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Serie zum Glück

Mutterglück ist keine schwere Geburt

Elf Stunden Wehen und Schmerzen bis zur Geburt – und trotzdem glücklich. „Für mich sind diese Stunden fast schon Luxus. Bei meiner letzten Geburt hatte ich drei Tage lang Wehen, bis ich meine Tochter in den Armen halten konnte“, sagt die 28-jährige Mai Thanh Pham. Sie hat am Montag ihre zweite Tochter Yuna in Hameln geboren. „Nach der Geburt war ich trotz der Anstrengungen hellwach und überglücklich“, beschreibt sie ihre Emotionen.

veröffentlicht am 24.03.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 15:15 Uhr

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Autor:

Jobst Christian Höche
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Autor:
Jobst Christian Höche

„Die Schmerzen vergisst man sofort wieder, wenn man sein Kind zum ersten Mal anschaut.“ Wäre es anders, hätte sie wohl kein Zweites mehr haben wollen, sagt sie mit ihrem Baby im Arm. „Vielleicht liegt es an meiner asiatischen Mentalität, dass ich so glücklich nach den Geburten war“, mutmaßt sie.

Bestimmt nicht ganz falsch, aber die Glückseligkeit teilt Mai Thanh Pham mit fast jeder Mutter, die einmal ein Kind zur Welt gebracht hat. Der Schlüssel zum Glück liegt in den Hormonen: Eine Mischung aus Endorphin und Oxytocin neben einer Vielzahl anderer Hormone und Botenstoffe, ermöglicht Frauen Unglaubliches zu leisten und sich tortz der großen Geburtsschmerzen recht gut zu fühlen.

„Die Geburt ist vergleichbar mit einem Marathonlauf auf die Zugspitze“, sagt Dr. Thomas Noesselt, Chefarzt der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Sana-Klinikum Hameln. Die Arbeit, die eine Frau während der Geburt leistet, sei mit den Anstregnungen der Extremsportler vergleichbar, die bei ihrem Weg auf den Berg hormonbedingt weder Kälte noch Schmerzen spüren.

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  • Sieht komisch aus, kann aber Wunder vollbringen: Das Hormon Oxytocyn hilft beim Glücklichsein. Grafik: Wikipedia

„Auch nach der Geburt sind Mütter trotz der Strapazen dank des Hormons Oxytocins glücklich.“ Auch die während der Geburt ausgeschütteten Endorphine tragen zum Zustand der Mutter bei. Doch: Das Hormon Östrogen, das während der Schwangerschaft für Ausgeglichenheit und ein großes Maß an Zufriedenheit sorgt, fällt einige Tage nach der Geburt um „rund Faktor Einhundert“ ab. Diese Talfahrt kann zum sogenannten Baby-Blues, einer depressiven Verstimmung bei Müttern im Wochenbett führen, die auch als „Heultage“ bekannt sind. Nahezu die Hälfte der Mütter sind davon betroffen. „Man kann die negativen Auswirkungen des abfallenden Östrogenspiegels aber abfedern“, erklärt Noesselt. In Hameln werden deshalb Neugeborene der Mutter direkt nach der Geburt auf die Brust gelegt. Damit kehrt die moderne Geburtsmedizin zurück zu einer natürlichen Geburtsphilosophie, „um von der ersten Sekunde an die Bindung zwischen Mutter und Kind zu ermöglichen“, erklärt Noesselt. Bereits seit 1994 beschreitet die Hamelner Klinik diesen Weg. Der Kontakt des Säuglings mit der Mutter sei auch medizinisch gesehen wichtig, weil die Hautflora des Neugeborenen die Bakterien der Mutter annimmt und nicht sofort mit den Bakterien des Krankenhauses in Berührung kommt. „Das Wiegen, das Ausmessen und das Säubern des Babys, wird heute immer erst nach dem ersten Kontakt mit der Mutter gemacht.“ Mai Thanh Pham beschreibt den ersten Moment mit dem Baby als etwas irritierend: „Ich wusste nicht, ob ich es anfassen darf, weil es noch so beschmiert war.“ Sie habe sich aber Augenblicke später von den Glücksgefühlen durch den Säugling auf ihrer Brust überwältigt gefühlt.

Um die Bindung von Säugling und Mutter zu festigen, werde außerdem besonders viel Wert darauf gelegt, dass Mütter und ihre Kinder das Stillen gemeinsam lernen, erklärt Noesselt. Die Schwestern und Ärzte leiten Mütter bei Schwierigkeiten dabei an. „Das Saugen des Babys an der Brust sorgt für weitere Ausschüttung von Oxytocin“, erklärt Noesselt. Dies schütze einen Großteil der Frauen vor der depressiven Verstimmung. Statistisch gesehen gehe es Frauen, denen es möglich ist, zu stillen, deutlich besser als solchen, bei denen das nicht klappt.

Eine Ausschüttung von Oxytocin kann aber auch schon beim bloßen Anblick eines Neugeborenen stattfinden: „Ein Vater, der sein Kind zum ersten Mal im Arm hält, wird das spüren.“ Noch drastischer könne sich der Hormonschub aber bei Frauen auswirken, so Noesselt weiter: „Wenn eine Großmutter ihren Enkel in den Armen hält und dieser vor Hunger schreit, kommt es vor, dass es auch bei der Großmutter zu einem kleinen Milcheinschuss kommt.“

Neben der rein medizinisch-hormonellen Seite der Mutter-Kind-Beziehung, seien aber vor allem auch die psychologischen Faktoren für Gefühle des Glücks verantwortlich. Für Mai Thanh Pham hat das Mutterglück nie aufgehört. Es mache sie täglich glücklich, „zu sehen, wie meine erste Tochter wächst und sich entwickelt“. Das sei ein Geschenk.

Aber wie fühlen sich die Kinder selbst? Können sie mit dem Begriff Glück und dem Gefühl des Glücklichseins überhaupt etwas anfangen? Schenkt man einer Studie aus dem Jahr 2007 Glauben, sind mehr als 80 Prozent aller Kinder zwischen sechs und 13 Jahren glücklich.

„Das Empfinden von Glück ist hochgradig subjektiv – Kinder können auch bei Tätigkeiten glücklich sein, die ein Erwachsener nur schwer nachempfinden kann“, sagt der Pädagoge und Buchautor Anton Bucher, der die Studie zusammen mit dem ZDF in Auftrag gegeben hat. Wichtig sei den Kindern neben Freizeit und Freunden vor allem auch die Anerkennung der Eltern, um glücklich zu sein.

„Kinder im Kindergartenalter können mit der Frage, was Glück ist, noch nichts anfangen. Sie kennen den Begriff nicht.“ Zu diesem Schluss kommen Gerlinde Schumacher und Susanne Kayser, die die Studie durchgeführt und ausgewertet haben. Glückliche Momente seien jedoch eindeutig an kindlichen Ausdrucksformen wie Lächeln, Lachen, Stolz, Konzentriertsein oder durch körperliche Zuwendung erkennbar. An vielen unerwarteten Stellen offenbaren sich plötzlich Glücksmomente, die für Erwachsene teilweise völlig unspektakulär wirken. „So ist zum Beispiel Glück, Aufmerksamkeit zu bekommen, eine Wange zu befühlen oder einen Stuhl zu tragen.“

Nach Ansicht der Psychologinnen haben die Eltern bei vier- bis fünfjährigen Kindern einen großen Anteil an deren Glück. „Besonders Kuschelphasen sind als gemeinsame Glücksmomente zentral. Im Grundschulalter haben Kinder konkrete Vorstellungen davon, was Glück ist und wie es sich anfühlt. Sie erleben Glück, wenn sich Erfolge einstellen oder sie Belohnungen bekommen.

Ältere Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren können Glück und Unglück nach Auffassung der Psychologinnen gut voneinander abgrenzen. „Sie beginnen, über sich selbst und die Welt nachzudenken und ziehen sich langsam aus der elterlichen Beziehung zurück.“ In diesem Alter sind – so die Studie – Kinder erstmals viel seltener glücklich als in den früheren Phasen ihres Lebens.

Was aber ist mit dem Glück der Väter? Auch sie bleiben von der Natur nicht unbedacht: Nach der erwähnten Oxytocindusche beim Erstkontakt mit ihrem Nachkommen ist hormonell erst mal wieder Schluss. Der Effekt der Hormone hält bei ihnen aber länger an, da sie nicht mit anderen Hormonproblemen zu kämpfen haben, wie es zum Beispiel bei ihren Partnerinnen der Fall sein kann.

Die Effekte des Kindchenschemas (große, runde Augen, eine kleine Nase, ein kleines Kinn, rundliche Wangen) auf den Vater können aber immer wieder zu neuen Schüben des Glücklichmachers führen. „Bei Vätern ist aber auch der Stolz, ein Kind zu haben, wichtig für die Bindung und ihr Glück“, sagt Noesselt. Der Vater von drei Kindern weiß aus eigener Erfahrung, dass eine intakte Eltern-Kind-Bindung die Liebe der Eltern zu ihren Sprösslingen auch während der Pubertät nicht ins Wanken bringen kann.

In der Serie „zum Glück“ geht es heute um das Glück von Müttern nach der Geburt ihrer Kinder. Außerdem erklärt ein Experte, was die Natur dafür tut, dass auch Väter von Glücksgefühlen durchflutet werden. Auch das Glück von Kindern wird beleuchtet, sodass am Ende alle glücklich sind.

Sieht komisch aus, kann aber Wunder vollbringen: Das Hormon Oxytocin hilft beim Glücklichsein. Grafik: Wikipedia



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