weather-image
13°
Was ist so schwierig daran, auf der Bühne zu sterben? Professor Titus Georgi erklärt es

Der Tod als Grundausstattung des Theaters

Es ist der Höhepunkt jedes tragischen Konflikts: Die Dramenfigur stirbt auf der Bühne vor den Augen des Theaterpublikums. Seit fünf Jahren arbeitet TTitus Georgi (42) als Professor für Schauspiel an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH). Schon zweimal hat der auch als Regisseur tätige Schauspieldozent auf der Bühne einen Toten verkörpert: Einmal wurde er erschossen und musste sehr lange scheinbar leblos auf der Bühne liegen; ein anderes Mal wurde er erstochen. Im Interview spricht er darüber, wie das überhaupt geht.

veröffentlicht am 19.11.2012 um 15:36 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:08 Uhr

270_008_5954648_ku102_0711_1_.jpg
Julia-Marre-Redakteur-Kultur-Dewezet

Autor

Julia Marre Reporterin zur Autorenseite

Herr Professor Georgi, gibt es eigentlich den idealen Bühnentod?

Den gibt es in der Weise nicht. Wie man das perfekt macht, kann so unterschiedlich sein wie die jeweilige Situation: Stirbt jemand Altes oder jemand Junges, in einer Auseinandersetzung oder kämpft jemand gegen seinen Tod an? Es gibt sehr unterschiedliche theatrale Darstellungsformen. Wenn man sich so etwas naturalistisch anschaut, gibt es ein paar Punkte, die ähnlich sein könnten: wie der Körper allmählich an Kraft verliert, wie die Konzentration schwindet. Dramatisch sind natürlich die Situationen, in denen die Sterbenden am Leben festhalten wollen. Soweit der technische Teil. Je nach theatraler Form kann es perfekt sein, wenn ein Spieler einfach abgeht und nichts sagt. Das kann sehr ergreifend sein. Dann hat man als Zuschauer das Gefühl, jemand spielt nicht die allgemeine Vorstellung vom Tod, sondern seine ganz konkrete. In einer Inszenierung habe ich eine ganz phänomenale Todesdarstellung gesehen: Eine Figur hat eine Viertelstunde lang getanzt und ist dabei immer wieder hingefallen.

Wie unterrichtet man das überhaupt: Sterben auf der Bühne?

Das gehört zu allem dazu. Zufälligerweise gab es erst letzte Woche bei uns so ein Thema. In einer Improvisation haben wir gespielt, dass jemand neben einem Toten aufwacht. Das Spannende daran: Es war für diejenigen, die den Toten gespielt haben, viel schwerer als für die, die darauf reagieren mussten.

Weshalb?

Weil sie zwar die Augen geschlossen halten, aber dafür unglaublich wach dafür sein mussten, was als nächstes mit ihnen passieren kann. Manche haben versucht, den Toten zu kitzeln oder zu küssen. Das ist unglaublich schwierig. Generell sind es natürlich verschiedene Elemente, die eine Rolle spielen: nämlich die eigene Vorstellungskraft und auch die körperliche Durchlässigkeit für Emotionen und Gedanken. Einen Sterbenden zu spielen ist so wesentlich wie einen Verliebten zu spielen.

Was ist die größte Herausforderung daran, in die Rolle eines Sterbenden zu schlüpfen?

Es ist in jedem Fall überhaupt eine große Herausforderung, weil man sich trauen muss, sehr persönlich zu sein. Es erfordert viel Mut, da man sich unsicher zeigt, sehr unsicher.

Aber auf der Bühne ist der Tod doch gar kein Tabuthema, oder?

Es gibt eine sehr abfällige Äußerung von Georg Büchner über das Trauerspiel: „Am Ende verlieben sie sich oder bringen sich gegenseitig um.“ Wirklich als Tabu erlebe ich den Tod auf der Bühne nicht, er wurde auch nie so wahrgenommen. Eher als unnötig, manchmal als Effekthascherei, dann wieder als erschreckend und ergreifend. Das Theater beschäftigt sich schon viel zu lange damit: immerhin seit der griechischen Tragödie. Der Tod gehört sozusagen zur Grundausstattung.

Gibt es auch skurrile Bühnensituationen, die Sie zum Thema Tod erlebt haben?

Ja, in meiner Inszenierung der „Jungfrau von Orleans“ spielte ein Kollege mit, der schon viele Male auf der Bühne gestorben ist. Das Stück ist im Hundertjährigen Krieg angesiedelt, es sterben viele. Und es gab Doppelbesetzungen, also jeder spielte mehrere Rollen. Das ergab, dass mein Kollege gleich zweimal im selben Stück stirbt. Das ist ein schräger Moment dieses Berufs.

Wie sieht es eigentlich mit der Todesursache auf der Bühne aus? Einen Autounfall erlebt man im Theater ja eher selten …

Es gibt natürlich eine ganze Menge gewalttätige Morde, Kriegssituationen oder Duelle wie in „Romeo und Julia“, dazu Varianten von Vergiftung, bei „Othello“ wird zum Beispiel jemand erdrosselt. In „Peer Gynt“ gibt es diese berührende Szene, in der eine alte Frau mit ihrem Sohn reden will, der ihr aber gar nicht zuhört. Sie spricht nur mit ihm, weil sie seine Nähe sucht – und dabei stirbt sie. Selbstmorde sind auch häufig auf der Bühne, wenn Leute einfach ins Wasser gehen. Dass jemand einfach von einem Ast erschlagen wird, so etwas ganz Banales, das nicht so.

Und Todesfälle infolge von Krankheiten, etwa ein Herzinfarkt?

Das passiert sehr oft. Aber es funktioniert eben auch, indem jemand auf der Bühne die Nachricht vom Tod eines Angehörigen erhält und darauf reagieren muss.

Manchmal – je nach Situation und Stück – ist es ja besonders ergreifend, wenn ein Tod nur angedeutet wird, indem beispielsweise jemand wortlos verschwindet.

Ja, das stimmt. Früher gab es Aufführungen, in denen zeitgleich fünf Leute tot auf der Bühne lagen. Zurzeit lösen die meisten Regisseure das anders. Es gibt aus der theatralen Perspektive ein Misstrauen gegenüber der illustrativen naturalistischen Vollausstattung. Was ergreifend ist, hängt immer von unseren Sehgewohnheiten ab.

Zur Info: So viele Bühnentode gab es schon 2012

Im Jahr 2012 sind auf der Hamelner Theaterbühne 32 gespielte Todesfälle zu verzeichnen – in 112 Schauspiel-Aufführungen. Schon am 11. Januar starben hier die ersten Charaktere: In „Der kleine Horrorladen“ futterte die fleisch- und menschenfressende Pflanze hungrig drauflos. Dass „Kindsmord“, Peter Turrinis Drama, entfallen ist, schönt die Statistik. Die Art indes, wie auf Hamelns Bühne in diesem Jahr gestorben wird, ist unterschiedlich: Doris Kunstmann entschläft in ihrer Rolle der alten Penelope sanft im Korbsessel. Im Musikdrama „Der Ghetto Swinger“, das teils im KZ Theresienstadt spielt, werden Gaskammer-Morde angedeutet. Und in „Der Goldene Drache“ verblutet ein Chinese.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare