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Als sich der Tod zum ersten Mal einmischte

„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ – so beginnt ein uraltes Kirchenlied. Dieser Erkenntnis, dass in der Zeit, die wir leben, ununterbrochen Menschen aus dem Leben scheiden, ihr kann sich keiner entziehen. Doch bleibt sie für viele lange Jahre eigenartig abstrakt und unwirklich, als sei der Tod etwas, das nur in einer Entfernung geschieht, von wo aus er uns nicht wirklich berühren kann. Bis er plötzlich zum ersten Mal ganz nah herantritt, real wird und man seine Endgültigkeit begreifen muss.

veröffentlicht am 22.11.2012 um 14:18 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:07 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

In meinem Fall war es die geliebte Großmutter, die in unserem Haus gestorben war und nun still und steif noch eine Weile aufgebahrt in ihrem Bett dalag, fast so, als schliefe sie nur, wäre da nicht das weiße Tuch gewesen, das man ihr um den Kopf gebunden hatte, damit der Mund nicht weit offenstünde, und die Fliege, die um den Kopf der Toten herumschwirrte, während ich, allein im Zimmer, in respektvoller Entfernung vom Totenbett auf einem Stuhl saß. Die Fliege setzte sich auf die Wange meiner Großmutter, krabbelte dort schamlos herum, und nichts geschah, was sie hätte aufschrecken lassen. Empört verscheuchte ich sie und streichelte danach die Großmutter, wie zum Trost. Die Haut war kalt und hart. Da war kein Leben mehr. Nichts.

Zuvor war es mir mit dem Tod gar nicht viel anders ergangen als einem Freund, der mir erzählte, er habe bis etwa zum Alter von zehn Jahren nicht glauben wollen, was die Erwachsenen über das Sterben sagen und dass man dann nur noch ein toter Körper sei, der begraben werde. Er wanderte damals sehr oft im Auftrag der Oma mit einer Gießkanne in der Hand zum entfernten Friedhof, weil er dort die Blumen auf dem Grab des Opas gießen sollte. Diese Aufgabe kam ihm sinnlos vor, obwohl er sich damit ein Taschengeld verdiente, war er sich doch ganz sicher, dass der jung verstorbene Opa alle reingelegt habe und gar nicht dort begraben sei, sondern in Wirklichkeit ein lustiges Leben in Brasilien führe, so wie alle Toten: Sie lebten irgendwo, wo es ihnen besser gefiel. Erst als ein naher Freund der Eltern starb und alle trauerten, ahnte er, dass es um den Tod wohl doch anders bestellt sein müsse. Besitzen Kinder ein Haustier, werden sie oft viel früher als andere Kinder mit Sterben und Tod konfrontiert. Bruno zum Beispiel, mein Handwerker, der gerade im Haus ist, als ich mir Gedanken über erste Begegnungen mit dem Tod mache, er denkt dabei sofort an seinen Hund, der schon da war, als er geboren wurde und der starb, als sein menschlicher Freund 11 Jahre alt war. Die Golden- Retriever-Hündin war todkrank und die Familie beschloss, dass sie nicht in der Tierarztpraxis, sondern zu Hause von ihrem Leid erlöst werden sollte.

Geburtstag am Grab der Schwester

„Sie bekam Tabletten und mein Vater erklärte uns, dass wir nun Abschied nehmen müssen“, erzählt mir Bruno. „Wir streichelten sie alle, während sie starb, und sagten ihr abwechselnd alles Schöne und Gute, was wir mit ihr erlebt hatten. Dann begruben wir sie im Garten, legten sie in eine Decke gewickelt in ein tiefes Loch. Mein Vater hielt eine Trauerrede und wir weinten.“ Bruno ist inzwischen 30 Jahre alt, doch als er diese lang zurückliegende Geschichte erzählt, sehe ich ihn und seine Geschwister um das kleine Hundegrab stehen und gönne ihm sehr diese intensive Erfahrung, auch wenn es ja eigentlich nicht gestattet ist, ein Haustier selbst zu beerdigen, statt es zum Abdecker zu bringen.

Auch sehr früh, auf ganz andere und bedrückendere Weise allerdings, mischte sich der Tod in das Leben einer guten Bekannten aus dem Auetal ein. Schon als kleines Kind fiel ihr auf, dass ihr Geburtstag für die Mutter offensichtlich kein so schöner Tag war. Immer war sie in trauriger Stimmung, weinte und ging mit der Tochter und den anderen Geschwistern zum Friedhof. Meine Bekannte wusste zwar, dass sie eigentlich noch eine weitere Schwester hatte, die aber durch einen Unfall gestorben war. Doch konnte sie nicht verstehen, dass die ganze Familie ihren Geburtstag quasi am Grab des verstorbenen Geschwisterkindes feierte. Als sie alt genug war, entzifferte sie die Zahlen auf dem Grabstein und entdeckte, dass die Schwester genau zwei Jahre vor dem Tag gestorben war, an dem sie selbst geboren wurde. „Wir hatten am selben Tag Geburtstag“, sagte sie. „Das war ein großer Schock! Ich fühlte mich so, als sei ich nur auf die Welt gekommen, weil meine Schwester tot war, und dass es niemals ein fröhliches Geburtstagsfest geben würde, weil es besser gewesen wäre, ich wäre nie geboren worden.“ Bis heute belastet diese Geschichte die gesamte Familie, weil es unmöglich schien, sich darüber auszusprechen.

