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Den letzten Weg gemeinsam gehen

„Hospiz“, ein Wort, das oft Gänsehaut auslöst, denn man bringt es sofort mit „Tod“ in Verbindung. Es gibt nicht nur stationäre Hospize, in vielen Städten existieren inzwischen Hospizvereine, die für ambulante Begleitungen ehrenamtliche Sterbebegleiterinnen ausbilden. Jeder kann den Hospizverein anrufen, ob Pflegedienst, Hausarzt, Nachbar, Angehöriger oder der Kranke selbst. Auch die Konfession spielt keine Rolle. Früh genug mit dem Hospizverein Kontakt aufzunehmen ist hilfreich für alle Beteiligten.

veröffentlicht am 19.11.2012 um 10:05 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:08 Uhr

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Autor

Bärbel Lucas Redaktionssekretärin

Irgendwo im Landkreis Schaumburg: Eine Frau steht vor einer Haustür und ist im Begriff zu klingeln. Sie ist völlig normal gekleidet. Die Haustür öffnet sich zögernd, ein höchstens zehn Jahre alter Junge schaut die Frau mit großen Augen ziemlich fassungslos an und rennt zurück ins Haus. Durch den Türspalt ist zu hören: „Die Hospizfrau ist da, sie sieht ja vollkommen normal aus!“
„Ja natürlich“, sagt Marjanne Griffioen-Besselsen, Angehörige des Rintelner Hospizvereines und Sterbebegleiterin, „wir kleiden uns nicht etwa dunkel, Hospizleute sind Menschen wie du und ich.“
Die Familie, die die Sterbebegleiterin jetzt zum ersten Mal besucht, ist neugierig, etwas unsicher und ängstlich. Die Tochter hatte Jahre vorher der Mutter versprochen, dass sie nie in ein Heim müsse. Nun war die „Oma“ in das Haus mit aufgenommen worden. Diagnose: Darmkrebs. Die Familie reagierte wie versprochen wunderbar. Die beiden Kinder – ein Mädchen von 14 Jahren und der Junge – zogen zusammen, damit die Oma das zweite Zimmer bekommen konnte. Die Mutter war berufstätig, der Ehemann nur am Wochenende zu Hause. Der Pflegedienst registrierte, dass die Familie überfordert war, und hatte vorgeschlagen, den Hospizverein einzuschalten.
Hier ist es zunächst Aufgabe der beiden Koordinatorinnen, ein Erstgespräch mit den Betroffenen zu führen. Fragen wie: „Wie oft soll die Begleiterin kommen?“, „Wir kennen die doch gar nicht“, „Haben die ein neutrales Auto?“, „Was kostet das?“ kommen besonders oft vor (es kostet übrigens nichts, den Hospizverein in Anspruch zu nehmen). Nun wenden sich die Koordinatorinnen an eine der ehrenamtlichen Helferinnen, die einen Erstbesuch mit der betroffenen Familie vereinbart. Natürlich unterliegen die Hospizmitarbeiter der Schweigepflicht.
Schnell konnte sich die Hospizhelferin einen Eindruck über die Situation in der Familie verschaffen. Die 14-jährige Tochter machte wie selbstverständlich die Wäsche und bemühte sich, zu kochen, die Mutter war berufstätig und hatte nun Schwierigkeiten mit ihrem Arbeitgeber. So blieb auch das Einkaufen meist den Kindern überlassen. Inzwischen lebte die Oma bereits ein halbes Jahr mit in dem Haus. Anfangs konnte sie noch selbst essen und trinken und zur Toilette gehen, dann musste ein Toilettenstuhl besorgt werden, bis auch das nicht mehr reichte. Ein Pflegebett musste her und der Pflegedienst kam ins Haus. Als der Hospizverein gerufen wurde, hatte die alte Dame noch etwa drei Wochen zu leben.
Die Seniorin war zwar froh, dass ihre Tochter ihr Versprechen eingelöst hatte, kämpfte aber mit Schuldgefühlen. „Ich bin froh, dass Sie hier sind“, hatte sie der Sterbebegleiterin gesagt, „es gibt doch manche Dinge, die ich nicht mit meiner Tochter besprechen kann“. Wie es so häufig der Fall ist, wurde das Thema des nahenden Todes möglichst umgangen. „Das wird schon wieder, Mutti“, so oder ähnlich waren die Reaktionen. „Ich kann mit meiner Tochter nicht über das Sterben sprechen. Das tut ihr so weh. Und meine Enkelin gibt sich so viel Mühe mit dem Essen kochen, dabei wird mir übel davon, aber ich möchte sie doch nicht enttäuschen.“
Gerade bei Patienten, die eine Chemotherapie bekommen, gibt es häufig Appetitlosigkeit. Das löst große Unsicherheit bei Angehörigen aus. Auch hier ist die Sterbebegleiterin eine mögliche Vermittlerin zwischen Patient und Familie.
Noch ein Thema ist wichtig: Sterbende haben meist Angst. „Die Nächte dauern so lange!“ „Was kommt auf mich zu?“ „Wie ist das wohl, wenn man tot ist?“ „Natürlich kann ich das auch nicht beantworten“, sagt Marjanne Griffioen-Besselsen. „Aber ich kann ihnen sagen, dass nach meinen Erfahrungen in der Regel die Betroffenen zum Schluss keine Angst mehr haben.“
Wenn es erforderlich ist, stellt die Sterbebegleiterin den Kontakt zur Palliativmedizin her. Die kranke Seniorin wurde medikamentös eingestellt und bekam zusätzlich ein sehr wirkungsvolles Mittel gegen die Angst.
„Was zieht man an, wenn man tot ist“, war auf einmal die Frage der Sterbenden, und auch dieses Thema wurde ruhig gelöst. „Nicht das Ding vom Bestatter“, waren sich die beiden Frauen einig. Das festliche Seidenkleid wurde herausgesucht, die weiteren Wünsche für die Beerdigung besprochen, denn auch davon wollte die Tochter nichts wissen.
Nachdem all diese für die Sterbende wichtigen Dinge geregelt waren, ging es rapide zu Ende. Wenn es irgend möglich ist, nimmt die Begleiterin auch an der Beerdigung, dem letzten Abschied, teil. Das ist für sie selbst, aber auch für die Familie wichtig. Denn auch Trauerbegleitung gehört zum Angebot des Hospizvereines.
Er war Geschäftsmann und ein schwieriger Zeitgenosse. Seine Frau war verstorben, zu Lebzeiten hatte sie unter der herrischen Art ihres Mannes leiden müssen. Mit der einzigen Tochter gab es keinen Kontakt mehr – der Vater war mit der Wahl des Ehemannes nicht einverstanden gewesen. Seither war Funkstille. Weder seinen Schwiegersohn noch die Enkelkinder hatte er je gesehen. Er lebte allein in seinem großen Haus. In seinem Denken kam Krankheit und damit Schwäche nicht vor, also hatte er nie mit jemandem darüber gesprochen, dass er Magen-Darm-Krebs hatte. Nur der befreundete Hausarzt wusste es und hatte sich an den Hospizverein gewandt. Eine Zugehfrau gab es im Haus, die ab und zu kochte.
Hospizhelfer dürfen
keine Pflege ausüben

