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Sterbehilfe – ein Thema, das seit Jahrzehnten für hochemotionale Diskussionen sorgt

„Ich kann so nicht weiterleben“

Es ist oft ein schmaler Grat: zwischen Erlaubtem und Verbotenem, zwischen Selbstbestimmung und ärztlicher Pflicht, zwischen Töten und Sterben. Das Thema Sterbehilfe sorgt seit Jahrzehnten für hochemotionale Diskussionen. Einen ersten Höhepunkt erreichten diese hierzulande, als 1984 Julius Hackethal, Klinikchef am Chiemsee, einer unheilbar an Gesichtskrebs erkrankten Frau zu einer tödlichen Dosis Zyankali verhalf. „Bitte helfen Sie mir! Ich kann so nicht weiterleben“, zitierte damals der „Spiegel“ die Bitte der Patientin an den Chefarzt. Kann es illegal sein – so ein damals wie heute oft vorgebrachtes Argument – einem Menschen zu helfen, unheilbarem Leid ein selbstbestimmtes Ende zu setzen?

veröffentlicht am 27.11.2012 um 20:02 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:06 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Wie so oft bei juristischen Themen, ist die Antwort weit komplizierter, als die Frage auf den ersten Blick vermuten lässt – denn Sterbehilfe ist nicht gleich Sterbehilfe.

Verboten ist in Deutschland die aktive Sterbehilfe. Die Definition laut Bundesjustizministerium: Jemand tötet eine andere Person, weil diese sterben will. Der „Sterbehelfer“ steuert die Tötung, nicht der Sterbewillige. Die Tochter, die ihre schwer kranke Mutter mit dem Kissen erstickt, macht sich – auch wenn dies explizit Wunsch der Mutter war – strafbar.

Nicht strafbar ist die passive Sterbehilfe: Lebensverlängernde medizinische Maßnahmen können, wenn der Patient – persönlich oder auch beispielsweise in einer Patientenverfügung – dies verlangt, nicht aufgenommen oder abgebrochen werden. So kann die Beatmungsmaschine eines Sterbenden auf dessen Wunsch abgestellt werden, die lebensverlängernde Bluttransfusion unterbleiben.

Nicht strafbar ist in Deutschland auch die indirekte Sterbehilfe – und hier wird es rechtlich bereits etwas schwieriger. Darunter fällt dann nämlich die sogenannte ,finale Sedierung‘: Einem tödlich Kranken werden Medikamente zur Schmerzlinderung gegeben, die „als unbeabsichtigte oder unvermeidbare Folge eine lebensverkürzende Wirkung haben“, wie die Definition des Ministeriums lautet.

Nicht strafbar ist zudem die Beihilfe zur Selbsttötung. Jemand, der für einen Kranken ein tödliches Gift auf dem Nachttisch platziert und den Raum verlässt, macht sich nicht strafbar. Da die Selbsttötung keine Straftat ist, kann auch die Beihilfe keine sein. Ähnlich handelte übrigens auch Julius Hackethal im eingangs erwähnten Fall. Entscheidend ist: Die Handlung, die zum Tod führt, muss der Sterbewillige selbst ausführen.

So weit die rechtliche Lage. Eine in der Praxis nicht weniger wichtige Rolle spielt jedoch die ärztliche Berufsordnung, und diese untersagt den Medizinern auch den „ärztlich assistierten Suizid“. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, meldete in der vergangenen Woche jedoch an, dass er sich eine juristische Klärung der Frage wünsche, ob sich die Ärzte hier Regeln auferlegen dürften, die strenger ausfallen als die allgemeinen gesetzlichen Vorgaben. Noch im vergangenen Jahr hatte sich Montgomery allerdings mit dafür eingesetzt, dass die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung berufsrechtlich verboten bleibt. Zudem laufen Ärzte als Beihelfer Gefahr, wegen unterlassener Hilfeleistung oder eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verfolgt zu werden.

Blick auf die Nachbarländer

Angesichts der rechtlich schwierigen Situation in Deutschland richten manche Schwerkranke den Blick in die Nachbarländer. Die Niederlande, Belgien, Luxemburg und die Schweiz haben auf unterschiedliche Arten die Sterbehilfe legalisiert. „Sterbetourismus“ ist – so zynisch das Wort klingt – bereits ein Stück europäischer Realität.

Rund 150 Menschen machten sich im vergangenen Jahr auf den Weg in die Schweiz, um dort zu sterben. Ein Grund, warum die Schweiz immer wieder in den Fokus gerät, ist die Organisation Dignitas. Vor sieben Jahren wurde ein deutscher Ableger des Vereins, der in der Schweiz auch „Freitodbegleitungen“ anbietet, in Hannover gegründet.

Für Aufsehen sorgte beispielsweise der durch Dignitas begleitete Selbstmord zweier Deutscher im Auto auf einem Waldparkplatz im Jahr 2007. Zudem wurden wiederholt Zweifel laut, dass die Kosten, die Dignitas für Sterbehilfe-Einsätze berechnet, tatsächlich allein der „Kostendeckung“ dienen.

Die Bundesregierung in Berlin will nun jeder gewerbsmäßigen Sterbehilfe einen Riegel vorschieben. Ein entsprechender Gesetzesentwurf ist vom Bundeskabinett bereits verabschiedet. Voraussichtlich in dieser Woche wird der Bundestag zum ersten Mal darüber diskutieren. Gleichwohl: Laut einer Emnid-Umfrage befürworten 49 Prozent der Bundesbürger die Legalisierung einer kommerziellen Sterbehilfe, 41 Prozent lehnen sie ab. Bei der Sterbehilfe allgemein liegt die Zustimmungsquote in der Regel noch höher.

Letztlich bleibt beim Thema Sterbehilfe jedoch jedem die Hoffnung, sie nie in Anspruch nehmen zu wollen. Beitragen will dazu beispielsweise der Palliativstützpunkt Hameln-Pyrmont, der sich der ganzheitlichen Betreuung von schwerstkranken Menschen im fortgeschrittenen Stadium einer unheilbaren Erkrankung verschrieben hat. Denn der Todeswunsch entsteht nicht selten aus der Angst vor großen Schmerzen, berichten Experten. Sind die Schmerzen beherrschbar, kann auch der Lebensmut wieder wachsen.



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