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Dr. Günther – ein „Anwalt der Toten“

TV-Gerichtsmediziner wie Quincy oder Prof. Karl-Friedrich Boerne aus dem Münsteraner „Tatort“ locken Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte. Für Dr. Detlef Günther gehört die tägliche Begegnung mit dem Tod zum Berufsalltag. Wie geht er damit um, wie gelingt es ihm, Distanz zu wahren? Wir haben mit dem Rechtsmediziner über seine Arbeit gesprochen.

veröffentlicht am 09.11.2012 um 11:08 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:40 Uhr

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Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Die Tote aus Kühlfach Nr. 4 kommt um 10.30 Uhr an die Reihe. Gleich nach dem Totenschädel, den Spaziergänger im Deister bei Springe gefunden haben. Präparator Michael Erdmann legt schon mal die Instrumente bereit: scharfe Skalpelle, Messer und Scheren. Dr. Detlef Günther, Leitender Oberarzt des Instituts für Rechtsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), und sein Mitarbeiter, der Gerichtsmediziner Roman Wolff-Maras, werden in wenigen Minuten die Leiche einer am Vortag verstorbenen Frau im Auftrag der Staatsanwaltschaft Hannover untersuchen. Wie immer geht es um die Frage, ob ein Fremdverschulden Ursache des Todes war. Wenn das ausgeschlossen werden kann, hören die Nachforschungen auf. Ob ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder ein Gefäßverschluss zum Tod eines Menschen, der in die Rechtsmedizin gebracht wurde, geführt hat, ist für einen Forensiker zweitrangig. „Wir sind Rechtsmediziner und keine Pathologen“, stellt der 58-jährige Dr. Günther klar – und erklärt den Unterschied: „Gerichtsmediziner untersuchen Sterbefälle, wenn der Verdacht auf Fremdverschulden im Raum steht. Pathologen kümmern sich primär um diagnostische Befunde bei Patienten, die in einer Klinik behandelt werden. Dazu gehört auch die Untersuchung von Gewebeproben, die bei Operationen entnommen werden.“ Pathologen würden allerdings auch Sektionen machen. „Die Kollegen untersuchen jedoch in der Regel Personen, die im Krankenhaus verstorben sind. Sie kümmern sich um natürliche Todesfälle, wir um die unnatürlichen.“

Dr. Günther legt seinen grünen Mundschutz an, zieht sich hellgelbe OP-Handschuhe über. Seine Augen haben an diesem Tag bereits die sterblichen Überreste von 21 Menschen gesehen. Um 6.50 Uhr hatte der 58-Jährige im Krematorium in Lahe damit begonnen, amtliche Leichenschauen durchzuführen – so sieht es das Gesetz vor, denn: „Ist ein Toter erst einmal verbrannt, lassen sich Tötungsdelikte nur noch schwer nachweisen“, sagt der Rechtsmediziner. Allenfalls könnten in der Asche immerhin noch Giftstoffe wie Arsen gefunden werden.

Auf Transportbahren aus Edelstahl haben die Präparatoren inzwischen die „Neuzugänge“ in den Sektionssaal des Instituts für Rechtsmedizin geschoben – eine offenbar noch junge Frau und zwei ältere Männer. Es sind sogenannte „Polizeileichen“. So nennen Gerichtsmediziner die Toten, die von Polizisten beschlagnahmt wurden.

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  • „Pupillen lichtstarr und geweitet“ – der stellvertretende Institutsleiter Dr. Detlef Günther spricht im Beisein seiner Kollegen Roman Wolff-Maras und Annika Hasselberg die Ergebnisse der Obduktion auf Band. Fotos: ube

Auf einem Podest, nur anderthalb Meter vom Sektionstisch entfernt, sitzt eine Kriminalbeamtin. Sie blättert in einer dünnen Akte, die vor ihr auf einem kleinen Schreibtisch mit Telefon liegt. Dr. Günther und Roman Wolff-Maras gehen zu ihr und lassen sich den Fall der Toten aus Kühlfach Nr. 4 schildern. Sie erfahren: Der Ehemann hat die Enddreißigerin am frühen Morgen leblos im Bett gefunden und noch versucht, seine Frau wiederzubeleben.

