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Nordwestdeutschland und die Welt im Jahr 1617

Hochzeitshaus am Vorabend des großen Krieges - Teil 1

Das Hochzeitshaus, erbaut von 1610 bis 1617: ein „multifunktionaler Großbau“ – im Herzen der Stadt platziert und für zentrale Stadtbelange gedacht: ein Fest- und Feierhaus der Bürgerschaft. Untergebracht waren hier etwa die Ratsweinschenke, die Ratsapotheke, die Stadtwaage, die städtische Waffenkammer und das Gericht. In einer fünfteiligen Serie gehen wir der Geschichte des Hauses auf den Grund.

veröffentlicht am 21.11.2017 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 24.11.2017 um 12:48 Uhr

Ein Bankett im Renaissance-Interieur malte der Niederländer Bartholomeus von Bassen in etwa zur Entstehungszeit des Hochzeitshauses. Das Bild wird auf die Zeit zwischen 1618 und 1620 datiert. Gleichwohl: Gar so prächtig sah es in dem Hamelner Renaiss
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Das Hochzeitshaus reiht sich ein in andere Repräsentativbauten des Bürgertums, die zu dieser Zeit in Hannoversch Münden, Stadthagen, Celle oder Bremen entstanden. Sie stehen Adelsbauten in nichts nach. Das Hochzeitshaus war das letzte repräsentative Hamelner Gebäude im Stil der Weserrenaissance. Was aber war die Renaissance?

Der Begriff sagt nichts anderes als „Wiedergeburt“. Der Humanismus griff auf antike Vorstellungen zurück. Die Humanisten erhofften sich eine Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Verbindung von Wissen und Tugend. Jene bis in das 17. Jahrhundert hineinreichende Umbruchphase, die für uns heute das Mittelalter von der Neuzeit trennt, ist gestaltend auch noch für die Entstehungszeit des Hochzeitshauses um 1617.

Bemerkenswert ist die Parallelität zwischen geistigen und künstlerischen Erneuerungen insbesondere in Italien. Nicht das christliche Heilsgeschehen, sondern der Mensch steht nun im Mittelpunkt. Dies zeigt sich wohl am deutlichsten in den Plastiken der Renaissance: die Wiederentdeckung des menschlichen Körpers in freistehenden Figuren – etwa in Michelangelos David. Der Rückgriff auf die Antike wird am intensivsten in der Baukunst deutlich. Die filigranen gotischen Spitzgiebelformen wurden ersetzt durch Tonnengewölbe, Bögen und Kuppeln. Ein neues Raumgefühl erreichte die Betonung der Vertikalen mit klaren, ruhigen Proportionen. Musterbeispiel hierfür sind zunächst die italienischen Stadtpaläste mit ihren gegliederten Schauseiten, ihren Innenhöfen und Bogengängen.

Ab 1611 König von Schweden: Gustav Adolf II. 1628 griff er in Deutschland in den Krieg ein.
  • Ab 1611 König von Schweden: Gustav Adolf II. 1628 griff er in Deutschland in den Krieg ein.
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Gräuel des Dreißigjährigen Krieges: Der Galgenbaum, Radierung von Jacques Callot (1632).
  • Gräuel des Dreißigjährigen Krieges: Der Galgenbaum, Radierung von Jacques Callot (1632).
Fürst Ernst, Stich von Lucas Kilian (1623).
  • Fürst Ernst, Stich von Lucas Kilian (1623).
Ab 1611 König von Schweden: Gustav Adolf II. 1628 griff er in Deutschland in den Krieg ein.
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Gräuel des Dreißigjährigen Krieges: Der Galgenbaum, Radierung von Jacques Callot (1632).
Fürst Ernst, Stich von Lucas Kilian (1623).

Das Charakteristische an der Renaissance ist das Zusammenspiel von technischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, von Nachahmung der Natur und den Vorbildern der Antike. Dem einzelnen Künstler werden ungewohnte Gestaltungsfreiheiten gegeben, der einzelne Mäzen kann sich als herausragende Persönlichkeit inszenieren und seine eigene Macht erweitern. So ist die Renaissance seit ihrem Beginn in Italien zugleich Ausdruck der politischen Macht der Städte und des Adels.

Von Italien aus gelangen Vorbilder in das übrige Europa. Hierbei ist bemerkenswert, dass die Renaissance gleichsam dem Gelde folgt. Als die niederländischen Hafenstädte im 16. Jahrhundert zu Vermögen gelangten, begannen sie, die italienischen Vorbilder zu übernehmen und weiterzuentwickeln. Die Adligen des Weserraums, die während der Konjunktur des 16. Jahrhunderts und aus ihrer Tätigkeit als Kriegsunternehmer zu Vermögen gekommen waren, übernahmen wiederum von den niederländischen Städten die Architektur, die sich in den Schlössern und Städten entlang der Weser bis heute erkennen lässt: als Weserrenaissance. Ohne den ökonomischen Aufschwung wäre die Weserrenaissance nicht möglich gewesen. Die Handelsbeziehungen der Städte im nordwestdeutschen Raum wurden optimiert. Die Landwirtschaft profitierte vom Getreidebedarf der rasch wachsenden niederländischen Städte.

In der Grafschaft Schaumburg indes herrschte 1617 Fürst Ernst ganz im Geiste der Renaissance. So ließ er einige der besten Künstler seiner Zeit für sich arbeiten, allen voran der Bronzebildhauer Adrian de Vries. Ernst förderte die Wirtschaft seines Landes, reformierte die Kirche und gründete die Vorform einer Universität in Stadthagen. Zudem verlagerte er die Residenz von Stadthagen nach Bückeburg, bis dahin lediglich ein von Krieg und Bränden ruinierter Flecken. 1619 wurde Ernst zum Fürsten ernannt. Allerdings verstarb er 1622 kinderlos. 1640 war das Grafenhaus im Mannesstamm ausgestorben, der Kampf um das Erbe sollte bis 1647 dauern.

Ein Blick hinüber ins Fürstentum Calenberg: Seit dem Tode Erichs II. im Jahr 1584 gehörte dies zum Fürstentum Wolfenbüttel. Heinrich Julius (1564-1613) ließ nicht nur die Residenzstadt Wolfenbüttel ausbauen, er war zudem Freund des Theaters und sogar Autor humorvoll-belehrender Schauspiele. Obwohl selbst Protestant, wurde Heinrich Julius Berater des katholischen Kaisers Rudolf II.

Doch trotz dieser fortschrittlichen Ansätze: Heinrich Julius bezichtigte 114 Personen der Hexerei, mehr als 50 von ihnen endeten auf dem Scheiterhaufen. Er verwies alle Juden des Landes. Seinem Sohn hinterließ er einen Schuldenberg. Über diesen, Friedrich Ulrich (1591-1634), heißt es in der Literatur: Er war einer der unfähigsten und untauglichsten Regenten des Hauses Braunschweig. Ein Spielball in den Händen seiner Räte, war er im Wesentlichen an Tafelfreuden interessiert und schwächte sein Land im Dreißigjährigen Krieg zutiefst.

Seinem Nachfolger Georg von Calenberg (1582-1641) wurden in der welfischen Erbteilung 1635 die Fürstentümer Calenberg und Göttingen zugesprochen. Er machte Hannover zur Residenzstadt. Georgs vier Söhne regierten dort nacheinander, Ernst August wurde 1689 Kurfürst. Dessen Frau Sophie von der Pfalz, Tochter der Elisabeth Stuart, brachte den hannoverschen Welfen gar die Anwartschaft auf die englische Krone ein.

Doch noch einmal zurück an die Weser: Um 1617 war Hameln eine Handels- und Gewerbestadt mit vielleicht 2500, maximal 3000 Einwohnern. Eine stattliche Größe. Zum Vergleich: Hannover hatte damals gut 5000, Braunschweig über 15 000 Einwohner. Die Hamelner Gesellschaft war strukturiert durch Gilden und eine Führungsgruppe von Kaufleuten.

Im Dreißigjährigen Krieges besetzte dann 1625 König Christian IV. von Dänemark als Kriegsoberst des Niedersächsischen Reichskreises die Stadt. Ihm folgte 1626 der kaiserliche Feldherr Tilly, der persönlich ins Hochzeitshaus einzog. Herzog Georg von Braunschweig-Lüneburg – der oben erwähnte Georg von Calenberg – belagerte dann ab 1633 mit schwedischen Truppen die Stadt, in der sich noch die kaiserlichen Truppen aufhielten. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Hessisch Oldendorf kapitulierten die Kaiserlichen in Hameln im Juli 1633. Nach dem Krieg, ab 1664, wurde Hameln zur welfischen „Haupt- und Prinzipalfestung“ ausgebaut.

Das Alltagsleben der meisten Menschen in und um Hameln blieb in diesen Jahrzehnten karg und durch die Landwirtschaft geprägt. Hinzu kamen die Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Er brachte der Bevölkerung Hunger, Krankheiten und Tod. Weite Teile Mitteleuropas wurden zerstört. Nordwestdeutschland verfiel in eine Phase der Stagnation, die mindestens bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts dauern sollte.fh



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