weather-image
Serie zum Glück

Irgendwann kommt das Lachen von allein

„Lach doch mal!“ - Diese Aufforderung hat wohl jeder schon mal gehört. Und den meisten Menschen fällt es unglaublich schwer, „auf Kommando“ zu lachen. Nicht so Ralf, Klaus, Ute & Co. Sie treffen sich einmal wöchentlich, um in ihrem „Lachclub“ genau das zu tun. Doch wie machen sie das – und was soll das eigentlich?

veröffentlicht am 22.03.2012 um 19:14 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 15:10 Uhr

270_008_5344790_hi_Lachclub2_2303.jpg
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Immer montags ist Lachen angesagt in Aerzen. Dann kommen Leute aus der Gegend um Hameln, Hessisch-Oldendorf, ja sogar aus Porta Westfalica angefahren, um in den „Lachclub“ zu gehen. Erzählen sie Freunden davon, dann ist die erste typische Reaktion: „Was – Du warst in einem Nacht-Club?“ Auch wenn es über 150 Lachclubs in Deutschland gibt, es scheint nicht gerade nahezuliegen, sich zum Lachen zu verabreden. Kann denn etwas, das eigentlich spontan und unbeherrschbar ist wie ein Gefühlsausbruch, auf Befehl herbeigeführt werden? Und wenn es dann ein künstliches Lachen ist, wozu soll das gut sein?

Ralf Kielhorn, Apotheker in Aerzen, der den Lachclub vor fünf Jahren gründete, er lächelt nachsichtig bei diesen Fragen. „Ja, es ist ein künstliches Lachen, zu Anfang jedenfalls. Wir nutzen es, um ins echte Lachen hineinzukommen“, sagt er. „Und echtes Lachen ist nicht nur gesund, es macht froh und glücklich. Die einzige Gefahr besteht darin, dass man nach großen Lachanfällen am Tag danach auch großen Bauchmuskelkater hat.“

Zehn Männer und Frauen, alle schon ein bisschen älter, trudeln nach und nach in der Osterstraße ein, wo Ralf Kielhorn einen Gruppenraum für das Lachen zur Verfügung stellt. Sie alle umarmen, küssen und duzen sich, sie plaudern und lächeln, viele kennen sich schon seit Jahren und so entsteht schnell eine Atmosphäre gemütlicher Vertrautheit. Die Vorstellung allerdings, dass hier gleich Lachorgien ausbrechen sollen, ist ziemlich abwegig. Ralf Kielhorn will ja keine Witze erzählen, keinen komischen Film vorführen, hat keinen Kabarettisten engagiert oder sonstwie dafür gesorgt, dass man einen Anlass zum lauten Lachen hätte. Und selbst wenn, dann wäre längst nicht gesichert, dass alle dieselben Dinge komisch finden.

Schnell stellt sich dann aber heraus, dass man in einem Lachclub ganz anders vorgeht. Ralf Kielhorn beginnt mit einer kleinen Übung. Er skandiert: „Hi hi - ha ha - ho ho!“, die anderen fallen mit ein, und kaum sind zehn Sekunden vergangen, da macht sich ein riesengroßes Gelächter breit. Ute, die Altenpflegerin, und Iwan, der Masseur, Sigrun, die Ergotherapeutin, Ulla, Demenzbegleiterin, Klaus und Reiner, Britta, Bela und Ingrid – sie lachen so sehr, dass sie sich kaum gerade halten können. Wie kann das sein? Es ist doch gar nichts Komisches passiert.

Um zu verstehen, was da vor sich geht, muss man einen Schritt zurücktreten und auf die Entstehungsgeschichte der Lachclubs blicken. Was man dort – in mehr oder weniger ausgefeilter Form – betreibt, ist das sogenannte „Lachyoga“. Es wird auch „Hasya-Yoga“ genannt, nach dem Sanskrit-Ausdruck „hasya“, der das „grundlose Lachen“ beschreibt. Der indische Arzt und Yogalehrer Dr. Madan Kataria entwickelt seit 1995 spezielle Übungen, die Klatschen, Dehnen, Atmen und Pantomime einsetzen, um das Lachen zunächst einfach zu spielen, so lange, bis man vom echten Lachen eingeholt wird.

Die Lachenden in Aerzen sind schon ziemlich gute Schauspieler. Wie auf Befehl konnten sie das Lachen beginnen, kaum ist die erste Übung beendet, hören sie auch wieder damit auf.

Beim Lachen, egal, ob es aus einem herausbricht oder ob man es nachahmt, spielt der Körper jedes Mal auf fast dieselbe Weise mit, so jedenfalls sieht es die „Gelotologie“, die Wissenschaft vom Lachen. Wer herzlich lacht, aktiviert das Belohnungssystem des Gehirns. Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin werden ausgeschüttet und verursachen ein Wohlgefühl, dazu kommen entzündungshemmende und schmerzstillende Substanzen, der Körper baut Stresshormone ab, die Atmung verbessert sich und insgesamt profitiert der Lachende von einem rundherum angeregten Stoffwechsel. All diese positiven Vorgänge würden auch durch das „künstliche Lachen“ angeregt, davon gehen die Gelotologen aus.

In diesem Zusammenhang steht auch die dramatische Geschichte des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Norman Cousins (1915 bis 1990), der in seiner Autobiografie beschreibt, wie er zum Entwickler der „Lachtherapie“ wurde, die später dem indischen Arzt zur Grundlage für das Lachyoga diente und die die „Wissenschaft vom Lachen“ ins Leben rief.

Norman Cousins litt an einer schmerzhaften chronischen Entzündung der Wirbelsäule, für die es keine Heilung gab und die mit größter Wahrscheinlichkeit zu seinem frühen Tod führen sollte. Wohl wissend, dass eine niedergedrückte Stimmung die Selbstheilungskräfte seines Körpers nur noch mehr schwächen würde, verordnete er sich tägliche Lachanfälle, indem er sich Witze vorlesen ließ und unzählige lustige Filme anschaute. Nach zehn Minuten intensivem Lachen, in das er sich absichtsvoll hineinsteigerte, ließen die Schmerzen nach, so erzählt er, und tatsächlich stellten seine Ärzte fest, dass die Wirbelsäulenentzündung aufgrund der Ausschüttung entzündungshemmender Hormone zurückging. Norman Cousins konnte wieder schlafen, wieder arbeiten und er lebte fast 30 Jahre länger, als es ihm prognostiziert worden war.

Nun musste er ja auch tatsächlich lachen und suchte sich dafür jedes Mal einen Anlass. Das Lachyoga aber, wie es die Mitglieder des Lachclubs Aerzen praktizieren und wie es auch Madan Kataria lehrt, braucht diesen konkreten Anlass nicht. „Oder sagen wir so: ,Wir selbst und unser künstliches Lachen sind der Anlass“, meint Kielhorn. „Wenn wir uns in die Augen sehen – und der Blickkontakt gehört unbedingt dazu – wenn wir uns bewusst werden, was wir da grad Beklopptes tun, dann kommt das echte Lachen ganz von allein.“ Für dieses Phänomen gibt es einen berühmen Spruch: „Fake it, until you make it“, was soviel heißt wie: „Tu so als ob, bis es echt wird“.

Im Aerzener Lachclub ist es auch schon so weit. Bei einer Übung, wo alle wie watschelnde Pinguine im Kreis herumgehen, dabei ununterbrochen und lauthals lachen (ob künstlich oder nicht, kann man als Außenstehender unmöglich unterscheiden), fällt Klaus, „der Oberlacher“, auf die Knie. Sein Gesicht ist rot, Tränen stehen ihm in den Augen, er brüllt fast vor Lachen und schlägt immer wieder mit den Armen auf den Boden. Nicht lange und auch andere gehen zu Boden, wälzen sich lachend herum, sind vollkommen aus der Puste, und als sie schließlich wieder zur Ruhe kommen, wirken sie zwar erschöpft, aber glücklich und zufrieden.

„So ist es auch“, meint Sigrun, die an einem Volkshochschulkurs zum Lachyoga teilnahm und dann Mitglied im Lachclub wurde. „Ich bin ja nicht umsonst schon seit Jahren dabei.“ Ingrid, die einen eher zurückhaltenden Eindruck macht, wenn sie nicht gerade lacht, sie sagt: „Ich las irgendwann, dass Kinder bis zu 400 Mal täglich lachen, Erwachsene aber nur 15 Mal – und ich, ich hatte ganze Tage, wo ich überhaupt nicht lachte. So sollte das nicht weitergehen.“ Auch wenn ihr Weg weit und die Zeit oft knapp ist – wenn es nur irgendwie geht, kommt sie regelmäßig jeden Montag mit den anderen zusammen. Längst lacht sie jeden Tag. Wenn es in der Gruppe auch viel besser klappt, wer geübt ist, kann sich auch ganz allein in einen Lachanfall hineinsteigern.

Konnte man anfangs noch den Eindruck haben, die gesamte Lacherei sei nichts als Schauspielerei oder etwa gleichzusetzen mit dem überdrehten Lachen angetrunkener Gäste in einem Lokal, so legt sich die Skepsis gegen Ende der Lachstunde. Jede noch so kleine Bewegung, irgendein Spruch, eine Geste lösen bei allen Lachanfälle aus. Konnten sie zunächst noch auf einen Wink hin aufhören, so lachen sie jetzt, wie man eben lacht, wenn man diese ganz gewisse, beschwingte gute Laune hat. „Wir lachen nicht, weil wir glücklich sind – wir sind glücklich, weil wir lachen!“, so drückt es der Lachyoga-Begründer Madan Kataria aus.

Ralf Kielhorn verdient kein Geld mit seiner Aufgabe, den Lachclub anzuleiten und den Gruppenraum für die Mitlacher zu öffnen. „Ich bin einfach nur froh, dass es unseren Club gibt und ich so mindestens einmal in der Woche so richtig lachen kann.“ Neue Mitglieder werden gerne und sehr herzlich aufgenommen. Auch in Lauenau gibt es einen Lachclub, geleitet seit dem Jahr 2009 von der Entspannungspädagogin Britta Knopp, die das Lachen auch in Seniorenheime trägt oder auf Seminaren müde Firmenmitarbeiter wieder munter macht. Dort kostet Mitlachen 10 Euro Gebühr pro Stunde.

Kontakt: Lachclub Aerzen, immer montags um 19 Uhr, Osterstraße 27, Telefon (0 51 54) 70 86 68, E-Mail: rrjj@online.del. Lachclub Lauenau: freitags um 18 Uhr im „Kesselhaus“, Telefon: (0 50 43) 97 99 79, E-Mail: mail@brittaknopp.de.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt