weather-image
26°
Stadt Hameln weiß von nichts / Früher hieß der Weserrenaissance-Bau nur das „Neue Gebäude“

Wie aus dem Hochzeitshaus ein Rathaus wurde

Hameln. Wer es gesehen hat, reibt sich verwundert die Augen: Am Hochzeitshaus weist ein auf Antik gemachtes Schild darauf hin, dass es sich bei dem Weserrenaissance-Bau um das Rathaus von Hameln handelt. Ist nach der Insolvenz des einstigen Tourismus-Vorzeigeprojekts Erlebniswelt Renaissance (EWR) endlich eine Nachnutzung für das historische Gebäude gefunden worden? Hat es in der jüngeren Vergangenheit Geheimbeschlüsse gegeben, die bislang nicht an die Öffentlichkeit gedrungen sind? Zieht das Rathaus um? Fragen über Fragen. Damit konfrontiert, hat sich Stadtsprecher Thomas Wahmes auf die Suche nach Antworten gemacht. Doch die tagelange Recherche lief ins Leere. Auf Anfrage teilte Wahmes gestern mit: „Alle Abteilungen können sich das nicht erklären.“ Fest steht allerdings: Die Verwaltung beabsichtigt nicht, alsbald umzuziehen. Und: Über die Nachnutzung des Hauses wird immer noch diskutiert.

veröffentlicht am 31.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 24.05.2013 um 13:13 Uhr

270_008_5779412_hm304_2908.jpg

Autor:

Ulrich Behmann
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Aber wer hat das Schild aufgehängt? Und warum? Handelt es sich um einen Scherz? Die Dewezet fragte nach – und löste das Rätsel: Die Ausstattungsabteilung einer Film-Crew hat das Rathaus-Schild am Hochzeitshaus angebracht. Derzeit laufen in Hameln die Dreharbeiten zu dem Mystery-Thriller „Die Toten von Hameln“ (wir berichteten). In dem „ZDF-Fernsehfilm der Woche“ wird das Hochzeitshaus zum Rathaus, weil der echte Sitz der Verwaltung nach Meinung der Filmemacher nicht gerade attraktiv aussieht. Die Gästeführerin Doris Müller „ist als lokaler ,Location Scout’ unterwegs gewesen und hat uns tolle Orte gezeigt“, verrät Regieassistentin Sabine Bischof. Das Hochzeitshaus eigne sich gut als Rathaus, zumal im Spielfilm auch etwas von der Hamelner Innenstadt gezeigt werden solle. In dem von Christian von Castelberg inszenierten Streifen wird Schauspieler Matthias Habich laut Drehbuch mit „Hamelner Ratsherrn“ aus der Tür schreiten und in die Fußgängerzone gehen.

Das Hochzeitshaus wurde nach Angaben der Stadt Hameln 1610 bis 1617 als Fest- und Feierhaus der Bürgerschaft errichtet und trug bis in das 19. Jahrhundert hinein den Namen das „Neue Gebäude“. Es ist das letzte im Stil der Weserrenaissance erbaute Gebäude in Hameln, denn bereits im Jahr nach der Fertigstellung beschneidet der Dreißigjährige Krieg die Entwicklung der Bautätigkeit. Neben einem großen Saal und Räumen für die Lagerung der städtischen Waffen sollten städtische Einrichtungen wie die Ratsapotheke, die Ratswaage und die Weinschenke in dem Gebäude untergebracht werden. Daher wurden die drei Portale an der Osterstraße mit Inschriften versehen, die auf den jeweiligen Zweck des Gebäudeteils hinweisen.

Der große Festsaal befand sich im zweiten Stockwerk (1. OG). Im zweiten Obergeschoss war eine Rüstkammer der städtischen Wehr, im Erdgeschoss eine Weinschenke sowie eine Ratsapotheke. Diese wurde ab 1821 von Friedrich Wilhelm Sertürner (1783-1841), dem Entdecker des Morphiums, geführt. Die Ratswaage wurde entgegen den Plänen nicht im Hochzeitshaus untergebracht. Schon 1652 hatte der Rat der Stadt eine „Ordnung wegen der Hochzeiten und Kindtaufen“ erlassen, um übertriebenen Luxus bei den Feierlichkeiten zu unterbinden. Endgültig untersagt wurden die Feiern im 18. Jahrhundert – im Mai 1721 fand die letzte Hochzeitsfeier statt.

Das 43 Meter lange Haus aus Sandstein ist ganz in der Tradition der Weserrenaissance betont horizontal gegliedert. Über die Giebel- und Traufseiten sind umlaufend breite Gurtgesimse angeordnet. Bänder aus Bossenquadern mit Kerbschnittmotiv wechseln sich schichtenweise mit glatten, schmucklosen Bändern ab. Die hohen Volutengiebel und die drei Zwerchhäuser der südlichen Traufseite erinnern stark an die Bauplastik am Schloss Hämelschenburg.

1931/32 wurde das Hochzeitshaus für die Zwecke der Stadtverwaltung umgebaut. Dabei wurde auf der Nordseite am Lüttjen Markt ein Erker errichtet, der mit Glasfenstern von Rudolf Riege (Bilder) und Bernhard Flemes (Texte) versehen ist.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare