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Gestorben wird immer – wer aber verdient am Tod? Und hat Würde etwas mit Geld zu tun?

Ein todsicheres Geschäft

Das letzte Hemd hat keine Taschen – umsonst ist es deshalb aber nicht: Ein ganzer Wirtschaftszweig lebt in Deutschland vom Tod. Und das Geschäft mit dem Sterben ist ein äußerst lukratives. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten hat die Bestattungsbranche weder unter Konjunkturschwankungen noch unter Auftragsmangel zu leiden. Gestorben wird schließlich immer.

veröffentlicht am 23.11.2012 um 18:34 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:08 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Und doch befindet sich der Bestattungsmarkt im Umbruch. Nicht nur werden in Hameln immer weniger Menschen beigesetzt – die Zahl der Begräbnisse auf städtischen Friedhöfen ist von 752 im Jahr 2003 auf 600 im Jahr 2011 um mehr als 20 Prozent gesunken –, ein gesamtgesellschaftlich beobachtbarer Wertewandel bringt zudem eine Trendwende hin zur günstigeren und weniger aufwendigen Feuerbestattung mit sich. Und: Auch in der Bestattungsbranche wächst die Konkurrenz durch Billiganbieter, die mit Beerdigungen zu Dumpingpreisen locken oder „Kaffeefahrten“ im Reisebus nach Osteuropa organisieren, wo die Verstorbenen kostengünstig im Akkord eingeäschert werden können.

„Hier in der Region sind Billig-Bestattungen noch kein großes Thema“, berichtet Andreas Garvens. Im Alter von 23 Jahren machte der Aerzener sich mit seinem Bestattungshaus selbstständig. 17 Jahre ist er inzwischen im Geschäft, hat mittlerweile eine Zweitniederlassung am Hamelner Thiewall eröffnet. Dass sich Bestattungs-Discounter, wie es sie in Berlin gibt, in Hameln bislang nicht durchsetzen konnten, liegt, so Garvens, vor allem an den ländlichen Strukturen: „Der Preis hängt immer mit einer gewissen Leistung zusammen. Sinkt der Preis, leidet automatisch die Qualität – und grobes Fehlverhalten kann man sich im ländlichen Bereich nicht leisten.“ Bei manchem Unternehmen könne man von einer Beisetzung kaum noch sprechen, „die ,entsorgen‘ den Leichnam“, sagt Garvens.

Nicht zwangsläufig müsse Würde etwas mit Geld zu tun haben, erklärt der Bestattungsunternehmer weiter. Es gäbe Bestatter, die ihren Kunden den einfachen Sarg aus Fichten- oder Kiefernholz zugunsten des teureren Eichenmodells mit Messingbeschlägen ausreden würden – die Frau Großmutter solle schließlich eine würdige letzte Ruhe finden. „Wenn es aber der letzte Wunsch eines Menschen war, schlicht und ohne hohe Folgekosten für die Grabbepflanzung oder -einfassung beigesetzt zu werden, dann erinnere ich die Hinterbliebenen daran, bevor sie zu Mahagonisarg und Wahlgrab in bester Lage greifen“, erzählt Garvens.

Andererseits warnt der Bestatter Angehörige auch vor übereilter Pragmatik. In einer zusehends von Mobilität geprägten Gesellschaft werden regelmäßige Friedhofsbesuche und eigenhändige Grabpflege selten, auf Orte der Erinnerung wird immer weniger Wert gelegt, christliche Normen verlieren an Bindungskraft. „Auch wenn man es angesichts all der Formalitäten und ungeliebten Behördengänge, die im Todesfall auf die Hinterbliebenen zukommen, nicht glauben mag: Es ist wichtig, einen Ort zum Trauern zu haben“, mahnt Garvens, „eine Entscheidung für ein anonymes Urnengrab etwa kann später nicht rückgängig gemacht werden.“

Allen moralischen und seelsorgerischen Überlegungen zum Trotz ist und bleibt das Konzept der letzten Ruhe, bleibt die Forderung nach Totenruhe, nach einem Abschied in Würde ein Geschäftsmodell. In der Vorstellung, die Würde des Menschen würde den Tod überdauern, seine Seele weiterleben, schalten wir Traueranzeigen und Nachrufe in der örtlichen Tageszeitung, beauftragen Trauerredner, ergreifende Abschiedsreden auf die Lebensleistung unserer Angehörigen und Freunde zu verfassen, lassen unseren Schmerz über das Ableben einer geliebten Person von Steinmetzen in Granit meißeln und erkaufen dem Verstorbenen durch die Entrichtung einer Grabnutzungsgebühr 20 bis 25 Jahre Ruhe. Und trauern dabei häufig vor allem um eines: unser Geld.

Geht ein Mensch den Weg alles Irdischen, müssen im Schnitt 4500 Euro in die Hand genommen werden. „Die reine Bestatterleistung“, sagt Andreas Garvens, „liegt bei 1500 bis 3500 Euro.“ Enthalten sind hier unter anderem die Kosten für den Sarg und die Sargauskleidung, Einbetten, Waschen und Ankleiden des Verstorbenen, die Überführung zur Leichenhalle, die Organisation der Trauerfeier sowie die Erledigung schriftlicher Formalitäten. Hinzu kommt eine Reihe von Posten, die durch die Friedhofsgebührensatzung der Stadt Hameln geregelt ist: Eine Erdbestattung kostet 600, eine Urnenbeisetzung 75 Euro, die Benutzung der Kapelle 189 und der Leichenhalle 73 Euro, die Nutzungsgebühr für eine Wahl-Erdgrabstätte 1500 bis 1750 Euro, ein anonymes Urnengrab 950 Euro. Die Liste setzt sich entsprechend fort.

In diversen Internetforen wimmelt es vor Anleitungen und Checklisten für „Do it yourself“-Bestattungen, die das Hinzuziehen eines Bestattungsunternehmens scheinbar überflüssig machen. Bis zu 36 Stunden darf ein Verstorbener in aller Regel im Haus verbleiben – Zeit genug, um telefonisch Preisvergleiche für Sarg und Transport im Bestattungsfahrzeug anzustellen, Leichenschaupapiere und Todesbescheinigung anfertigen zu lassen, den Verstorbenen zu waschen, anzukleiden und zu frisieren, damit man ihn zügig unter die Erde bekommt. Nebenbei seien allerhand Behördengänge zu erledigen, Friedhofs- und Standesamt müssen aufgesucht, Sarg- oder Urnenträger beauftragt, Gebühren entrichtet werden. Doch einige Fragen bleiben offen: Hebt der Friedhofswärter das Grab aus oder übernimmt dies eine spezielle Firma? Wer kümmert sich um den Organisten? Und muss etwa das Läuten der Totenglocke extra bei Gemeinde oder Kirche bestellt werden?

Wer ein Bestattungsunternehmen mit der Abwicklung von Beerdigung und Trauerfeier beauftragt, spart also in jedem Fall Nerven – Nerven, die gerade in Zeiten der Trauer ohnehin blank liegen. Und was das Finanzielle angeht: An einigen Stellschrauben lässt sich sicher drehen. Gebühr bleibt allerdings Gebühr – egal, wer was beantragt, bezahlt oder vorstreckt.

Übrigens: Selbst die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte verdient am Tod. Für Musik, die bei Bestattungen abgespielt wird, erhebt die Gema pauschal 15 Euro. Traurig sind Beerdigungen eben vor allem für die Hinterbliebenen – für viele andere sind sie ein Geschäft. Und kein schlechtes.



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