfmal im Jahr beteiligt gewesen, im Jahr 2008 seien es 30 Fälle gewesen und nun schon über 70. Fragt man allerdings in den Ordnungsämtern des Landkreises Schaumburg nach, so lassen sich da nicht unbedingt deutliche Steigerungen erkennen. In Rinteln etwa, wo es ebenso eine Reihe von Seniorenheimen und das Kreiskrankenhaus gibt, waren es in den letzten Jahren gleichmäßig durchschnittlich 16, im Jahr 2011 allerdings 22 Fälle; in Obernkirchen sind es jährlich sieben bis acht Fälle, in denen das Ordnungsamt tätig werden muss, wobei sich allerdings fast immer doch noch bestattungspflichtige Verwandte einfinden.

Während die Ordnungsämter im Zuge der „Gefahrenabwehr“ handeln, weil Verstorbene schließlich auch dann zügig bestattet werden müssen, wenn sich keine Familie darum kümmert, haben die Sozialämter auf eine andere, ebenfalls oft tragische Weise mit Tod und Beerdigung zu tun.

73-mal wendeten sich mittellose Angehörige zwischen Januar und Oktober 2012 an die Behörden in Hameln- Pyrmont, um finanzielle Unterstützung rund um eine würdige Bestattung zu erhalten, insgesamt 129 363,26 Euro wurden dafür ausgegeben, was einer durchschnittlichen Beihilfe für jeden Bestattungsfall von 1772,10 Euro entspricht. Im Landkreis Schaumburg kamen auf das zentrale Sozialamt in den letzten acht Jahren durchschnittlich Kosten in Höhe von jeweils etwa 90 000 Euro zu, meistens für um die 40 Verstorbenen, deren Familien Anträge auf Beihilfe stellten.

„Oft geht es sehr emotional zu“

Die Ausgaben pro Beerdigung schwanken, je nachdem, ob Angehörige einen Teil der Kosten übernehmen können oder ob sie eine volle Erstattung benötigen. „Das können mal 1000 Euro sein oder auch bis zu 3000 Euro, je nach Einzelfall“, sagt Gudrun Nordmann von der Außenstelle des Sozialamtes Schaumburg in Rinteln. „Wir haben es ja überwiegend mit Menschen zu tun, die sehr wohl um ihren Toten trauern und eine schöne Beerdigung wünschen. Da tragen wir auch was zum Blumenschmuck bei oder für Organisten und einen Grabredner, wir bezahlen auch die Kapellenbenutzung und im gewissen Rahmen den Grabstein – wobei es meistens so ist, dass die Familien gerade für den Grabstein das Geld selbst aufbringen.“

Ob die Abschaffung des Sterbegeldes, das die Krankenkassen bis zum Jahr 2004 noch auszahlten, dazu führte, dass mehr Familien Beihilfe beantragen, ließ sich für die beiden Landkreise nicht eruieren. Tatsache bleibt, dass es nicht nur Hartz-IV-Empfänger sind, die bei einem Todesfall Unterstützung brauchen, sondern auch sehr viele Rentner, die sich die Beerdigung ihres Partners nicht alleine leisten können.

„Die Gespräche mit den Angehörigen sind so unterschiedlich“, meint Gudrun Nordmann. „Oft geht es sehr emotional zu, Tränen fließen, und es fällt den Menschen nicht leicht, sich in dieser persönlich so schmerzhaften Situation an das Sozialamt zu wenden.“ Anderseits gebe es oft auch sehr abgeklärte Antragsteller, die die Sache einfach nur hinter sich bringen wollen, darunter genau die entfernt lebenden Verwandten, die das Ordnungsamt zuvor erst aufspüren musste. Manche stellen den Antrag bereits vor der Beerdigung, andere kämen erst nach der Beerdigung mit dem Antrag vorbei und nähmen dann Ratenzahlungen in Kauf, wenn sie den Fürsorgegerichtssatz überschritten.

„Natürlich sollten die Kosten so niedrig wie möglich gehalten werden“, sagt Bestatter Knut Heine. „Aber das hört sich schlimmer an, als es in Wirklichkeit ist.“ Mit seriösen Bestattungsunternehmen fände sich immer ein Weg, auch mit relativ wenig Geld eine würdevolle Beerdigung in die Wege zu leiten. Selbst da, wo Pastor und Bestatter die einzigen seien, die einen Toten auf seinem letzten Weg begleiten, werde mitbedacht, dass es irgendwo ja doch noch Menschen geben könnte, die um den Verstorbenen getrauert hätten, wäre ihnen nur die Nachricht zugekommen. „Ja, davon muss man immer ausgehen – dass es trotzdem Menschen gibt, die traurig sind.“

Morgen lesen Sie: Friedhöfe in der Stadt – wo sich der Tod und das Leben begegnen.



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