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Dewezet-Fünfteiler zu 400 Jahren Hochzeitshaus – heute: Millionen für die Black Box

So kam es zum Scheitern der Erlebniswelt Renaissance - Teil 3

Die Erlebniswelt Renaissance (EWR) wollte den Baustil der Weserrenaissance fühlbar machen und damit Touristen zu Tausenden in die Region locken. Eine gute Idee, wie die Landkreise Hameln-Pyrmont, Schaumburg und Holzminden fanden. Mit politischer Hilfe aus Hannover und finanzieller Unterstützung aus Brüssel würde das Projekt mit fliegenden Fahnen begonnen. Doch es ging gründlich schief, das Hamelner Hochzeitshaus wurde zu einem zweistelligen Millionengrab.

veröffentlicht am 23.11.2017 um 12:27 Uhr
aktualisiert am 24.11.2017 um 12:48 Uhr

Das sanierungsbedürftige Hochzeitshaus wurde für die Erlebniswelt Renaissance komplett entkernt. Foto: Wal
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Bernhard Gelderblom Reporter
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Am 26. Juli 2002 stand es in der Dewezet: „Neues Projekt wirbt weltweit für Hameln“ und: „Hochzeitshaus: 8 Millionen für Erlebniswelt.“ Von der „Erlebniswelt Renaissance“ ist hier die Rede, „die ab Sommer 2004 im benachbarten Hochzeitshaus eröffnet wird und – Jahr für Jahr – 200 000 Besucher in die Stadt locken soll“. Von einer Gesamtinvestition des Landes und der EU an den Renaissance-Standorten Hochzeitshaus Hameln, Schloss Hämelschenburg, Bevern, Schloss Bückeburg und der St.-Martini-Kirche in Stadthagen in Höhe von 13,2 Millionen Euro ist die Rede. Der Oberbürgermeister ist zufrieden: „Von dieser Summe gibt’s für den Umbau des Hochzeitshauses 5,6 Millionen Euro“, zitiert die Dewezet Klaus Arnecke, weitere 800 000 Euro sollte der Landkreis hinzuschießen. „Bleiben 1,6 Millionen Euro, die die Stadt aufbringen müsste“, rechnet der OB. Allerdings: Was dann nun im Hochzeitshaus gezeigt werden soll, ist zwei Jahre vor dem geplanten Start „noch schwer fassbar“, wie die Dewezet schreibt – „weil wir absolutes Neuland betreten“, sagt die damalige niedersächsische Wirtschaftsministerin Susanne Knorre.

Die Vorgeschichte beginnt noch früher, im vorangegangenen Jahrhundert. Es handelte sich um ein vom Land Nordrhein-Westfalen gefördertes Kulturprojekt des Weserrenaissance-Museums im Schloss Brake: „Wege der Renaissance.“ Auf welchen Wegen verbreitete sich das Formen- und Gedankengut der italienischen Renaissance auf die nordalpinen Länder?

Es kam zu Kontakten zu Prof. Felizitas Romeiß-Stracke, die als Tourismusforscherin an der Technischen Universität München tätig war. Sie wollte das Lebensgefühl Renaissance popularisieren und vermarkten und prägte den Begriff „Erlebniswelt Renaissance“.

Der Entwurf für den neuen Bürgersaal. Illustration: Nasarek
  • Der Entwurf für den neuen Bürgersaal. Illustration: Nasarek
Nach der EWR-Pleite blieb ein leeres, nicht nutzbares Gebäude zurück. Foto: dana
  • Nach der EWR-Pleite blieb ein leeres, nicht nutzbares Gebäude zurück. Foto: dana
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Der Entwurf für den neuen Bürgersaal. Illustration: Nasarek
Nach der EWR-Pleite blieb ein leeres, nicht nutzbares Gebäude zurück. Foto: dana
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Im Laufe der Zeit gingen die Vorstellungen der wissenschaftlichen Seite und die der touristischen Seite weit auseinander. Das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake und das Land NRW zogen sich zurück. Das Projekt Erlebniswelt Renaissance wurde nun in Niedersachsen realisiert. Bund und Land betrauten das Institut für Sozial- und Freizeitforschung von Romeiß-Stracke in München mit der weiteren Entwicklung.

Als Attraktionspunkt und geistiges Zentrum, aber auch als Motor für Aktivitäten im Umland plante Romeiß-Stracke ein „Renaissance-Centrum“ in einer Region Deutschlands. Dieses Zentrum sollte nach bestimmten Modulen aufgebaut werden, die langfristig auch auf andere Landschaften hätten übertragen werden können.

Zu den Pflichtmodulen des Zentrums zählten Verwaltung, Shop, Gastronomie, „Black Box/Cyberspace“ und Info-Box. Die Black Box/Cyberspace diente dazu, den Besuchern virtuelle Spaziergänge durch Renaissancewelten anzubieten. Um das Konzept umzusetzen, wurde am 30. Oktober 2001 eine GmbH mit dem Landkreis Hameln-Pyrmont als Gesellschafter gegründet. Als weitere Gesellschafter kamen später die Kreise Schaumburg und Holzminden hinzu. Das Hochzeitshaus sollte der Leuchtturm sein und die Mitte eines später aus sechs Standorten bestehenden Netzwerkes bilden: Schloss Bückeburg, Mausoleum und Martinikirche in Stadthagen, Schloss Bevern, in Rinteln und Höxter das gesamte Stadtbild.

Die Stadt Hameln willigte ein, das Hochzeitshaus an die GmbH zu vermieten. Sie hätte das Gebäude in den kommenden Jahren ohnehin sanieren müssen. So zahlte sie die Kosten nur anteilig.

Besucher-Prognosen sprachen – wie eingangs zitiert – von 200 000 zusätzlichen Touristen pro Jahr. Wie wurde diese Zahl ermittelt? Im Wirtschafts- und Marketing-Plan der EWR heißt es: „Hameln weist per anno eine durchschnittliche Besucherzahl von 2 Millionen auf; rund 147 000 Übernachtungen werden pro Jahr gezählt! Wenn es nur gelingt, 10 Prozent dieser Besucher zu einem Besuch des Renaissancezentrums zu bewegen – und dies sollte durch gute entsprechende Marketingmaßnahmen und gute innerstädtische Kooperation ohne Zweifel gelingen – so kann das Zentrum pro Jahr mit 200 000 Besuchern rechnen.“ Und diese Zahl erscheine sogar noch „durchaus ausbaufähig“.

2004 begann an der Osterstraße der Umbau. Dafür errichtete man ein Haus im Haus. Dies erlaubte, auf drei Etagen jeweils eine Präsentationsebene herzurichten. Für die EWR hatte das Sinn. Durch das „Haus-im-Haus-Prinzip“ verschenkte man zwar Raum, konnte aber das „Black Box/Cyberspace“-Konzept verwirklichen. Dafür war der Zugang zu den Fenstern, war Tageslicht von außen unerwünscht. Nach Norden – zur Marktkirche hin – war die gesamte Gebäudetechnik eingebaut. Nach Süden – zur Osterstraße – ließ man einen 1,50 Meter breiten, 10 Meter hohen und 28 Meter langen „Luftraum“. Um die obere Ebene erreichen zu können, wo die Führung begann, baute man einen sehr groß dimensionierten Fahrstuhl ein.

Dabei war die Lebensdauer der Erlebniswelt von Anfang an begrenzt. Projektmanager Thomas Gersmeier erklärte am 29. Dezember 2003 in er Dewezet: Wenn die Projektionen der Erlebniswelt 2020 erlöschen, hinterlasse die Projektgesellschaft ein – modernisiertes – Hochzeitshaus, das sich „für jede Form der Nachnutzung“ eigne. 2020 – nach 15 Jahren – sollte das Projekt beendet werden, dann lief der Mietvertrag aus. Die Verwaltungsspitze unterschrieb den Vertrag, ohne einen Rückbau vorzuschreiben. Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege warnte die Stadt im Juli 2003. Auch der städtische Fachbereich Planen und Bauen hatte die Befürchtung, dass sich aufgrund der baulichen Veränderungen eine Nachnutzung als schwierig erweisen könnte.

Die Eröffnung wurde mehrmals verschoben. Sie fand schließlich am 1. September 2005 statt. Mitten in die Eröffnung platzte die Nachricht, dass die E-Guider niemanden führen können. Doch ohne E-Guider, tragbare Computer auf GPS-Basis mit Bildschirm und Kopfhörer, hatte die gesamte gar Ausstellung keinen Sinn. Wirtschaftsminister Walter Hirche spulte trotzdem seine Rede ab: Das Projekt genüge „höchsten Anforderungen an innovativen Kulturtourismus“.

Während der ersten Wochen durften die Besucher die Ausstellung kostenfrei erkunden. Im weiteren Verlauf bis zur Schließung wurde ein verringerter Eintrittspreis erhoben. Die ursprünglich vorgesehenen Eintrittspreise, 9 Euro für Erwachsene, hat kein Besucher bezahlen müssen, da die technischen Probleme nie vollständig behoben werden konnten. In den ersten fünf Monaten, bis Januar 2006, kamen 11 500 Besucher, bis zum endgültigen Aus am 1. Oktober 2007 insgesamt nur 20 000. Die Kosten des laufenden Betriebes konnten die geringen Einnahmen nicht decken. Erst im August 2009 meldete die GmbH nach weiteren gescheiterten Rettungsversuchen Insolvenz an.

In der Folge kam es zu Ermittlungen seitens der Staatsanwaltschaft und zu gerichtlichen Verfahren. Noch einmal die Zahlen: 14 Millionen Investitionen flossen an alle Standorte der EWR. Die Förderquote lag mit 70 Prozent sehr hoch: Von der EU kamen 5,8, vom Bund 2,1 und vom Land 1,6 Millionen Euro. Allein ins Hochzeitshaus flossen 9,2 Millionen Investitionen, davon 6,5 Millionen Fördermittel.

Letztlich werden die strafrechtlichen Ermittlungen eingestellt. 2013 kam es zu einem außergerichtlichen Vergleich: Ex-Aufsichtsräte müssen eine Million Euro bezahlen. Die Gläubiger akzeptieren diese Summe und verzichten auf 14 Millionen Euro Steuergelder. Von Ex-Geschäftsführer Gersmeier verlangt der Insolvenzverwalter 9,4 Millionen Euro. Seine Haftung ist aber auf 500 000 Euro beschränkt. Auch dies ist also von ihm nicht zu holen. Im Zivilprozess gegen Gersmeier gibt es schließlich einen Vergleich: Er soll 75 000 Euro zahlen.

Der kommunale Schadensausgleich – also wieder der Steuerzahler – zahlt für alle Aufsichtsratsmitglieder gemeinsam 990 000 Euro an den Insolvenzverwalter. Diese müssen also nicht persönlich haften. Das Insolvenzverfahren endete im Jahr 2016. Hauptgläubiger war die NBank mit 14 Millionen Euro. Sie erhält einen kleinen einstelligen Millionenbetrag. Die drei Landkreise hatten Forderungen von 3,4 Millionen – sie gehen leer aus. Vom Schaden für Subunternehmer, Zulieferer, Handwerker ist gar nicht die Rede.

Lesen Sie in der vierten Folge unserer Serie zum Hochzeitshaus: Die Reste vom Fest – archäologische Fundstücke zum Hochzeitshaus.



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