„Das erste Treffen war sehr förmlich“, erinnert sich Marjanne Griffioen-Besselsen, nachdem die Koordinatorinnen sie um einen Besuch gebeten hatten, „es fand in seinem Büro statt, wo er eher als Chef denn als Kranker würdig an seinem Schreibtisch saß und ihr mitteilte, dass er keine Begleitung wünsche.
Wozu auch, er sei ja nicht krank. Doch zwei Wochen später rief er bei der Hospizfrau an und bat um einen Besuch. Allerdings nicht wegen seiner Krankheit, sondern weil die Zugehfrau Grippe hatte. Hilfe zur Selbsthilfe hieß da die Devise der patenten Sterbebegleiterin. Sie brachte ihm bei, wie man kleine Dinge kocht, und schlug vor, dass er einfach in ein Restaurant gehen solle. Einen Rat, den der alte Herr annahm. Wenigstens ein paar Wochen lang. Der Krebs wurde schlimmer, ein Pflegedienst musste eingeschaltet werden. Denn Hospizhelfer dürfen keine pflegerischen Tätigkeiten übernehmen. Eines Nachts klingelte bei der Sterbebegleiterin das Telefon. Der Mann bat um einen Besuch. „Jetzt?“ „Ja, jetzt bitte“, war die Antwort. Und so machte sich Marjanne Griffioen-Besselsen neugierig auf den Weg. „Er war ein Mann weniger Worte“, berichtet sie, „umso schwerer war es, zuzugeben, in seinem Leben einige große Fehler gemacht zu haben. Er habe seine Frau nicht immer gut behandelt und den Kontakt zur Tochter abgebrochen, er habe seine Enkelkinder nie gesehen. Jetzt würde er sich gern bei seiner Tochter entschuldigen. Die Hospizfrau nahm Kontakt zur Tochter auf, denn die Helfer bemühen sich um alle Dinge, die für einen Sterbenden besonders wichtig sind.
Eine Woche habe die Tochter gebraucht, bis sie sich zu einem Besuch bei ihrem Vater entschloss. Zwei weitere Tage später saß sie an seinem Bett, ihre restliche Familie im Nebenzimmer. Den Wunsch des Vaters, sich bei allen zu entschuldigen, konnte sie so problemlos erfüllen. Mit Kaffee und Kuchen im Schlafzimmer gab es eine Familienzusammenführung der besonderen Art. Die letzte Woche bis zum Tod genoss der alte Querkopf mit seiner „neuen“ Familie und ohne große Schmerzen konnte er frei von dieser Last friedlich einschlafen.
Es ist eine Menge, was ein Hospizmitarbeiter verkraften muss. Wie wird er oder sie selbst damit fertig? Wie wird eine Hospizhelferin oder ein -helfer begleitet? Regelmäßige Gesprächsrunden und Supervisionen gehören dazu ebenso wie eine Begleitung durch die Koordinatorinnen. Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen sorgen für das nötige Rüstzeug für dieses schwere Ehrenamt.

