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Dewezet-Fünfteiler zu 400 Jahren Hochzeitshaus: Archäologische Fundstücke zeugen von der einstigen Ess- und Feierkultur

Die Reste vom Fest im Hochzeitshaus - Teil 4

Sollte man ein prominentes Bauwerk benennen, das der Hamelner Altstadt ein unverwechselbares Gesicht verleiht, wäre es neben dem Münster St. Bonifatius und der Marktkirche St. Nicolai sicherlich vor allem das Hochzeitshaus, das dieses Prädikat verdient. Vom einstigen Innenleben schien jedoch nicht mehr viel erhalten, bis bei einer Ausgrabung einige Fundstück zutage getragen wurden. Sie zeugen von der einst im Hochzeitshaus herrschenden Ess- und Feierkultur.

veröffentlicht am 24.11.2017 um 11:53 Uhr
aktualisiert am 24.11.2017 um 12:48 Uhr

Tonpfeifenköpfe und –stiele aus der Hochzeitshauskloake Foto: Joachim Schween

Autor:

Joachim Schween
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Die Erbauer errichteten an zentraler Stelle und unübersehbar jenen rathausgroßen Sandsteinbau, dessen Äußeres sich im Laufe der Jahrhunderte zwar in einigen Details, jedoch nicht grundsätzlich verändert hat. Dem Inneren erging es leider anders. Die Jahrhunderte ließen von den ursprünglichen Räumen und ihrer Ausstattung nichts übrig. Weder Mobiliar, noch Wand- oder Deckenschmuck hat sich erhalten. Auch vom Hausrat, der in den Küchen des Hochzeitshauses verwendet wurde und vom vornehmen Tafelgeschirr, mit dem die Gäste ehedem bewirtet wurden, war nichts mehr bekannt. Dies änderte sich jedoch durch eine Ausgrabung, die der Verfasser im Jahr 2005 an der Nordseite des Hochzeitshauses durchführte. Anlass der Untersuchungen war der Einbau einer Notstromanlage für die im Gebäudeinneren eingerichtete ‚Erlebniswelt Renaissance‘, deren Eröffnung kurz bevorstand. Beim Ausheben der Baugrube neben der Kellertreppe zu den öffentlichen Toiletten war der Bagger etwa 0,40 m unter der Geländeoberfläche auf den Rest eines kalkgemörtelten Bruchsteingewölbes gestoßen. Das Tonnengewölbe gehörte, wie sich herausstellte, zu einem rechteckigen, ursprünglich etwa 20 Quadratmeter großen Keller von 6,35 Meter Ost-West- und 3,20 Meter Nord-Süd-Ausdehnung, dessen ursprünglich an die Nordwand des Hochzeitshauses heranreichende Längsseite jedoch bereits vor längerer Zeit durch den Bau der Kellertreppe zerstört worden war. Während der Freilegung konnte unterhalb der Gewölbedecke noch ein Hohlraum festgestellt werden, in dem sich Tropfstein gebildet hatte. Ein Zugang zum Gewölbekeller ließ sich aufgrund der Beschädigungen nicht mehr nachweisen. In etwa 3,60 Meter Tiefe unter der Geländeoberfläche wurde innerhalb des Gewölbekellers eine schwarzbraune humose Verfüllung mit zahlreichen Haushaltsabfällen angeschnitten.

Der Kellerraum wurde demnach als Kloake benutzt und war offensichtlich speziell für diesen Zweck errichtet worden. Derartige Bauten zur Abfallentsorgung sind nichts Ungewöhnliches. Eine sehr ähnlich konstruierte und zahlreiche Gefäßscherben enthaltende Kloake aus dem Jahr 1639/40 konnte beispielsweise in den 1990er Jahren in Göttingen (Rote Straße 34) untersucht werden.

Die allmähliche Füllung der Kloake des Hochzeitshauses dürfte über einen gemauerten Abortschacht erfolgt sein, der sich außen am Gebäude befand und von verschiedenen Stockwerken aus zugänglich war. Zwei erst kürzlich durch Wibke Reimer (Museum Hameln) eindeutig als Grundrisszeichnungen des Hochzeitshauses identifizierte Pläne der Zeit um 1785 aus dem Hamelner Stadtarchiv belegen, dass sich an der Nordseite des Hochzeitshauses entsprechende Aborte befanden. Einer davon ist exakt an der Stelle eingezeichnet, wo die Kloake gefunden wurde. Noch heute sind derartige Abortschächte an der Südseite des Schlosses Bevern (1603-1612) bei Holzminden erhalten und gut zu erkennen.

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Lage der Kloake an der östlichen Nordseite des Hochzeitshauses Foto: Stadtarchiv
  • Lage der Kloake an der östlichen Nordseite des Hochzeitshauses Foto: Stadtarchiv
chaft eines Flügelglases aus der Hochzeitshauskloake. Foto: Joachim Schween
  • chaft eines Flügelglases aus der Hochzeitshauskloake. Foto: Joachim Schween
Weinflaschen aus der Hochzeitshauskloake Foto: Joachim Schween
  • Weinflaschen aus der Hochzeitshauskloake Foto: Joachim Schween
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Lage der Kloake an der östlichen Nordseite des Hochzeitshauses Foto: Stadtarchiv
chaft eines Flügelglases aus der Hochzeitshauskloake. Foto: Joachim Schween
Weinflaschen aus der Hochzeitshauskloake Foto: Joachim Schween

Die Kloakenfüllung ließ sich aus technischen Gründen nicht vollständig bergen, die Kellersohle wurde daher nicht erreicht. Der verbliebene Kloakeninhalt dürfte jedoch noch ungestört unter dem Fundament der eingebauten Notstromanlage erhalten sein.

