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„Ich bin wieder da – ich war niemals weg“

Sind Nahtoderlebnisse ein Beleg für ein Leben nach dem Tod? Warum berichten viele Menschen, die schon einmal klinisch tot waren, von sonderbaren Lichterscheinungen und von einem Tunnel, in den sie scheinbar hineingezogen wurden? Für das Phänomen gibt es bislang keine wissenschaftliche Erklärung – allenfalls Theorien.

veröffentlicht am 28.11.2012 um 16:45 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:07 Uhr

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Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Der 19. April 2001, ein Donnerstag – es ist der Tag, an dem Fahrschullehrer Willi Schmidt beinahe gestorben wäre. Der damals 56-jährige Hamelner fühlt sich nicht gut. Er leidet an Brechreiz, sein linker Arm kribbelt. Am späten Nachmittag steigt er an der Kaiserstraße in seinen Fahrschulwagen. Neben ihm auf dem Fahrersitz hat bereits seine Schülerin Platz genommen. Für die 19-Jährige ist es erst die dritte Fahrstunde – sie wird in wenigen Minuten mit einem traumatischen Ereignis enden. Willi Schmidt verliert kurz vor dem Kreisel am Bahnhofsplatz das Bewusstsein. Der Ford Focus prallt gegen einen Schildermast. Aber das bekommt der Fahrlehrer schon nicht mehr mit. Sein Herz schlägt nicht mehr, seine Atmung hat ausgesetzt. Willi Schmidt ist klinisch tot. Jemand aus der Apotheke informiert den Centralen Krankentransport, der nur wenige Meter entfernt seine Wache hat. Der Lehrrettungsassistent Reinhold Klostermann und der Rettungssanitäter Thomas Niggemann eilen dem Leblosen zu Hilfe. Die Sanitäter erkennen sofort den Ernst der Lage, führen eine Herzdruckmassage durch, beatmen den Mann mit einem speziellen Notfallbeutel. Schmidts Herz flimmert, es pumpt kein Blut mehr durch seinen Körper, so dass die Organe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden. Auf dem EKG-Gerät sind Flimmerwellen zu sehen. Erste Elektroschocks führen nicht dazu, dass Schmidts Herz wieder anfängt, normal zu schlagen. Notarzt und Retter der Feuerwehr treffen ein. Gemeinsam versuchen die Männer, den klinisch Toten ins Leben zurückzuholen – minutenlang ohne Erfolg. Erst nach dem vierten starken Stromstoß springt das Herz des Schwerkranken wieder an. Kurz zuvor gespritzte Medikamente, die die Herztätigkeit anregen und den Blutdruck anheben, zeigen Wirkung.

Um 18.06 Uhr wird Willi Schmidt in die Notaufnahme des Hamelner Krankenhauses eingeliefert. Er kommt sofort auf den Linksherzkathetermessplatz der Kardiologischen Abteilung von Chefarzt Dr. Hubert Topp. Der Zustand des Patienten ist kritisch. Niemand weiß, ob Schmidt überleben wird. Die rechte Herzkranzarterie des Vaters zweier Töchter ist komplett mit einem Blutgerinnsel verschlossen. Während das Gefäß erweitert wird, bricht der Kreislauf des Mannes noch dreimal zusammen, sind immer wieder Nulllinien auf dem Monitor zu sehen. Insgesamt viermal muss Willi Schmidt an diesem Tag ins Leben zurückgeholt werden. Der Infarktpatient liegt tagelang im Koma, er kommt erst am Sonntag wieder zu sich. „Ich habe gesehen, dass ich an Kabeln angeschlossen war und Schläuche in meinen Adern steckten. Dass ich auf einer Intensivstation lag, war mir klar. Nicht aber, was passiert war.“

