weather-image

Wo hat das Glück seinen Platz im Gehirn?

Sind Sie glücklich? Schwer zu beantworten, oder? So allgemein gefragt und ohne Begrenzung. Reduzieren Sie die Betrachtung auf just diesen einen Moment, diese Minute, dürfte Ihnen das Ganze schon leichterfallen. Egal, was dazu führt, dass Sie sich glücklich fühlen – in Ihrem Kopf ist jetzt einiges los. Und auch, wenn Sie es nicht sind, passiert unter Ihrer Schädeldecke etwas, das Sie sein lässt, wie Sie sind.

veröffentlicht am 02.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 17:37 Uhr

270_008_5284022_glueck102_0203.jpg
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Glück“ ist nicht unbedingt ein Begriff, mit dem Neurowissenschaftler, Biochemiker und Psychologen im selben Maße hantieren, wie es der gemeine nach Glück Strebende tut. In der Wissenschaft wird stattdessen lieber von Lebenszufriedenheit gesprochen; trotzdem haben sich die Experten offenbar dem Bedürfnis der Laien nach Erkenntnissen auf der Suche nach dem Glück angepasst und forschen nach demselben – nicht zuletzt, weil es die Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt und in der Philosophie, wie auch in der Ökonomie und den Humanwissenschaften seit Jahren interessiert. Bei allen Forschungsreihen und Bemühungen: Die Erkenntnisse, die als der Weisheit letzter Schluss gehandelt werden, sind offenbar begrenzt gewonnen.

„Immer wieder ist umstritten, wie und ob Glück überhaupt untersucht werden kann“, sagt die Psychologin Brita Bagatsch von der Burghof-Klinik in Rinteln. Versucht wird es trotzdem mit bildgebenden Verfahren, die Bereiche des Gehirns in Farbe sichtbar werden lassen, die nach heutigem Kenntnisstand mit Glücksgefühlen zusammenhängen. Wo aber genau das Glück seinen Platz im Gehirn hat, „kann niemand sagen“, nimmt Professor Borwin Bandelow von der Universität Göttingen ebenfalls die Hoffnung auf die gezielte Einflussnahme auf einen für Glück zuständigen Bereich.

Viel zu groß wäre der Aufwand, um eindeutige Zuordnungen treffen zu können. Brita Bagatsch führt aus: „Man müsste eine große Anzahl von Menschen unvoreingenommen in verschiedenen Lebenssituationen mehrfach (mit bildgebenden Verfahren) untersuchen und zu ihren Empfindungen, Gedanken und Lebensumständen befragen. Und sicherstellen, dass die Angaben auch von Dritten nachvollziehbar wären.“ Bei kürzeren Glücksmomenten gelingt das bedingt, beim Messen von Zufriedenheit sei es schwieriger.

Immerhin: In dem Dickicht aus Windungen, Synapsen, Nervenzellen und -bahnen im menschlichen Gehirn sind laut Bagatsch „schätzungsweise sieben Hirnareale“ ausgemacht worden, die „an der Korrespondenz mit Zufriedenheit beziehungsweise einem Glücksgefühl beteiligt“ sind. Dazu zählen – wer es wissenschaftlich haben möchte – das ventral tegmentale Areal als zentrale Schaltstelle für das Belohnungs- und Lustsystem und die Amygdala, auch Mandelkern genannt, im Mittelhirn, das „so etwas wie eine Speicher- und Verteilerfunktion“ übernimmt. Das ventrale Striatum mit dem Nucleus accumbens ist wiederum eine zentrale Region für Lust und Belohnung; auch der orbitale Cortex und der anteriore cinguläre Cortex sind betroffen vom Glück, oder besser: bestimmen es. Dort wird das Erlebte gedanklich bewertet und in positiv und negativ eingestuft. Im Hypothalamus wiederum, tief im Hirninnern, werden Botenstoffe in Hormone umgewandelt, die in den Blutkreislauf gelangen und unsere Gefühlswelt beeinflussen.

Die Botenstoffe – sie sind weit geläufiger als die Hirnareale, die zwar vieles von uns ausmachen, aber im Alltag namentlich kaum eine Rolle spielen. In unterschiedlicher Kombination werden Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Endorphine ausgeschüttet, je nachdem, was gerade außerhalb des Gehirns passiert. Ohne sie würde zwischen den Nervenzellen Ruhe herrschen und wir würden nicht viel fühlen, weder Glück noch Unglück. Ist beispielsweise die Aufnahme von Dopamin gehemmt, sind wir antriebslos und haben keine Lust, überhaupt irgendetwas zu tun. „Dopamin ist Voraussetzung für das Empfinden von Zufriedenheit“, sagt Bagatsch. Unterstützt wird es vom Noradrenalin, das „wie ein Müsliriegel bei einer Wanderung“ wirkt. Es hält wach und konzentriert und macht leistungsbereiter. Serotonin ist unser körpereigener Stimmungsaufheller, vermittelt Ruhe, Zufriedenheit und dämpft in erster Linie Angst. Last, but not least rufen Endorphine am stärksten das Glücksgefühl hervor und hemmen Schmerzen. Ein Mangel oder auch ein Überschuss an Botenstoffen wird bei einer Reihe an psychischen Erkrankungen ausgemacht. Zu wenig Serotonin beispielsweise wird bei Angststörungen und Selbstmordgedanken ausgemacht.

Dass sich bei allem Wissen darüber nicht die eine ausgewählte Pille einwerfen lässt, um glücklich(er) zu sein, hängt laut Ralf Dombert, Neurologe in Hameln, auch damit zusammen, dass sich kein direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang herstellen lässt zwischen „zu wenig Noradrenalin“ und dieser „mittelschweren Depression“. Zu komplex ist das Zusammenspiel der Botenstoffe, zu unterschiedlich die verschiedenen Arten von Depressionen. Gefühle entstehen nicht monokausal, sondern hängen unmittelbar zusammen mit der genetischen Veranlagung und Kindheitserlebnissen. „Alles, was unser Körper und Geist registriert, wird in einem äußerst komplexen ganzkörperlichen Geschehen für Reaktionen sorgen“, beschreibt Bagatsch das Gesamtsystem, das hinter einem Gefühl steckt. Je nach gemachter Erfahrung reagiert jemand glückselig auf Berührung, während ein anderer unter den gleichen äußeren Umständen flüchten möchte. So kann selbst bei ähnlichen physiologischen Vorgängen auf der Bewertungsebene ein anderes Resultat entstehen.

Rezepte, die glücklich machen oder nicht, können daher nur individuell entworfen werden. Nichts gilt für jeden, und auch das eigene Glücksempfinden unterliegt Schwankungen. Aber: Jeder hat offenbar sein persönliches Glücksgefühl-Level, das er zwar mal über- und mal unterschreiten kann, doch Forschungen zufolge pendelt er sich immer wieder auf diesem einen Niveau ein. Hingegen anderen Aussagen zufolge, lässt sich das subjektive Glücksgefühl steigern durch gezielte Übungen, indem beispielsweise positive Erlebnisse regelmäßig ins Gedächtnis gerufen werden. Auch Ausdauersport kann laut dem Wissenschaftler Professor Tobias Etsch helfen, die Ausschüttung der verschiedenen Botenstoffe zu erhöhen, die ihrerseits auf die Bereiche im Gehirn wirken. So könne das Angstzentrum, die Amygdala, selbstständig schrumpfen, während der Hippocampus, der bei Dauer-Stress kleiner wird, zum Wachstum angeregt wird.

Vier Wochen lang kommt mit der Dewezet das Glück in zahlreichen Facetten ins Haus. Was lässt Menschen glücklich sein, wer hatte Glück im Unglück und wer verdient am Geschäft mit dem Glück richtig gut – das ist nur eine Auswahl an Aspekten, denen wir bis zum 31. März auf den Grund gehen. Heute: Glück im Gehirn – was passiert unter der Schädeldecke?

In der Skizze, die Professor Dr. Gerhard Roth vom Institut für Hirnforschung in Bremen verwendet, sind einige der geschätzten sieben Bereiche des Gehirns, die beim Empfinden von Glück relevant sind, benannt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt