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Ist das Präparieren von Leichen im Medizinstudium überhaupt noch zeitgemäß?

Die Aufschneider

Mit dem Skalpell in der Hand werden die Zensuren unwichtig. Wer heute in Deutschland Arzt werden will, muss einen Notendurchschnitt von mindestens 1,1 vorweisen oder einen der zahlreichen Anwälte bemühen, die auf das Einklagen von Medizinstudienplätzen spezialisiert sind. So oder so ein nervenaufreibendes Verfahren. Aber hier, im Neonlicht der fensterlosen Räume im Anatomischen Institut, verblasst die Aufregung um den Studienplatz. Jetzt gilt es, einem toten Menschen die Haut aufzuschneiden. Kein leichter Auftrag für die angehenden Ärzte, die mindestens Scheu, oft auch Ekel und sogar Angst überwinden müssen. Gerade deshalb gilt der Präparierkurs seit Jahrhunderten als unentbehrlich für die Medizinerausbildung.

veröffentlicht am 07.11.2012 um 19:02 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:44 Uhr

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Autor:

Stefan Arndt

Vom anatomischen Theater des Andreas Vasal in Padua des 16. Jahrhunderts bis hin zu Gunther von Hagens „Körperwelten“ – kaum ein Fach ist so schillernd wie das der „Aufschneider“, als die man die Anatomen in wörtlicher Übersetzung aus dem Griechischen bezeichnen kann. Und noch immer ist die Anatomie die Königsdisziplin der ersten Lehrjahre eines Arztes, die ihn von anderen Studenten unterscheidet. So ist das Aufschneiden einer Leiche eine Art Initiationsritual. „Wer das hier nicht schafft, ist für den Beruf nicht geeignet“, haben Generationen von Ärzten gehört – und zugeschnitten.

Umso erstaunlicher, dass nun einer der renommiertesten deutschen Anatomen genau dieses Ritual für völlig unzeitgemäß hält. Herbert Lippert, bis zu seiner Emeritierung 1992 Professor in Hannover, hält die zunehmende Betonung der Leichenanatomie im Studium sogar für bedenklich.

Der einfachste Grund dafür ist rein fachlicher Natur: Präparierübungen seien noch immer der beste Weg, die Leichenanatomie zu studieren, schreibt Lippert in einem Beitrag im „Deutschen Ärzteblatt“ – „aber die Leichenanatomie ist nicht identisch mit der Anatomie der Lebenden“.

Über Jahrhunderte wurden den Medizinern die Leichen von Hingerichteten überlassen. Man habe damals in der Leiche „das Bild des gesunden Menschen gefunden“, sagt Lippert. Heute dagegen habe man es mit Spendern zu tun, die sich zu Lebzeiten dafür entscheiden, ihren Körper nach dem Tod der Lehre zu überlassen. Das Bild ist daher verzerrt. „Meist geht es um Leichen von sehr alten Menschen“, sagt Lippert und zählt auf, welche Folgen das hat: Muskeln abgebaut, Knochen porös verformt, Gelenkveränderungen und fehlende Organe. Nimmt man noch die lange Lagerung der Leiche hinzu, bekommen die Studenten eine falsche Vorstellung von der Anatomie eines gesunden Menschen.

Das Hauptproblem jedoch sieht Lippert in einer Geisteshaltung, die sich den Medizinern im Präparierkurs einprägt. „Die Auseinandersetzung mit dem Tod, die dabei stattfindet, sollte zur Sozialisierung des Arztes beitragen“, sagt Lippert. Aber häufig sei das Gegenteil der Fall. „Wenn man die Studenten in die Situation hineinwirft, verarbeitet rund die Hälfte von ihnen die Todesnähe nicht – sie verdrängt sie.“ Das kann zur Folge haben, dass sie den Patienten nicht mehr als Mensch erleben, sondern nur als medizinisches Problem.

Diese Tendenz verschärft sich seit einigen Jahren, weil an vielen Hochschulen gar keine Ärzte mehr Anatomie lehren: Rund die Hälfte aller Anatomieprofessuren an deutschen Hochschulen ist heute von Biologen besetzt.

Die Lösung, die Lippert für diese Probleme vorschlägt, klingt erstaunlich einfach. „An der Leiche führt kein Weg vorbei“, sagt er – aber nicht jeder Student müsse auch selbst an einer Leiche stehen. Nur wer sich dafür interessiert, kann Anschauungspräparate herstellen. Die übrigen können mithilfe von bildgebenden Verfahren wie Ultraschall, Endoskopie und MRT die Anatomie korrekter als mit der althergebrachten Methode erlernen. Statt die Körper von Leichen zu zergliedern, sollten sich die Studenten lieber gegenseitig betrachten und abtasten. „Dabei kann man gut 80 Prozent der für eine Untersuchung erforderlichen Anatomie erkennen“, sagt Lippert.



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