Die Hospiz-Bewegung
Gründerin der modernen Hospizbewegung ist die Ärztin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester Cicely Saunders, die 1967 das St.-Christopher’s Hospice gründete. Neben anderen ist das Bekanntwerden der Hospizbewegung der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross zu verdanken. Aus dem Hospizgedanken heraus entwickelte sich die Palliativmedizin, die ein möglichst schmerz- und angstfreies Sterben ermöglichen soll.

Hospizverein Rinteln: Trauerbegleitung, Trauercafé und Trauerfrühstück, Kinder-Trauerbegleitung, Kooperationsabkommen mit dem Kinderhospiz Löwenherz, Kontakt zur Palliativmedizin, eingebunden in das Hospiz- und Palliativnetzwerk Schaumburg e.V., ein großes Netzwerk zu Pflegediensten, Pastoren, Trauerrednern, Palliativmedizinern und zu Hausärzten. Beratung für die Patientenverfügung. Der Hospizverein Rinteln hat einen Kooperationsvertrag mit dem Palliativstützpunkt Stadthagen. Ansprechpartnerin ist die Onkologin und Palliativmedizinerin Dr. Constanze Priebe-Richter, die auch zweite stellvertretende Vorsitzende des Rintelner Hospizvereines ist. Hotline für den Palliativstützpunkt Stadthagen: Tel. 0174/1717722.
Kontakt: Hospizverein Rinteln e.V., Heisterbreite 7, 31737 Rinteln, info@hospizverein-rinteln.de, Tel. 0178/165 75 01 oder -02, 24 Stunden erreichbar.

Hospizverein Hameln: bietet wie die Rintelner Beratung und Begleitung sowie ein Trauerfrühstück und verschiedene Veranstaltungen an. Kontakt unter Tel. 05151/25908 oder auch über die Internetseite www.hospiz-verein-hameln.de. Ansprechpartner als Trauerbegleiter ist Andreas Hentrich. blc/hen



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