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Serie zum Glück

Wenn man weder Glück noch Unglück fühlt

Die Kehrseite des Glücks, am weitesten von dem entfernt, was Glücklichsein ist, das muss das „wunschlose Unglück“ sein: Im Unglücklichsein so tief gefangen, dass sich nicht mal mehr ein Wunsch, eine Hoffnung regt, es sei denn die, alles möge einfach ein Ende haben. „Wunschloses Unglück“, so lautete der Titel von Peter Handkes Roman über seine kranke Mutter. Ihre Krankheit war die Depression. Auch die Glückseligkeit übrigens ist wunschlos. Es ist ja schon alles da, was man sich nur wünschen konnte. Was das Glücklichsein mit der Depression verbindet, ist, dass man in beiden Zuständen oft am liebsten vergehen würde.

veröffentlicht am 28.03.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 15:18 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Doch vergeht niemand im Zustand der Glückseligkeit. Wie sollte man auch? Es ist ein Zustand der Hingabe an den Augenblick. Wird man sich seiner bewusst, ist er bereits verflogen. In diesem Sinne gehörte kein großer Mut für Goethes Faust dazu, Mephisto die berühmte Wette anzubieten: „Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“

Es stirbt auch kaum jemand im Zustand tiefster Depression. So „deprimiert“, also „niedergedrückt“, ist man dann; es wäre unmöglich, sich dazu aufzuraffen, die Tabletten einzunehmen, den Revolver abzudrücken, ein Seil an einem Balken zu verknoten. Menschen mit Depressionen, die die Kraft haben, sich das Leben zu nehmen, sind eigentlich schon wieder auf dem Weg der Besserung.

Während die Glückseligkeit als andauernder Zustand eine Utopie ist, die Umschreibung des Paradiesischen, ein Ideal, das man anstrebt, das aber höchstens für Momente aufleuchtet, ist die Depression für unzählige Menschen bittere Wirklichkeit. Jeder Fünfte wird – so sagt es die medizinische Statistik der Weltgesundheitsorganisation – im Laufe seines Lebens mindestens einmal unter einer schweren Depression zu leiden haben. Sie gilt als die häufigste aller psychischen Krankheiten und als Hauptverantwortliche für die etwa 14 000 Suizide, die jährlich in Deutschland verübt werden. Wenn man, wie in der sogenannten Glücksforschung, sagen will, dass die Depression das Gegenstück zum Glücklichsein ist – was für eine ungerechte Aufteilung!

Allerdings sprechen Wissenschaftler, die sich wie etwa der amerikanische Psychologe Prof. Edward Diener mit den neurophysiologischen Ursachen der Gefühle von Glück und Unglück befassen, in einem ganz speziellen Sinn davon, dass nicht das „Unglück“ Gegenstück des „Glücks“ sei, sondern der Zustand der Empfindungslosigkeit. Positive und negative Gefühle nämlich, die man dem Glück und dem Unglück zuordnet, sie entstehen an unterschiedlichen Stellen im Gehirn, die einen in der rechten, die anderen in der linken Seite des Stirnhirnes. Das bedeutet, sie schließen einander nicht grundsätzlich aus, sondern können durchaus gleichzeitig bestehen. Man ist dann, je nachdem, mehr oder weniger glücklich oder unglücklich, oder einfach in dem Zustand, den Psychoanalytiker Siegmund Freud als „Mittelelend“ bezeichnete – und den er im Übrigen als den kreativsten aller Zustände empfand.

Das „wunschlose Unglück“ aber, die Depression, kann unmöglich gleichzeitig mit einem Glücksgefühl bestehen. Sie ist eine psychische Erkrankung, der, anders als Zuständen der Melancholie oder auch der Trauer, nichts Gutes abgewonnen werden kann. Die Depression hat überhaupt nichts mit Gefühlen zu tun, sondern mit der Abwesenheit von Gefühlen. Ein depressiv erkrankter Mensch fühlt nur eines: Gefühllosigkeit. Nichts erreicht ihn wirklich. Weder Freude noch Leid. Weder Lachen noch Weinen. Sonne nicht und Regen nicht. Der Kummer anderer liegt in weiter Ferne, und der eigene Kummer über die Leere, Kälte und Sinnlosigkeit des eigenen Lebens drückt alles nieder und bleibt gleichzeitig eigenartig abstrakt. Alles ist egal.

Obwohl einige Wissenschaftler die Depression als psychologisches Gegenteil des Glücksempfindens bezeichnen (der Soziologe Philipp Mayrings untermauert diese These in seinem Buch „Psychologie des Glücks“), liegt es nahe, eine andere psychische Krankheit als die Kehrseite der Depression anzusehen: die Manie. Der Abwesenheit jedes (Glücks-)Gefühls setzt sie die leidenschaftlich überbordende Glückssuche entgegen. Während die Depression bedeutet, im „gefrorenen Meer in uns“ (Franz Kafka) festzustecken, stürzt sich ein manischer Mensch dem Feuer der Euphorie entgegen. Und er verbrennt, indem er versucht, den „schönen Augenblick“ zum Verweilen zu zwingen.

Es gibt ja das Glücklichsein! Dieses Gefühl, das alles stimmt und man dem Leben ganz umstandslos gewachsen ist. Alles, was man dann tut, scheint richtig zu sein, egal, ob man über Wiesen läuft, herumflirtet, neue Aufgaben in Angriff nimmt oder sich endlich einer Auseinandersetzung stellen will. Nichts kann einen beirren. Niemand kann sich einem in den Weg stellen. Die innere Stimme des Selbstzweifels ist ganz und gar verstummt – was für ein gutes Gefühl!

Ein Mensch aber, den die Manie im Griff hat, er weigert sich, wieder zu ernüchtern. Als habe er eine Droge genommen – und die neurophysiologischen Vorgänge im Hirn ähneln auch dem, was passiert, wenn man Drogen wie etwa Kokain nimmt – hat für ihn das Realitätsprinzip vorerst ausgedient. Schlafen kommt nicht in Frage, es wäre Verschwendung der guten Zeit. Nur eine einzige Sache zu tun, während man fünf Dinge gleichzeitig in Angriff nehmen kann – Unsinn! Geld und Liebe sind zum Verschwenden da, man muss Politiker oder Rockstars besuchen und ihnen endlich die Meinung sagen, und überhaupt muss man reden, reden und noch mehr reden, in verrückter Gedankenflucht, die in der Manie allergrößte Weisheit zu sein scheint.

Das geht so lange, bis auch die allerletzte Kraft verbraucht ist. Ein manischer Mensch würde alle seine Reserven verbrennen und wie tot zusammenbrechen, wenn man ihn nicht durch die Einweisung in die Psychiatrie ausbremst.

Und dann kommt sie in den allermeisten Fällen herangeschlichen, die Depression. Wenn schon kaum ein Trinkgelage ohne den Kater am nächsten Morgen ausgeht, oder ein Wochenende mit der Glücksdroge Ecstasy den Montag und Dienstag zu „Depri-Tagen“ macht, wie sollte das Glück der Manie nicht seinen Preis fordern? Je länger der überdreht-euphorische Zustand andauern konnte, desto tiefer der Fall in den Abgrund des Depressiven. Und doch ist der Satz eines manisch-depressiven Mädchens, den sie in einer Dokumentation des Senders „Arte“ ausspricht, typisch für alle manisch-depressiv Erkrankten: „Es ist, als wenn man aufs Meer hinausschwimmt, immer weiter raus, weil der Moment so schön ist, egal, ob man vielleicht untergehen wird.“

Nun erkranken nur etwa ein bis anderthalb Prozent aller Menschen an so einer „bipolaren Störung“. Dass mindestens ein Viertel der Betroffenen mindestens einen Suizidversuch unternimmt und mindestens 15 Prozent der Patienten sich im Laufe der Krankheit das Leben nehmen (in manchen Studien sind die Zahlen jeweils doppelt so hoch), es zeigt wohl, dass die menschliche Psyche nicht dafür ausgelegt ist, allzu extreme Gefühlszustände über längere Zeit durchleben zu sollen. Schon die Phase einer euphorischen Verliebtheit wird von Psychologen ja als eine Art psychischer Störung charakterisiert.

Das so viel häufigere „wunschlose Unglück“, man muss, man soll es nicht einfach hinnehmen. Zwar scheint den Betroffenen oft nicht nur das eigene Leben von Sinnlosigkeit zerfressen zu sein, sondern damit zugleich auch jeder Versuch, der Depression entgegenzutreten. Doch können Depressionen, anders, als Erkrankte es sich vorstellen, durchaus erfolgreich behandelt werden, darauf weisen unter anderem die Krankenkassen deutlich hin. Neben einer Psychotherapie spielen bei der Behandlung Medikamente eine entscheidende Rolle. Schwere Depressionen werden, auch wenn äußere Ereignisse der Auslöser sind, als eine Art Entgleisung des Hirnstoffwechsels angesehen, gar nicht viel anders, als es zum Beispiel bei Diabetes mellitus der Fall ist.

Doch immer noch gehört Mut dazu, sich einer Depression zu stellen. Ungeachtet der Tatsache, dass man sie inzwischen als eine Art Zivilisationskrankheit betrachtet und die Weltgesundheitsorganisation davon ausgeht, dass sie spätestens im Jahr 2020 die häufigste Krankheit überhaupt in den Industrienationen sein wird, braucht es meistens viele Jahre, bis eine Depression als solche diagnostiziert wird. Das liegt nicht nur an mangelnder Aufmerksamkeit von Hausärzten, sondern auch daran, dass weder die Erkrankten noch ihre Angehörigen und nahen Freunde wahrhaben wollen, was da vor sich geht. Als sei es nicht einfach eine Krankheit, sondern ein Vergehen, auf dem Weg des „Strebens nach Glück“ gestolpert zu sein.

Vier Wochen lang kommt mit Ihrer Zeitung das Glück in zahlreichen Facetten ins Haus. Was lässt Menschen glücklich sein, wer hatte Glück im Unglück, und wer verdient am Geschäft mit dem Glück richtig gut? Das ist nur eine Auswahl an Aspekten, denen wir noch bis zum 31. März auf den Grund gehen. Heute: Depression, die Abwesenheit von Glück.



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