Wenn der Staatsanwalt eine Obduktion anordnet

Der Notarzt habe eine unnatürliche Todesart attestiert, und der von Todesursachen-Ermittlern befragte Hausarzt könne sich nicht erklären, warum seine scheinbar gesunde Patientin so plötzlich gestorben ist. Dadurch ist die Tote zu einem Fall für die Rechtsmedizin geworden. Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion angeordnet. Laut Strafprozessordnung müssen zwei Rechtsmediziner die Autopsie im Beisein von mindestens einem Polizisten oder einem Staatsanwalt durchführen. Rund 1000 Euro kostet eine forensische Sektion. Privatobduktionen, die jedermann in Auftrag geben kann und die von nur einem Arzt erledigt werden dürfen, schlagen lediglich mit 300 Euro zu Buche.

Es ist ruhig im Saal. Der Minutenzeiger der großen Uhr springt auf die 6. Es ist 10.30 Uhr. Im Gebäude I 6 der MHH beginnt die erste Obduktion des heutigen Tages. Zunächst schauen sich Dr. Günther und Wolff-Maras die Tote sehr genau an. Jeder Quadratzentimeter Haut wird nach Auffälligkeiten wie ungewöhnlichen Verfärbungen oder Einstichstellen abgesucht. Nach wenigen Minuten steht fest: Zeichen äußerer Gewalteinwirkungen lassen sich nicht finden.

Die Augen der Toten wecken das Interesse der Forensiker. „Pupillen lichtstarr und geweitet“, spricht Dr. Günther in das Diktiergerät, das er in seiner rechten Hand hält. Die weiten Pupillen deuten auf eine Hirnschwellung hin. „Das könnte ein Zeichen für eine Intoxikation, also eine Vergiftung, sein“, erklärt der stellvertretende Institutsleiter.

Mit einer Bügelsäge hat Präparator Erdmann den Schädel geöffnet, so dass das Gehirn gewogen und untersucht werden kann. Am Fuß-ende des Sektionstisches befindet sich ein kleiner Untersuchungsplatz. Dort wird jedes Organ gewogen, in Scheiben geschnitten und dabei in Augenschein genommen. „Wir nennen das Lamellieren. Diese Methode erlaubt es uns, Schicht für Schicht ins Innere der Körperorgane zu schauen.“ Die Rechtsmediziner sehen sofort, dass eine Hirnschwellung vorliegt – ein weiteres Zeichen für eine Vergiftung oder einen Erstickungstod.

Roman Wolff-Maras öffnet mit einem großen vertikalen Hautschnitt den Brustkorb der Toten und legt die inneren Organe frei. Nach und nach werden Herz, Lungen, Leber, Nieren, aber auch die Schlagadern und der Hals, unter die Lupe genommen. Die Ärzte stellen von jedem Organ Proben sicher. Diese werden in ein Glas mit Formalin gelegt. In der farblosen Flüssigkeit können sie zwei Jahre lang aufbewahrt werden – und danach immer noch ihre Geheimnisse preisgeben. Die angehende Rechtsmedizinerin Annika Hasselberg wiegt jedes Organ und notiert dessen Gewicht an einer kleinen weißen Tafel.

Der Herzmuskel ist linksseitig verdickt. Die Frau dürfte zu Lebzeiten hohen Blutdruck gehabt haben. Die Lunge ist mit Wasser gefüllt. Wieder ein Indiz für Vergiftung oder Ersticken.

