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Wie werde ich meines Glückes Schmied?

Vier Wochen lang kommt mit Ihrer Zeitung das Glück in zahlreichen Facetten ins Haus. Was lässt Menschen glücklich sein, wer hatte Glück im Unglück, und wer verdient am Geschäft mit dem Glück richtig gut? Das ist nur eine Auswahl an Aspekten, denen wir bis zum 31. März auf den Grund gehen. Heute: Jeder ist seines Glückes Schmied – oder?

veröffentlicht am 16.03.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 14:08 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Jeder ist seines Glückes Schmied. So lautet zumindest ein geflügeltes Wort, das auf den römischen Politiker Appius Claudius Caecus (um 340 bis 273 v. Chr.) zurückgeht. Demnach hat es jeder Mensch selbst in der Hand, ob er glücklich wird oder nicht; er muss nur etwas für sein Glück tun. Natürlich hat es sich der Volksmund in der Zwischenzeit nicht nehmen lassen, das berühmte Sprichwort zu verballhornen, zu „Jeder ist seines Glückes Störenfried“ etwa. Aber selbst die Verballhornung setzt immerhin voraus, dass das wie auch immer geartete Glück bereits da ist, das der Mensch, unfähig sein Glück zu halten, dann jedoch selbst verwirkt. Darüber hinaus wohnt auch der Verballhornung des Sprichworts die Möglichkeit inne, das bereits präsente Glück durch entsprechendes Verhalten zumindest doch zu bewahren. Was also kann man tun und was gilt es zu beachten, wenn man zum sprichwörtlichen Schmied seines eigenen Glücks werden möchte? Und wo stößt man dabei auf Grenzen?

Die Philosophin Dr. Michaela Rehm, Juniorprofessorin an der Universität Bielefeld, verweist auf den griechischen Philosophen Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.). Er habe in seiner Nikomachischen Ethik zwar grundsätzlich die Auffassung vertreten, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Gleichwohl habe er aber auch gesehen, dass das individuelle Glück auch von äußeren Faktoren abhängt. „Jemandem, der schwer krank ist, eine fürchterliche Kindheit hatte oder über kein Geld verfügt, zu sagen, du hast dein Glück selbst in der Hand, kann ja auch sehr zynisch sein“, erläutert Rehm.

Laut Aristoteles verfügt jeder Mensch über ein „ergon“, also über eine spezielle Tüchtigkeit oder Begabung: Lebt der Mensch getreu seines „ergon“, wird er glücklich, tut er es nicht, bleibt das Glück aus. Als klassisches Beispiel führt Rehm den außergewöhnlich musikalisch begabten Schüler an, dessen Eltern ihn aber zum Mathematikstudium zwingen: „Das wird aller Wahrscheinlichkeit nicht richtig funktionieren.“ Aber folgt man seiner Begabung und trainiert sie, macht man Fortschritte, man wird gut, in dem, was man tut und empfindet Spaß.

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  • Juniorprof. Dr. Michaela Rehm
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  • Dr. Michael Heilemann, Diplompsychologe und Psychologischer Psychotheapeut

Folglich gilt es, herauszufinden: Wo liegt mein ergon? „Hat man das herausgefunden, kommt es laut Aristoteles darauf an, etwas daraus zu machen“, so Rehm. An dieser Stelle kommt bei Aristoteles die dem Menschen angeborene Vernunftbegabung ins Spiel, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Und diese Vernunft muss der Mensch auch nutzen, meinte Aristoteles, sonst handele er wider seine Natur. „Jemand, der es aber vorzieht, jeden Tag zu saufen und zu huren, kann laut Aristoteles nicht froh sein. Da hätte er gesagt: ,Du lebst nicht das Leben eines Menschen, sondern das eines Schweines. Und das kann nicht glücklich machen.‘“ Bei Aristoteles kann der Mensch nur durch ein tugendhaftes, also vernunftgeleitetes Leben glücklich werden. Außerdem sei der Mensch ein sozial veranlagtes Wesen. Er muss sich also seinen Mitmenschen gegenüber moralisch möglichst einwandfrei verhalten, um glücklich zu werden.

Die Prämisse des Aristoteles lautete also: Alle Menschen streben nach „eudaimonia“, also nach Glück „als ein Zustand, der aktiv angestrebt werden kann: in dem man seiner Natur gemäß lebt“, schildert Rehm. Passives Glück, wie zum Beispiel in Form eines Lottogewinns, ist bei Aristoteles nicht zu haben.

Der Hamelner Psychologe Dr. Michael Heilemann unterscheidet zwischen passivem und aktivem Glück. Beim passiven Glück warte man darauf, dass einem Glückliches widerfährt, ohne etwas dafür zu unternehmen. Dabei kann bei dem Glücksempfänger zwar das erhabene Gefühl entstehen, ein Auserwählter zu sein, dem das Glück sozusagen durch eine höhere Macht zuteil wird, während andere es sich hart erarbeiten müssten. Für zuverlässiger erachtet Heilemann jedoch, ähnlich wie Aristoteles, das aktive, das selbst erarbeitete Glück.