Das geborgene Fundmaterial setzt sich vornehmlich aus Tongefäßscherben (bleiglasierte Irdenwaren, Steinzeug, Fayence, Porzellan) und Fragmenten von Trinkgläsern und Glasflaschen zusammen, enthält aber auch Reste von Tontabakpfeifen mit kleinformatigen Köpfen sowie zerbrochenes grünliches Fensterglas. Darüber hinaus blieben einige Tierknochen, Austern- und Miesmuschelschalen sowie Kirschkerne, Wallnuss- und Haselnussschalen in der Kloakenverfüllung erhalten. Die Funde lassen sich in die Zeit zwischen dem frühen 17. und späten 18. Jahrhundert einordnen.

Einige Tontöpfe, die vor ihrem Zerbrechen wohl in der Küche Verwendung fanden, ließen sich aus den Scherben wieder zusammensetzen, so dass wir die Gefäßformen – dreibeinige Grapen, Pfannen, Henkeltöpfe – und ihre mit dem Malhorn aufgetragenen Verzierungen wieder gut erkennen können.

Besonders ist an dieser Stelle jedoch das Tafelglas hervorzuheben, das einen wesentlichen Teil des Fundkomplexes ausmacht und überwiegend dem 17. Jahrhundert angehört. Es spiegelt in seiner Zusammensetzung den Repräsentationscharakter des Hochzeitshauses wider. Anhand der Fragmente lassen sich mindestens sieben sogenannte Flügelgläser „à la Façon de Venise“ nachweisen. Hierbei handelt es sich um entfärbte Stengelgläser mit flachem Scheibenfuß und konischer Cuppa, deren Schaft aus einer besonders gewundenen Glasschnur mit spiralig gedrehten rot-weißen und weißen Fadeneinlagen sowie blauen bzw. in einem Fall farblosen Flügelansätzen besteht. Die Flügel sind waffelartig und einmal rillenförmig gepresst. Zur Gruppe der wie die Flügelgläser nach venezianischer Manier in den Niederlanden oder Deutschland gefertigten dünnwandigen und farblosen Gläser gehören auch einige Scherben von Bechern mit spiralig aufgelegten weißen Fäden („Vetro a fili“-Dekor), der Rest eines Gefäßes mit sogenanntem Eisglasdekor, das Bruchstück eines mutmaßlichen Kelchglases mit geripptem Unterteil der Cuppa („mezza stampaura“) sowie Fragmente eines vollständig rekonstruierbaren Kelchglases mit flachem Scheibenfuß, geripptem Hohlbaluster und trichterförmiger Cuppa. Ein farbloser Warzenbecher mit blauen Beerennuppenfüßen ist durch mehrere bereits stark zersetzte Scherben vertreten. Zwei Fragmente gehören zu geschnittenen Gläsern: der Rest einer anscheinend vegetabil verzierten Cuppa eines Kelchglases und der etwas dickwandigere zylindrische Rand eines Jahreszeiten-Bechers, auf dem, in Mattschnitt ausgeführt, innerhalb eines Medaillons Getreidehalme mit Ähren und die Umschrift (S)OMMER zu erkennen sind.

Grünes und braunes Waldglas vervollständigt das Spektrum des Tafelglases. Es lassen sich mehrere schlanke Stangengläser mit rundem Querschnitt und aufgelegten gekerbten Glasfäden (Pässe) nachweisen. Hinzu kommen Römer in unterschiedlichen Grüntönen, deren Schäfte mit Beerennuppen besetzt sind sowie das mit einer Nuppe erhaltene Unterteil eines zylindrischen Bechers aus braunem Glas. Schließlich lassen sich die Reste eines grünstichigen Humpens mit Emailbemalung anführen, der durch die nur teilweise erhaltene Jahreszahl „16 . .“ unterhalb der Randverzierung in das 17. Jahrhundert datiert werden kann. Er dürfte ebenso wie das übrige Waldglas des Fundkomplexes in den Waldglashütten des südniedersächsischen Leine-Weser-Berglandes hergestellt worden sein.

Bereits dem 18. Jahrhundert gehören die meisten der in zahlreichen Fragmenten geborgenen Weinflaschen aus dickwandigem grünem Glas sowie der schlanke Hals einer Kanne und eine Reihe von Kelchgläsern aus farblosem Kristallglas an. Einige der bocksbeutelförmigen Flaschen lassen Formnähte erkennen. Flaschensiegel sind nicht vorhanden. Mindestens eines der Kelchgläser, mit Luftblasen im massiven Cuppaboden und im Balusterschaft, stammt aus der Lauensteiner Glashütte am Osterwald, die 1701 in Betrieb genommen wurde.

Die Weinflaschen wurden teilweise sicherlich in der Weinschänke benutzt, die im Ostteil des Hochzeitshauses untergebracht war. Das feine Tafelglas dagegen, das anscheinend überwiegend in die ersten fünf Jahrzehnte des Hochzeitshauses datiert, hat eindeutig festlichen Charakter dürfte die Tische wohlhabender Gesellschaften zu feierlichen Anlässen geschmückt haben. Es wäre doch eine schöne Vorstellung, den Glanz des noch zu restaurierenden Tafelglases irgendwann in die Räume des Hochzeitshauses zu bringen, um damit an dessen „Hohe Zeiten“ zu erinnern.


Literatur: Edgar Ring (Hrsg.): Glaskultur in Niedersachsen, Husum 2003

Joachim Schween: Hameln FStNr. 166 – In: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte Beiheft 12, Fundchronik Niedersachsen 2005, Stuttgart 2006, S. 133-134, Kat. 172.

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