An die Zeit, in der Willi Schmidt klinisch tot war, kann er sich nicht erinnern. Ein Nahtoderlebnis, wie es viele Wiederbelebte schildern, hat er erstaunlicherweise nicht. Der Kardiologe Dr. Hubert Topp glaubt zu wissen, warum: „Beim Kammerflimmern hat der Organismus kaum noch Zeit, große Mengen Stresshormone auszuschütten. Es geht alles viel zu schnell. Bereits zehn bis fünfzehn Sekunden nach dem Infarkt ist ein Mensch bewusstlos, wenn sein Gehirn keinen frischen Sauerstoff mehr bekommt.“ Er habe in seiner Zeit als Arzt sicher 1000 Patienten, die nach einem Kammerflimmern wiederbelebt wurden, gesehen. Niemand habe ihm von einem Nahtoderlebnis berichtet. Möglich, dass diese Menschen keine bunten Farben, keine langen Tunnel und keine hellen Lichter wahrgenommen haben. Es könnte allerdings auch sein, dass sie Angst hatten, davon zu berichten. „Viele Menschen, die Unerklärbares erlebt haben, sind in Sorge, dass man sie für verrückt erklärt. Sie schweigen deshalb lieber“, erklärt der Neurologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Jens D. Rollnik, Ärztlicher Direktor der BDH-Klinik in Hessisch Oldendorf.

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  • Hat schon 1000 Patienten, die nach einem Kammerflimmern wiederbelebt wurden, gesehen: Dr. Hubert Topp, Chefarzt der Kardiologie im Sana-Klinikum. Foto: hx
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  • War klinisch tot: Der Hamelner Fahrlehrer Willi Schmidt wurde an nur einem Tag viermal ins Leben zurückgeholt. Foto: ube

„Nahtoderlebnisse – dass es sie gibt, lässt sich kaum bezweifeln“, meldete vor wenigen Tagen die Katholische Nachrichtenagentur (KNA). Inzwischen existierten Tausende Berichte von Menschen, die an der Schwelle zum Tod waren. Allein in Deutschland hätten schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung Ähnliches erlebt wie Christine Stein, deren Herz im April 2000 nach einem schweren Verkehrsunfall auf dem OP-Tisch aussetzte, berichtet die Agentur. „Plötzlich schwebte ich unter der Zimmerdecke und sah die Chirurgen um meinen geöffneten Brustkorb stehen. Ich konnte hören, was sie sagten: ,Wir müssen die Kleine zurückholen.‘ Dann war da helles Licht – und dann stieg ich aus und betrat eine andere Welt.“ Nach 23 Minuten hatten die Ärzte Christine Stein reanimiert. „Meine Großeltern brachten mich zurück und sagten mir, dass ich noch eine Aufgabe habe“, beschreibt die Frau das Ende ihrer Reise, die sie in dem Buch „Like an Angel – Einmal Himmel und zurück“ verarbeitet hat.

Seit den Studien des US-Arztes Raymond Moody und der Schweizer Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross in den 70er Jahren hat sich laut KNA eine weltweite Nahtodforscherszene entwickelt. „Das Thema elektrisiert viele Menschen. Für viele steht fest: Die Berichte beweisen ein Weiterleben nach dem Tod. Skeptiker vermuten allerdings halluzinatorische Phänomene im Gehirn, die aus der körperlichen Extremsituation nach einem Unfall oder während einer Operation resultieren.“ Sauerstoffmangel könnte eine Ursache sein, meint Prof. Rollnik. Als Neurowissenschaftler nehme er an, dass Nahtoderlebnisse auf Sauerstoffabwesenheit im Gehirn (zerebrale Anoxie), Sauerstoffmangel (Hypoxie) und einen Überschuss an Kohlendioxid (Hyperkapnie) zurückzuführen sind. Schwerer Stress, etwa zu Beginn eines Sterbeprozesses, führe dazu, dass die Nebenniere große Mengen Stresshormone freisetzt. Auch Endorphine, also körpereigene Opioidpeptide aus dem Nervensystem, die man gemeinhin als Glückshormone bezeichnet, werden ausgeschüttet. „Das führt meiner Meinung nach zu einem halluzinogenen Erleben, ähnlich wie bei einem Opiumrausch.“ Nehme die Sauerstoffversorgung des Gehirns ab, komme es zu narkoseähnlichen Symptomen. Die Hormonausschüttung könne Traumbilder bewirken, aber auch eine Depersonalisation. Viele Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten, wie sie sich von ihrem Körper gelöst haben. „Sie sagen, sie hätten plötzlich über den Dingen geschwebt, von oben herab zugeschaut und zugehört. So etwas kennen wir in der Psychiatrie auch von Psychosen oder von Patienten, die auf einem Drogentrip waren“, berichtet Rollnik.

Das Thema Nahtoderfahrung hat den Neurologen schon als Student beschäftigt. „Mein Großonkel hatte im Alter von 75 einen Herzstillstand und berichtete mir nach seiner Wiederbelebung von seinem Erlebnis. Als er mir beschrieb, wie er an der Decke der Intensivstation geschwebt hatte und zudem noch sagen konnte, welche Ärzte und Schwestern ihn reanimiert hatten, hat mich das schon sehr beeindruckt.“ Rollniks Großonkel hat damals auch erzählt, er sei in einen Tunnel hingezogen worden, an dessen Ende ein helles Licht war. „Dort hätte er seine längst verstorbene Mutter getroffen, die ihm verkündete, die Zeit sei für ihn noch nicht gekommen. Er sagte mir auch, er habe in diesem Moment unendliche Traurigkeit verspürt, weil ihm bewusst wurde, dass er zurück in seinen Körper muss“, berichtet Prof. Rollnik.

Für den renommierten Wissenschaftler ist das allerdings kein Beleg dafür, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. „Niemand, der wirklich tot war, ist jemals wieder ins Leben zurückgekehrt.“ Tot, stellt Rollnik fest, sei nur derjenige, dessen Hirn tot ist. Und das könne man nicht wiederbeleben.

Als Katholik, sagt Rollnik, glaube er allerdings schon an ein Leben nach dem Tod. „Was Menschen mit Nahtoderfahrung berichten, bestärkt mich als Christ in meinem Glauben, dass mein Tod nicht das Ende meiner Existenz bedeutet.“

Für den Kardiologen Dr. Topp steht nur eines fest: „dass es bislang keine wissenschaftliche Erklärung für Nahtoderfahrungen gibt – allenfalls Theorien“. Der Chefarzt hat von seinem Vater erzählt bekommen, was dieser erlebt hat, als sein Herz während einer Schlagaderuntersuchung zu schlagen aufhörte. „Ein massiver Blutverlust hat bei ihm zu einem Schock geführt. Er spürte, wie er langsam wegdämmerte, er fühlte, wie sein Kreislauf versagte. In diesem Moment, berichtete mir mein Vater später, habe er wunderschöne Farben gesehen, die sich miteinander vermischten.“ Eigentlich sei es egal, wie solche Nahtoderlebnisse wissenschaftlich oder religiös gedeutet würden, meint Rollnik. „Sie belegen immerhin, dass das Sterben nicht so schlimm ist, wie wir denken.“

Dr. Topp vermutet, dass zu Beginn des Sterbeprozesses in bestimmten Hirnarealen noch Restaktivitäten vorhanden sind, die solche Bilder auslösen. „Im Rauschzustand nehmen Drogenabhängige ähnliche Farbenspiele wahr. Alkoholiker sehen im Delirium sogar Mäuse oder Elefanten.“ Dass scheinbar klinisch Tote hören können, was um sie herum geschieht, will Topp nicht ausschließen. „Durch die Herzdruckmassage wird das Gehirn ja wieder durchblutet. Warum sollten die Ohren da taub sein?“ Ähnlich wie beim Träumen könnte das Gehirn während eines länger andauernden Kreislaufstillstands abgespeicherte Bilder zu neuen Sequenzen zusammensetzen.

Fahrlehrer Willi Schmidt kann da nicht mitreden. Er hat nach seiner Genesung in der Dewezet eine Anzeige geschaltet und sich bei seinen Lebensrettern bedankt. Als Überschrift wählte er: „Ich bin wieder da – ich war niemals weg.“



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