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Von Kuschelhormonen, der Evolution und geschlechtsspezifischen Empfindungen

Was Frauen und was Männer glücklich macht

Auf die Frage, wann er Glück empfindet, ist die Antwort eines Mannes „beim Orgasmus“ nicht wirklich überraschend. Eben typisch männlich. Nur wenige Frauen würden wohl die gleiche Antwort geben, sondern für sich eher den Einklang mit Natur und Umwelt ins Feld führen oder das soziale Netz, in dem sie sich geborgen fühlen. Liebe. Sie bedeutet auf alle Fälle Glück. Aber selbst, wenn ein frisch verliebtes Paar Augen und Hände nicht voneinander lassen kann – empfinden dann beide dasselbe Glück? Gibt es überhaupt ein männliches und ein weibliches Glück?

veröffentlicht am 17.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 17:36 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Der Hamelner Psychologe Dr. Michael Heilemann ist sicher: „Beide Geschlechter haben sich in ihrem Glücksempfinden längst angenähert.“ In unserer Zivilisationskultur gebe es immer weniger Unterschiede zwischen Männern und Frauen: „Und deswegen sind auch die Glückserwartungen und Glückserlebnisse kaum noch unterschiedlich. Es gibt immer mehr weibliche Männer und immer mehr Frauen, die ihren Mann stehen“, sagt Heilemann. Soll heißen: Männer entwickeln Soft Skills. Sie sind einfühlsam, empathisch, nachsichtig, fürsorglich – Eigenschaften, die gern mit dem traditionellen Frauenbild verknüpft werden. Viele Frauen machen dagegen Karriere und treten beruflich auch in Konkurrenz zu Männern. Schlau, durchsetzungsstark und belastbar sein – „das sind Konkurrenzebenen, die früher männlich besetzt waren, und deswegen nehmen die Unterschiede zunehmend ab“, stellt der Psychologe fest, räumt aber gleichzeitig ein, dass sich auch schon wieder eine Gegenbewegung entwickelt, wo die Rollenstereotype von bestimmten Gruppen von Frauen und Männern wieder ins Extreme hochgestylt werden. Dazu zählt zum Beispiel die Gruppe jener meist sehr jungen Mädchen, die sich über Äußerlichkeiten wie Schönheit und Figur definieren und nur dann glücklich sind, wenn sie bestimmte Aussehenskriterien erfüllen. Und immer, wo sich neue Kriterien entwickeln, kommt es auch zur Bildung neuer Glückskriterien.

Heilemann unterscheidet drei große Glücksbereiche, die für Frauen und Männer gleichermaßen gelten:

Belohnung – durch eigenes Bemühen. Hier ergeben sich Glücksmomente durch die eigene Aktivität. Wir investieren Zeit und Energie in etwas, das sich am Ende gelohnt hat. Die eigenen Ziele sind erreicht. Die Rechnung ist aufgegangen. „Das ist mit das höchste Glücksmoment für alle Menschen – egal, ob Frau oder Mann“, weiß der Psychologe. So eine Erfahrung bedeutet Zufriedenheit und kann in länger andauerndes Lebensglück münden.

Erleichterung – darüber, dass der Kelch an mir vorübergegangen ist. Man bekommt zum Beispiel vom Arzt statt der befürchteten negativen Prognose eine überraschend gute. Oder man hat ein Unglück, einen Unfall, eine brenzlige Situation unbeschadet überstanden. Das alles sind eher passive Glückserfahrungen.

Erinnerung – an Dinge, die man früher erlebt hat, jetzt noch einmal ins Gedächtnis ruft und die Glücksmomente von damals neu abruft.

Wie intensiv eine Frau oder ein Mann auf den einen oder anderen der drei Glücksbereiche reagiert, ist subjektiv verschieden, von vielen individuellen Faktoren abhängig, aber nicht unbedingt rollenspezifisch.