„Dieses Glücksempfinden ist vielleicht weniger stark als das passive, aber dafür hält es unter Umständen ein Leben lang an“, sagt er. Es müsse aber freilich auch ein Leben lang erarbeitet werden. Dafür gelte es, bestimmte Variablen zu beachten, und zwar zuallererst die Beantwortung der Frage: Wo liegt meine Begabung? Oder wie Aristoteles gesagt hätte: Wo liegt mein „ergon“? Wird diese Begabung regelmäßig durch Wiederholung und Training gefördert, tue man am Ende nicht mehr nur etwas, sondern sei etwas: Der Mensch geht in seinem Tun auf, die Tätigkeit geht in Sein über.

Diese Praxis sei zwar durchaus mit Anstrengung verbunden, führe schlussendlich jedoch zu Glück spendenden Erfolg. „Außenstehende sprechen angesichts außergewöhnlicher Leistungen dann oft von einem ,Genie‘, ohne zu sehen, dass hinter der Leistung des ,Genies‘ in Wirklichkeit nicht mehr und nicht weniger als harte Arbeit steckt“, schildert der Psychologe.

Dieses Glücksmodell sei für alle Menschen anwendbar, denn: „Jeder Mensch verfügt über zwei, drei Begabungsschwerpunkte“, sagt Heilemann. Um diese Begabungen zu fördern, müsse sich der Mensch darüber klar werden, dass er als „einziger ständiger Begleiter seiner selbst“ allein verantwortlich ist für sein Leben. „Er ist Architekt und Verwalter seines eigenen Ichs. Der Ich-Architekt entwirft einen Lebensplan und der Ich-Verwalter tritt als Bauherr auf, der diesen Plan durch tägliches Training umsetzt.“

Gleichwohl stößt auch dieses Glücksmodell auf seine Grenzen. „Torpediert wird es durch soziokulturelle Vorgaben. Denn unsere Gesellschaft ist keine Lobkultur, sondern eine Kritikkultur“, schränkt Heilemann ein: In der Kritikkultur wertet sich der Mensch dadurch auf, dass er die Defizite anderer aufspürt. „Er kann sich aufwerten und gut fühlen, ohne sich selbst anstrengen zu müssen.“ In der Lobkultur entscheide sich der Mensch hingegen, ein Unterstützer oder eine „Belohnung“ für seine Mitmenschen zu sein; er würdigt die positiven Merkmale seines Gegenüber und seiner selbst.

Die Frage, ob sich ein Mensch für ein selbstbestimmtes Leben entscheidet, hänge daher weniger von seinen ökonomischen oder kulturellen Lebensumständen ab, als davon, ob sich seine engsten Bezugspersonen als selbstbestimmte Menschen begreifen und ihm dieses Modell von klein auf vorleben.

Information

Tipps für Glückssucher

 Was der Hamelner Psychologe Dr. Michael Heilemann empfiehlt:

  • Glück durch Erinnerungen: Vor allem ab dem 60. Lebensjahr zehrt der Mensch aus dem Glückstopf der Vergangenheit. Durch Erinnerungen an die Höhepunkte des Lebens, wie, Geburts- und Feiertage, die eigene Hochzeit, Abschlussprüfungen, Geburt von Kindern oder Enkelkindern entsteht Wohlempfinden.
  • Großer Stolz, überschwängliche Freude und damit ein extremes Glücksgefühl entsteht, wenn man sich gegen alle Widerstände durchsetzt, sich am eigenen Schopf aus einer aussichtslos anmutenden Situation selbst befreit.
  • Zu akzeptieren, dass das Leben nicht gerecht ist, das aber die Ungerechtigkeit eine Herausforderung darstellt, die ich teilweise aus eigener Kraft beheben kann, kann eine gewisse Souveränität dem Leben gegenüber bewirken. Dass das Leben durch den Tod begrenzt ist, kann zu einer gewissen Gelassenheit bewirken.
  • Sich fragen, was man vom Leben will: Was verstehe ich unter Leben? Was ist mir wichtig? Was will ich noch erleben? Dass das Leben diesen Plänen immer mal wieder einen Strich durch die Rechnung macht, gehört zum Leben dazu.
  • Humor ist, wenn man trotzdem lacht? Zumindest kann Humor und damit einhergehendes Lachen einen Beitrag zum persönlichen Glück leisten: Humorvolle Menschen bringen nicht nur andere zum Lachen, sondern machen auch sich selbst glücklich.
  • Um die Produktion der körpereigenen Glückshormone auf Trab zu halten, empfiehlt es sich, sich regelmäßig positive Gedanken zu machen: Wunschträume, Illusionen, die erst einmal gar nicht realistisch sind, aber die in dem Moment entlasten und glücklich machen.

 



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