„Krimi zeigt, dass wir nur einen Job machen“

Nach einer Stunde ist die Autopsie abgeschlossen. Dr. Günther geht durch den Sektionssaal, diktiert den Befund. Er kommt zu dem Ergebnis: Woran die Frau gestorben ist, „lässt sich nicht sicher feststellen“. Drei Todesursachen sind möglich: eine Vergiftung, eine Herzmuskel-Entzündung und ein Flüssigkeitsmangel zum Beispiel durch starken Durchfall. Woran die Frau gestorben ist, ließe sich nur durch weitergehende Untersuchungen im Labor der Rechtsmedizin klären – die kosten den Staat allerdings Geld. Da sich die Staatsanwaltschaft nicht für natürliche Todesursachen interessiert, sind weitere spezifische Nachforschungen nicht erforderlich. „Ein Gutachten über eine mögliche Vergiftung wäre in diesem Fall allerdings angeraten“, sagt Dr. Günther und schaut dabei die Kriminalbeamtin an. Die nickt kurz – und gibt damit grünes Licht für weitere Untersuchungen. „Vielleicht“, meint Dr. Günther, „steht am Ende ja fest, dass die Frau an einer Vergiftung gestorben ist. Wir wüssten dann zwar, dass es sich um einen unnatürlichen Tod gehandelt hat, nicht aber, ob ihr Gift verabreicht wurde oder sie es selbst zu sich genommen hat. Das ist aber auch Sache der Polizei, das herauszufinden.“ Anders als bei TV-Sendungen wie „Der letzte Zeuge“ oder seinem US-amerikanischen Kollegen „Quincy“ ermittelt der Rechtsmediziner ausschließlich am Leichenfundort, im Krematorium, im Sektionssaal oder im Labor. „Wir sind nicht mit der Polizei am Tatort und stellen Beschuldigten Fragen“, sagt Dr. Günther. „Der letzte Zeuge“ sei allerdings „sehr schön gemacht“ und recht nah dran an der Realität. Auch den „Tatort“ aus Münster, in dem Jan Josef Liefers den Gerichtsmediziner Prof. Boerne spielt, findet der Rechtsmediziner gut. „Weil da auch der Humor nicht zu kurz kommt. Der Krimi zeigt, dass wir auch nur einen Job machen.“ Dr. Günther sieht sich, wie er selbst sagt, „als Anwalt der Toten“. „Die Opfer hätten sicher ein Interesse daran, dass ihr Tod aufgeklärt wird“, meint der Mann, der seit 1981 „mehrere Tausend Leichen obduziert hat“. Wie viele es genau waren, weiß der 58-Jährige nicht. An seinen spektakulärsten Fall kann sich der Familienvater noch sehr genau erinnern. Es ging um einen Flugzeugabsturz in der Nähe von Hildesheim. „Vier Leichen wurden zu uns gebracht. Was zunächst niemand bemerkt hatte: Zwei Flugzeuginsassen hatten Schussverletzungen. Am Ende stand fest: Es war ein Mord über den Wolken. So etwas hatte es noch niemals zuvor in Deutschland gegeben. Wir haben den Fall sogar publiziert.“ Wer der Täter war, ließ sich allerdings nicht feststellen.

Schon während des Studiums hat sich Dr. Günther entschieden, Facharzt für Rechtsmedizin zu werden. Wie ein Kriminalist zu denken und zu kombinieren, das mache ihm Spaß. Womöglich habe er damals zu viele Krimis gelesen, sagt der Hannoveraner und lächelt verschmitzt. „Als Gerichtsmediziner muss man neugierig sein und Rätsel lösen wollen.“ Der Beruf sei vielseitig. Nur etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit verwende er darauf, Leichen zu obduzieren. „Wir untersuchen ja nicht nur Tote, sondern auch viele Menschen, die Gewaltattacken überlebt haben.“ Außerdem müssten viele Gutachten geschrieben werden. Auch im Gerichtssaal habe der Rechtsmediziner einen festen Platz als Sachverständiger. Deshalb müsse er sich – anders als der Pathologe – psychiatrisch weitergebildet haben.

Wegen all der Bilder, die tagein, tagaus auf einen Rechtsmediziner einwirken, wird Dr. Günther nicht nur von Medizinstudenten gefragt, ob der Beruf Spuren hinterlässt. „Wir müssen die notwenige Distanz zu dem Toten wahren. Es hilft sehr, dass wir unsere Patienten nicht zu Lebzeiten gekannt haben. Für uns ist das ein toter Körper. Meinen Nachbarn würde ich nicht obduzieren.“ Dennoch gab es schon Fälle, die Dr. Günther bis in den Schlaf verfolgt haben. „Wenn Kinder beteiligt sind, beschäftigt mich das emotional stärker. Aber wir dürfen das Leid nicht mit nach Hause nehmen, sonst würden wir ja depressiv.“ Dr. Günther hat Bereitschaftsdienst. Er sitzt in seinem kleinen Büro im ersten Stockwerk und schreibt Gutachten. Um 19 Uhr klingelt sein Diensthandy. Er wird nach Hildesheim gerufen, soll in einer Polizeiwache eine „körperliche Untersuchung“ durchführen. Diesmal ist es eine Frau, die einer Gewalttat beschuldigt wird. Das Opfer liegt im Krankenhaus.

Erst um 22 Uhr ist Dr. Günther daheim. Ein 15-Stunden-Tag geht zu Ende – wenn das Handy nicht wieder klingelt und eine Polizeidienststelle nach einem Rechtsmediziner verlangt.



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