Um Unterschiede beim Glücksempfinden von Frauen und Männern festmachen zu können, bemüht Heilemann die Evolution: „Sie ist grundlegend so ausgerichtet, dass Frauen abwarten, schauen, betrachten, vergleichen und differenzieren, um am Ende unter einem Wust von Informationen die beste Entscheidung zu treffen.“ Für die Fortpflanzung war es wichtig, den richtigen Bewerber zu erkennen und sich nicht falsch festzulegen. Noch heute, glaubt Heilemann, bedeute in gewisser Weise weiterhin eine gute Entscheidungsfähigkeit für Frauen Glück. Das männliche Glückserleben sei dagegen, evolutionspsychologisch betrachtet, mehr ein aktives – im Sinne von: „Ich muss im richtigen Moment überzeugender sein als mein Konkurrent, der auch buhlt. Ich muss meine Stärken aktiv ins Feld führen“, sagt Heilemann. Das gelte für körperliche Stärken ebenso wie für Rhetorik, Beweglichkeit, Kreativität, Witz und Humor: „Eine Frau zum Lachen zu bringen, ist das treffsicherste Moment, um sie zum Geschlechtsverkehr zu verführen.“ Im Laufe der Evolution habe sich herausgestellt, dass Frauen glauben, wer humorvoll sei, habe eben auch mehr Intelligenz. Vielleicht ein Grund dafür, dass Männer heute fünfmal mehr Witze erzählen als Frauen, diese aber zehnmal mehr lachen als Männer.

Auch biophysikalische Unterschiede sind für das Glücksempfinden von Frauen und Männern nicht zu unterschätzen. So besitzen die Geschlechter unterschiedliche Serotonin-Systeme im Gehirn. Das könnte die Ursache dafür sein, das Frauen häufiger als Männer von Depressionen und chronischen Angstzuständen betroffen sind, stellt Hristina Jovanovic vom Karolinska-Institut Stockholm fest. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der Informationen von einer Nervenzelle zur anderen weitergibt. Wenn aber Unterschiede bei der Arbeitsweise des biochemischen Stoffes die Ursache für die vermehrt bei Frauen aufkommenden Depressionen sein sollen, könnte dies im Umkehrschluss auch Auswirkungen auf unterschiedliches Glücksempfinden haben.

Oxytocin gilt als „Wunderdroge“, die körpereigen mehr bei Frauen als bei Männern produziert wird: während der Schwangerschaft, vor allem in der letzten Phase, und während des Geburtsvorgangs als Schmerzkontrahent, aber auch in der Stillphase. „Dieses Oxytocin galt früher als Kuschelhormon, das sanfter, einfühlsamer und sozialer macht“, sagt Heilemann: „Man gibt und braucht Geborgenheit und körperliche Nähe.“ Glücksmomente.

Als glücksfördernd führt der Psychologe auch die Begrenztheit von Informationen an. Und das Verdrängen. Ein Übermaß an Informationen trage dazu bei, dass Entscheidungen immer schwieriger werden. Alles wird diffuser und man selbst immer unglücklicher. „Glück hängt eng mit dem Bauchgefühl zusammen“, sagt Heileman und rät: „Man sollte mehr darauf bauen.“ Beim Verdrängen haben Männer eindeutig die Nase vorn: „Das macht sie vielleicht auch ein bisschen glücklicher“, vermutet der Hamelner Psychologe und rät für ein Plus an Lebensglück, immer das Positive zu sehen und das Negative möglichst schnell zu vergessen.

Vier Wochen lang kommt mit der Dewezet das Glück ins Haus. Was lässt Menschen glücklich sein, wer hatte Glück im Unglück, wer verdient am Geschäft mit dem Glück? Heute in unserer Serie „Zum Glück!“:

Glück weiblich – Glück männlich: Was wir vom Leben erwarten.

Gemeinsam glücklich, aber ein unterschiedliches Glücksempfinden: Gibt es ein männliches und ein weibliches Glück?



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