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Was Kartenlegerin Waltraudt Rosemeier sieht und wie es heutzutage um den Aberglauben steht

Ein Blick ins Blatt für Hamelns Hochzeitshaus

Hameln. Menschenkenntnis, Intuition und ein phänomenales Gedächtnis: Drei Eigenschaften, die sich wohl jeder wünscht und die in fast jeder Lebenslage hilfreich sind. Bei Waltraudt Rosemeier bilden sie die Basis fürs Geschäft: Sie ist Kartenlegerin. Normalerweise riskiert sie den Blick ins Blatt auf Kundenwunsch bei sich zu Hause. Seit acht Jahren legt die 77-Jährige zwischen Weihnachten und Neujahr auch bei der Dewezet die Karten. Und ist jedes Mal ratzfatz ausgebucht. In diesem Jahr hat sie über 50 Kunden. Meistens Frauen. Und manche schaffen es nur auf die Warteliste, obwohl Rosemeier von 9 Uhr morgens bis abends ohne Pause arbeitet. „Schlimme Sachen gebe ich nicht preis,“ sagt die Kartenlegerin: „Dann bleibt’s allenfalls bei Andeutungen.“ Schon als Kind wusste sie, dass bei ihr etwas anders ist: „Es gab da Ängste und dann diese Träume.“ Träume, die ihren Blick in die Zukunft lenkten und richtungweisend für das spätere Betätigungsfeld wurden. „Ich mache das gern,“ sagt sie mit einem pfiffigen Lächeln: „Es ist eine Gabe, die mir in die Wiege gelegt wurde.“

veröffentlicht am 30.12.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 24.05.2013 um 13:10 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Spökenkiekerei. Hokuspokus. Aberglaube. An Angriffe dieser Art hat sich die Seniorin längst gewöhnt, schließlich betreibt sie Kartenlegen, Pendeln und Handauflegen nicht erst seit gestern. Das Geschäft läuft. Die Suche nach dem Glück und der Wunsch, in die Zukunft zu schauen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Aberglaube war – und ist zum Teil immer noch – bei Seefahrern oder am Theater verbreitet, war früher auch im täglichen Leben der Menschen ständiger Begleiter. Wer weiß schließlich heute noch, dass man beim Anstoßen von Gläsern durch das klirrende Geräusch eigentlich Dämonen vertreiben wollte?

Glaubt man aktuellen Umfragen, so gibt es inzwischen in Deutschland mehr Leute, die abergläubisch sind, als noch vor dreißig Jahren. Dabei sind es nicht nur Menschen mittleren Alters oder Senioren, sondern vor allem auch viele junge Leute, die nach Glücksbringern Ausschau halten – nach dem vierblättrigen Kleeblatt auf der Wiese, der Sternschnuppe am nächtlichen Himmel, dem Schornsteinfeger, der zufällig über den Weg läuft. Der Talisman ist für viele unverzichtbarer Begleiter bei sportlichen Wettkämpfen oder Prüfungen. Man sieht ihn an Handtaschen, Armreifen, Schlüsselanhängern oder im Auto. Und es ist noch nicht lange her, dass Menschen gebannt vor den Fernsehern saßen, wenn Krake Paul die Fußball-WM-Ergebnisse vorhersagte.

„Ich bin eigentlich viel zu rational fürs Kartenlegen“, stellte Hamelns „First Lady“, Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann, vor vier Jahren fest, machte dann aber doch den Spaß mit und stellte Waltraudt Rosemeier viele neugierige Fragen zur Stadt. Die Dewezet recherchierte ein Jahr später nach – und, siehe da, einiges war eingetroffen, anderes nicht. So ist das mit der Kartenlegerei. Denn die Kartenbilder allein sind noch nicht aussagekräftig: „Der Sinn erschließt sich erst aus dem Kartenumfeld“, meint Waltraudt Rosemeier. Und dazu brauche man den geübten Blick. Für den allerdings auch manches im Dunkeln bleibt. Die EWR-Pleite im Hochzeitshaus – „die hab’ ich kommen sehen“, ist sich die Kartenlegerin sicher: „Da lag die Todeskarte dran.“ Hört sich schaurig an, wird aber aufgeklärt: „Das heißt, dass das Geld tot ist, das da nichts mehr ist.“ Nun, sogar weniger als nichts. Schlimmer noch: ein Riesenschuldenberg. Wie aber sieht’s mit der Zukunft für das Gebäude aus? Gibt’s den Todesstoß für diese Perle aus der Weserrenaissance, von der nur noch die Fassade steht? Waltraudt Rosemeier mischt die Karten, lässt den Blick schweifen, zögert: „Ach, da liegen schon wieder Tränen dran“, sagt sie und tippt auf zwei Karten: „Hier hängt die Karte der Traurigkeit dran und dort die des Diebes.“ Auch eine Behörde oder das Gericht sieht sie. Kein Wunder. Doch dann wird die Kartenlegerin lebhaft: „Da fällt die beste Glückskarte drauf“, meint sie und fährt fort: „Ein älterer Herr taucht auf. Der liegt positiv zu dem Haus. Im nächsten Jahr muss sich etwas verändern. Vielleicht schon im Sommer. Da ist jemand, der das Ganze in Gang bringt.“ Na also. Dann zeigt Waltraudt Rosemeier auf eine weitere Karte: „Da liegt noch ein Gebäude in der Nähe vom Hochzeitshaus. Das läuft besser.“ Muss ja wohl die Stadt-Galerie sein. Schon 2006 hatte die Kartenlegerin rosige Zeiten fürs geplante Einkaufszentrum in Aussicht gestellt: „An dem Gebäude hängt die Glückskarte“. Und eine positive Entwicklung gesehen: „Das Ganze wird sich für Hameln auszahlen.“ Bleibt nur zu wünschen, dass die Karte der Traurigkeit fürs Hochzeitshaus 2012 zur Glückskarte mutiert. Wir hoffen. Und schauen ganz genau hin …



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