Junge Mutter verliert den Ehemann

Wie nun aber eine junge Türkin aus Hameln, die ihre erste intensive Erfahrung mit dem Tod der Redaktion in einem Brief erzählte, ihr Schicksal bewältigen kann, ist ebenfalls schwer zu sagen. In einem Jahr, das von Beginn an geprägt war von Unglück und Missstand in der Familie, starben erst ein Onkel, eine Cousine, schließlich der nicht alte Vater. Dann erkrankte ihr geliebter Mann, mit dem sie gerade ein Kind bekommen hatte, an einem unheilbaren Krebs, der mit ein bisschen Glück eigentlich rechtzeitig hätte entdeckt werden können. Wochenlang versuchte sie, Beruf, das kleine Kind und die Sorge um ihren Mann, der auf der Intensivstation lag, zu vereinen. „Ich funktionierte nur noch, ich hatte keine Zeit zum Weinen.“ Als ihr so junger Mann gestorben war und sie zurückließ, beneidete sie ihn geradezu um seinen Tod. „Als ich meinen Mann kennenlernte, dachte ich, Gott hat mich doch lieb, er hat mir seinen Engel geschickt“, erzählte sie. „Alles war perfekt, einfach alles. Wir haben über alles geredet, diskutiert und hatten nie Geheimnisse oder haben uns nie angelogen.“ Ein Leben ohne ihn schien unvorstellbar. Was sie nun am Leben hält: „Ich habe eine große Verantwortung von ihm in den Händen, unsere Frucht aus der Blüte unserer Liebe, unsere Tochter.“

Vor einigen Wochen wurde ich Zeugin, wie eine ganze Gruppe von jungen Leuten zwischen 14 und 25 Jahren geschockt wurde von dem Tod eines 19-Jährigen, der sich das Leben genommen hatte. Nur wenige kannten den Jungen von Angesicht zu Angesicht, und doch kannte man sich trotzdem gut und teilte viele Lebensgeheimnisse, begegneten sich diese Jugendlichen doch in einem Internetforum, wo sie, alle mit Pseudonymen versehen, regelmäßig miteinander kommunizierten, manche ganze Nächte hindurch, und manche schon seit vier, fünf Jahren. Der 19-Jährige, ein Abiturient, war fast immer mit lustigen, geistreichen, oft bissigen Worten dabei. So fiel seine Abwesenheit auch unter etwa 150 Teilnehmern recht schnell auf. Jemand, der seinen wahren Namen kannte, rief bei den Eltern an und teilte dann dem kleinen Forum mit, was geschehen war, ohne allerdings den Suizid zu erwähnen. Niemand wollte es erst glauben. Viele meinten, hier werde sich ein übler Scherz erlaubt, bis sich allmählich die Erkenntnis breitmachte, dass es tatsächlich stimmte: Der Junge lebte nicht mehr. Kaum jemand hatte bisher den Tod eines etwa Gleichaltrigen erlebt, die meisten besaßen noch gar keine Erfahrung mit dem Tod eines nahen Menschen. Alles schien weiterhin so unglaublich, zumal nur Eingeweihte wussten, dass es sich weder um Unfall noch Krankheit gehandelt hatte. Viele der Kommentare bestanden erstmal nur aus einem Fluch, so schwer war es, angemessene Worte zu finden.

Schließlich tat sich eine Gruppe von etwa zwanzig Jugendlichen zusammen, die sich entschlossen, an der Beerdigung teilzunehmen. Zuerst hatten sie Sorge, dass die Eltern des 19-Jährigen das gar nicht wollen würden, doch es stellte sich heraus, dass sie, im Gegenteil, sehr dankbar waren. „Es war schrecklich“, erzählte später einer der Internetfreunde, „und – es war gut! Ich bin so froh, dass wir in seine Nähe gegangen sind, dass sein Tod nicht nur herumspukte in unseren Köpfen wie ein böser Traum. Wir blieben zwei Tage in der Stadt und redeten, redeten die Nächte durch. Wir waren so traurig, aber dass wir alle zusammen so traurig waren, hat aus uns eine richtig verschworene Gemeinschaft gemacht.“

Das alte Kirchenlied, dieses „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“, es entstand in lateinischer Sprache wohl um 750, wurde um 1300 ins Deutsche übertragen und von Martin Luther neu geformt. Eine seiner weiteren Zeilen lautet: „Lass uns nicht versinken in des bittern Todes Not.“ Glück hat wohl, wessen erste Erfahrungen mit dem Tod ihm dazu Mut geben können.



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