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„Ich fragte nicht, wie viel Zeit mir bleibt“

Es gab eine Zeit vor etwa zweieinhalb Jahren, da sah Anna (58) wirklich krank und blass aus, und jeder, der sie sah, wusste, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Es war die Zeit, als sie um ihr Leben kämpfte, in einem Krieg gegen den Krebs, dessen wuchernden Zellen sie und die Ärzte mit Chemotherapien entgegentraten. Es bestehe gute Hoffnung, das konnte sie denen, die sie auf ihr krankes, eigentlich todkrankes Aussehen ansprachen, berichten. Wie seltsam, dass sie jetzt gar nicht mehr krank aussieht, nur ein bisschen dünn. Denn damals bestanden wirklich Rettungschancen. Heute aber weiß sie, dass die Krankheit für immer zurückkam, und dass sie nicht mehr lange zu leben hat.

veröffentlicht am 06.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:57 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

„Ich will nicht mehr kämpfen“, sagt sie. „Der Krebs sitzt in meinem Körper und lässt sich nicht mehr von mir trennen. Er ist ein Teil von mir geworden, soll ich gegen mich selbst kämpfen?“ Ein Jahr lang, nach Operation und der äußerst kraftraubenden Chemotherapie, ging es ihr wieder richtig gut, und es sah so aus, als sei nun alles in Ordnung, als sei der Krebs nur eine schreckliche Episode gewesen, aus der sie jetzt in ihr vorheriges Leben zurückgekehrt war, das ihr nun umso wertvoller erschien. „Damals hatte es Sinn, sich auf die Härte der Chemotherapie einzulassen, so, wie man die Schmerzen bei der Geburt eines Kindes erträgt, weil danach ja alles gut ist. Doch mich kann nichts mehr retten. Ich könnte nur versuchen, den Tod noch etwas herauszuzögern.“

Als sich bei einer der vierteljährlichen Routineuntersuchungen ein beunruhigender Befund ergab und sich dann bei einer genaueren Prüfung herausstellte, dass sich doch überall Metastasen gebildet hatten, schien es, als sei die Uhr einfach zurückgedreht worden. Wieder dieser Schock über die Diagnose, die Ungläubigkeit einerseits, eine tiefe Gewissheit andererseits, dass es wirklich wahr ist, und dazu das Gefühl, sich eigenartig nüchtern in einem Traum zu befinden, aus dem man nur aufwachen, endlich aufwachen muss. Einen großen Unterschied allerdings gab es: Im Gegensatz zum ersten Mal konnten ihr die Ärzte keine Hoffnung auf Gesundung machen. Bestrahlungs- oder Chemotherapie würden „palliative Therapien“ sein, nicht auf Heilung ausgerichtet, sondern nur auf eine mögliche Linderung der Krankheitssymptome, auf eine Herauszögerung des unvermeidlichen nahen Endes. „Ich fragte nicht, wie viel Zeit mir bleibt“, sagt sie. „Ich wollte nicht hören ,zwei Monate, ein halbes Jahr, ein Jahr‘. Einer der Ärzte riet mir, noch einmal einen schönen Urlaub zu machen, ein anderer, die Therapie anzunehmen, damit ich vielleicht nicht ganz so jung sterben müsste, sondern ein kleines bisschen später. Zwischen diesen beiden Polen liegt die Zeitspanne.“

Anna brauchte gar nicht lange, um sich gegen lebensverlängernde Maßnahmen der Schulmedizin zu entscheiden. „Ich fühle mich gut, ich merke keine Krankheit. Soll ich das aufgeben, um noch einmal durch die Hölle der Chemotherapie zu gehen? Sterben muss ich sowieso. Was nützt mir ein längeres Leben, wenn ich es damit verbringe, meinen Körper mit Gift zu überschwemmen.“ Ihre Idee: Gemeinsam mit dem Krebs noch eine gute Zeit zu haben.

Natürlich redete sie mit ihren Freunden darüber, auch mit ihren beiden erwachsenen Kindern. „Es ist nicht leicht, mit anderen darüber zu sprechen, dass man bald sterben muss“, sagt sie. „Weder für mich noch für die anderen. Doch ich bin diesen Gesprächen nicht ausgewichen. Ich will nicht als Opfer dastehen, als jemand, der ständig geschont werden muss, den man mit Samthandschuhen anfasst. Mir war schon klar, dass die meisten wollten, ich solle kämpfen, mich nicht einfach einverstanden erklären, den kommenden Tod nicht ohne Widerstand hinnehmen. Aber ich glaube, bei den meisten ist es mir gelungen, meine Haltung verständlich zu machen.“

Die Grundhaltung, sich mit dem Krebs irgendwie zu arrangieren, statt ihn mit Medikamenten zu bombardieren, entstand durch intensive Gespräche mit einem Psychologen, der sich auf den Umgang mit todkranken Krebspatienten spezialisiert hat. Mit ihm zusammen entwickelte sie ihren eigenen Zugang zum ungebetenen Mitbewohner in ihrem Körper. „Wenn ich den Krebs wie einen Fremdkörper bekämpfe, wird er sich wehren“, sagt sie. „Dann erst wird er wirklich zum Fremdkörper, und mir das vorzustellen, finde ich schlimmer als alles andere, dass etwas in mir lebt, was eklig und schrecklich ist. So will ich das einfach nicht sehen, da ich ja weiß: Der Krebs wird sich so oder so nicht vertreiben lassen.“

Also tut Anna alles, um möglichst ohne Krampf den Alltag zu bestehen. Sie ernährt sich gesund, ohne Zucker, ohne Fleisch, aber mit leckerem Käse, Tees von Pflanzen aus dem eigenen Garten und selbstverständlich hier und da auch einem Glas Rotwein. Sie forscht nicht im Internet herum, versucht nicht, sich über 1000 Webseiten eine eigene, vielleicht doch noch positive Diagnose zu erstellen, sondern liest Bücher, die ihr im Buchladen auffallen oder die sie von Freunden geschenkt bekommt, durchaus zufällig, das ist ihr egal. „Mag sein, dass ich blauäugig bin, mag sein, dass ich noch mal anders denke, wenn ein Krankheitsschub mich unwiderruflich niederwirft. Aber im Moment will ich einfach in der Gegenwart leben, von Tag zu Tag.“

Ihre Kinder fragen sie manchmal, ob sie denn nicht wütend sei, dass ausgerechnet ihr so etwas geschehe, dass ausgerechnet sie vielleicht schon in wenigen Monaten nicht mehr leben wird. „Nein“, sagt sie, „ich bin nicht wütend. Ich stelle nie die Frage: Wieso habe ich das verdient? In den Wartezimmern der Onkologen habe ich so viele andere Menschen gesehen, die jünger waren als ich und auf andere Weise noch schlechter dran. In gewisser Weise ist meine Situation auch eine ganz normale. Allerdings bin ich oft traurig. Und manchmal habe ich Angst, was für eine Art des körperlichen Leidens wohl auf mich zukommen wird.“

Und die Angst vor dem Tod, der Auslöschung, dem Nichts? Da lacht Anna: „Ach, mit Anfang 20 habe ich viel mehr über den Tod nachgedacht als jetzt. Ich las das Tibetanische Totenbuch, diskutierte ewig über ein Leben nach dem Tod, beschäftige mich mit den Religionen, ich war richtig ein bisschen todessüchtig, wie allerdings viele Menschen das in genau dem Alter sind.“ Sie denkt nach: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, auch nicht vor dem ,Nichts‘. Ich wusste doch schon immer, dass wir alle nicht ewig leben können. Ich möchte nur, dass es dann ein Einschlafen ist, nicht ein aufgezwungener letzter Kampf.“

Zum Glück dränge sich ihr der Gedanke an den Tod gar nicht besonders auf. Ihr gehe es um das Leben, um das „wunderbare Leben!“ „Ich will ja nicht sterben. Wenn ich könnte, würde ich mich immer fürs Leben entscheiden. Und tue ich denn nicht genau das, indem ich auf einen Kampf, den ich nicht gewinnen kann, verzichte? Ich liebe die Sinnesfreuden und die Kunst, die Musik liebe ich, und meine gemütliche Wärmflasche, mit der ich mich aufs Sofa kuschele.“ Und die Äpfel aus ihrem Garten. Vor der ersten Operation hatte sie zusammen mit ihren Kindern einen Apfelbaum gepflanzt, und in diesem Herbst, in dem sie erfuhr, dass es vielleicht ihr letzter Herbst sein würde, konnten sie sieben große, schöne Äpfel ernten.

„Was wäre, wenn Du nur noch wenig Zeit zu leben hättest?“: Diese Frage ist oft Stoff für interessante Gespräche. Das Spielerische dieses Nachdenkens verändert sich aber grundsätzlich, wenn ein Mensch tatsächlich damit konfrontiert ist, dass eine tödliche Krankheit sein Leben bald beenden wird. Wie kann man damit umgehen, dass man sich demnächst von allem verabschieden muss?



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