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Die Geschichte des Hochzeitshauses

400 Jahre Glanz und Elend - Teil 2

Vor 400 Jahren wurde das Hamelner Hochzeitshaus nach siebenjähriger Bauzeit fertiggestellt. In einer fünfteiligen Serie blicken wir deshalb zurück auf die wechselvolle Geschichte dieses Hamelner Wahrzeichens. In der zweiten Folge erinnert heute der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom an die Geschichte des Gebäudes bis ins späte 20. Jahrhundert.

veröffentlicht am 22.11.2017 um 14:50 Uhr
aktualisiert am 24.11.2017 um 12:48 Uhr

Das Hochzeitshaus mit Bäcker-Scharren und Marktkirche in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Foto: Stadtarchiv
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Autor

Bernhard Gelderblom Reporter
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Das Hochzeitshaus ist das glänzendste Zeugnis aus der kulturell und politisch bedeutendsten Phase der Stadtgeschichte Hamelns – nämlich der Zeit der Renaissance im 16. Jahrhundert. Aufwand und Prunksucht wuchsen in allen Ständen, besonders in den Familien der Patrizier. Im Jahr 1598 erließ der Hamelner Rat gar eigens eine Verordnung gegen das übermäßige Biersaufen in der Stadt.

Die Patrizier beherrschten den Rat und hatten als Fernhandelskaufleute die wirtschaftliche Macht inne. Besonders durch Getreidehandel hatten sie viel Geld verdient. Mit dem lutherischen Geist öffnete sich die Stadt auch dem Gedankengut des Humanismus und der Renaissance.

Aufwand und Luxus der städtischen Oberschicht nahmen zu. Die Großkaufleute maßen sich am noch selbstbewusster auftretenden Adel, zeigten Bürgerstolz und weltläufigen Lebensstil. 1602/03 baute der Ratsherr und Patrizier Hermann Arendes das prächtigste aller Hamelner Bürgerhäuser: das Rattenfängerhaus.

Im August 1972 zog die Bücherei ins Hochzeitshaus. Foto: archiv
  • Im August 1972 zog die Bücherei ins Hochzeitshaus. Foto: archiv
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Ein Grundriss der „So genandten Neuen Schencke“ – des Hochzeitshauses – um 1770. FotO: Stadtarchiv
  • Ein Grundriss der „So genandten Neuen Schencke“ – des Hochzeitshauses – um 1770. FotO: Stadtarchiv

In dieser Zeit – der Höhepunkt der städtischen Blüte war bereits überschritten und die Stadt stark verschuldet – errichtete die Stadt 1610 bis 1617 das Hochzeitshaus. Das monumentalste Wahrzeichen städtischer Selbstverwaltung – 43 Meter lang, 15 Meter breit. Ähnlich wie der Schlossbau zu Hämelschenburg gestaltet, wollte das Bürgertum hier mit den Schlossbauten des Adels wetteifern.

Glänzend ist der Platz des Gebäudes gewählt. Es entstand an der markantesten Stelle, welche die Stadt zu vergeben hatte. Parallel zur Kirche und senkrecht zum Rathaus fügte sich der Bau in seiner horizontalen Wucht glänzend ins Stadtbild ein. Obwohl in ganz verschiedenen Stilepochen entstanden, bildeten Marktkirche, Rathaus und Hochzeitshaus nun eine später vielgerühmte Einheit. Der Name „Neues Gebäude“, den der Bau lange trug, lässt an einen Vorgängerbau denken. Stadtarchäologe Joachim Schween meint heute, dafür Hinweise bei seinen Grabungen gefunden zu haben.

So ungegliedert, wie sich das massige Gebäude heute präsentiert, war das Hochzeitshaus ursprünglich nicht. An der Ostwand befand sich ein über zwei Geschosse gehender Erker, der in die Tiefe der Osterstraße schaute. Von ihm aus begrüßte der städtische Trompeter einziehende hohe Gäste. Auf der Nordseite erschloss eine steinerne Außentreppe die oberen Stockwerke.

Das Erdgeschoss war Funktionen gewidmet, die der Stadt Einnahmen sichern sollten. Das große westliche Portal sollte zur Ratswaage führen. Hier befand sich deswegen ursprünglich eine Wagendurchfahrt, die in den Lütgen Markt mündete. Die mittlere Tür öffnete sich zur Ratsapotheke, die östliche zur Ratsweinstube. Weil die Ratswaage im gegenüberliegenden Haus „Zum Neuen Schaden“ blieb, änderte man die Raumaufteilung. Die Apotheke zog anstelle der Waage in die westliche Gebäudehälfte und teilte sich mit der Weinstube das Erdgeschoss. Die überflüssige mittlere Tür wurde zugemauert und erst 2005 für die „Erlebniswelt Renaissance“ wieder geöffnet.

Im ersten Stock lagen in Richtung Westen Repräsentationsräume – unter anderem die später sogenannte Tilly-Stube. Im Osten der über zwei Stockwerke gehende Festsaal. Er besaß auf zwei Seiten Balustraden und farbige Glasfenster. Darüber befand sich die städtische Rüstkammer, das Zeichen bürgerlicher Wehrfreiheit. Vom tonnengewölbten Keller gelangte man durch einen Gang zum Ratsweinkeller unter dem Rathaus.

Seinem ursprünglichen Zweck diente das Gebäude nicht lange, begann doch bereits ein Jahr nach seiner Fertigstellung der Dreißigjährige Krieg mit Einquartierungen und hohen finanziellen Lasten. „Auf der Eckstube über der Apotheke“ soll General Graf Tilly Anfang Mai 1631 die Belagerung Magdeburgs beschlossen haben. Nachdem Herzog Georg von Lüneburg 1633 Tillys Truppen aus der Stadt vertrieben hatte, ließ er sich im Hochzeitshaus vom Rat den Huldigungseid schwören. Für seinen Einsatz um die Stadt belohnte er sich mit den kostbaren Glasfenstern des Festsaales. Er nahm sie mit, heute sind sie verschollen.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg verlor die Stadt ihre Selbstständigkeit und das Recht auf Selbstverteidigung, sie wurde Landesfestung. Eine Waffenkammer brauchte sie nicht mehr. 1721 – die Stadt war inzwischen verarmt – untersagte der Magistrat das Abhalten von Hochzeiten im Festsaal. Die Kosten sollten „besser zur ersten häuslichen Einrichtung der Verheiratheten verwandt werden“.

Mit dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) wurde der Abstieg dramatisch: Nach der Schlacht bei Hastenbeck (1757) nutzten die Franzosen mit Ausnahme der dringend benötigten Apotheke das Hochzeitshaus als Lazarett. Nach ihrer Vertreibung diente das Haus als Gefängnis für französische Soldaten. Später wurde es Mehlmagazin der in Hameln liegenden Garnison.

Zwei undatierte Grundrisse (siehe unten) waren im Stadtarchiv wegen der Bezeichnung „Neue Schenke“ zunächst nicht richtig zugeordnet. Ein Plan zeigt den Grundriss des Hochzeitshauses nach dem siebenjährigen Krieg – um 1770. Zu sehen ist ein Gewirr von Räumen, manche seien „in schlechtem Stande“, heißt es. Ob die Apotheke zu diesem Zeitpunkt arbeitet, wird nicht klar. Viele Räume dienen Wohnzwecken. Das Gebäude verfügt über insgesamt vier Ein- und Ausgänge. Außentreppe und Erker, die später verschwanden, sind noch vorhanden. Ein zweiter Grundriss schlägt vor, „wie die Neue Schencke anderweitig eingerichtet werden könnte“. Schon 1770 ist von der ursprünglichen Raumaufteilung im Hochzeitshaus nicht mehr viel übrig. Der Entwurf erscheint in der Zeichnung klarer und durchdachter. Räume werden neu aufgeteilt, die Außentreppe beseitigt. Ob dieser Plan jemals Wirklichkeit wurde, ist nicht bekannt.

Der Festsaal im Hochzeitshaus machte offenbar schon mehr als ein Jahrhundert zuvor nicht viel her. Die Deister- und Weserzeitung zitierte am 20. Oktober 1907 eine leider nicht näher bezeichnete Quelle aus dem 17. Jahrhundert: „In der ersten Etage befand sich auch der große Saal. (…) Eine in der Mitte der Nordseite angelegte mächtige steinerne Treppe führte zu diesem Raume. (…) Er war zur Größe nur niedrig, doch war der dritte Stock über dem Saale nicht ausgebaut, sondern reichte bis zum Dache; an zwei Seiten war er mit Galerien umgeben. Doch darf man sich von der Größe und Pracht dieses Hochzeitssaales keine übertriebene Vorstellung machen. So beschwerten sich 1654 die Bürger beim Rat, dass die gewöhnliche große Hochzeitsstube mit Gips gegossen, der über die Maßen einem jeden zu Kopf und Nase kommt, die Kleider auf den Hochzeiten makuliert, verdirbt und bestäubt. Um dem Unheil vorzukommen, ersuchen die Bürger den Rat, dass der Raum mit tannenen Dielen beschossen würde.‘ “

1864 zog die Ratsapotheke in das gegenüberliegende Gebäude. An ihrer Stelle wurden Wohnungen eingebaut, später zog dort Verwaltung ein, 1887 die Sparkasse. Nach deren Weggang in die Garnisonskirche (1929) bekam die Kämmereikasse hier ihren Ort. Am längsten – wenn auch mit Unterbrechungen – blieb die Ratsweinschänke im Gebäude. Ihr letzter Pächter war seit 1923 Fritz Kropp. Schon um 1900 war der Dachstuhl derart morsch, dass man die schweren Sollingsandsteinplatten durch ein leichteres Schieferdach ersetzte.

Stadtbaurat Albert Schäfer beschrieb 1932 das Innere des Hochzeitshauses als ein Gewirr von kleinen und kleinsten Räumen, „wie Kraut und Rüben nebeneinandergeschachtelt“ und durch zwei enge Treppen erschlossen. Unbeschreiblich sei der Zustand im zweiten Stock gewesen: „Die Fenster saßen bis auf 40 cm am Fußboden und oben rannte man mit dem Kopfe an den Mauerbogen.“ Senkungen des tragenden Gebälks um 70 Zentimeter auf sechs Metern Länge bedingten tief durchhängende Böden. Das Dachgeschoss und der dritte Stock waren seit Jahren nicht mehr benutzbar.

Es bedurfte einer gewaltigen Kraftanstrengung, in den Notzeiten der Weimarer Republik die Mittel für eine Renovierung aufzubringen. Die Provinz Hannover und der preußische Staat gaben Zuschüsse, Spenden aus der Bürgerschaft halfen. Von 1930 bis 1932 wurde unter Leitung des Stadtbaurats Schäfer und des Architekten Wilhelm Vollmer das Innere vollständig entkernt, ein Stahlgerüst als Tragwerk eingezogen und das Gebäude für Verwaltungszwecke völlig umgebaut.

Die Renovierung gelang glänzend. Neben schlichten Dienstzimmern schufen Schäfer und Vollmer repräsentative Räume für den Oberbürgermeister und die Sitzungen des Magistrats. Besonders das großzügige Treppenhaus) mit seinem schlanken schmiedeeisernen Gitterwerk und dem weißbronzenen Geländer bestach. Damals wurde auch das Dach neu mit Sandsteinplatten belegt. Wie 1617 folgten 1932 schon ein Jahr später schlimme Zeiten. Der Zweite Weltkrieg endete mit dem Verlust der Einheit aus Marktkirche: Rathaus und Hochzeitshaus: Die Kirche wurde wieder aufgebaut, das schwer beschädigte Rathaus abgerissen.

Nach dem Krieg diente das Hochzeitshaus weiter als Behördensitz. 1972 bezog die Stadtverwaltung dann das vom BHW errichtete Gebäude am Kastanienwall. Die Bücherei zog ins Hochzeitshaus. Repräsentative Empfänge aber richtete die Stadt weiterhin im Hochzeitshaus aus. So waren dort unter anderem Willy Brandt und Queen Elizabeth II. zu Gast.


Lesen Sie in der nächsten Folge in unserer fünfteiligen Serie zum Hochzeitshaus: „Die Erlebniswelt Renaissance und ihre Folgen“.

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