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Markt der Ratgeber zum Thema boomt / Wissenschaftler warnen vor zu hohen Erwartungen

Glück für 19,80 Euro – Bücher versprechen viel

Das Thema Glück in der Literatur ist nicht neu. Die Gebrüder Grimm haben mit „Hans im Glück“ das Thema schon im 19. Jahrhundert zum Inhalt eines Märchens gemacht. Gleiches gilt für „Glücksmarie und Pechmarie“ und zahlreiche weitere Geschichten.

veröffentlicht am 03.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 17:37 Uhr

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Autor:

Jobst Christian Höche
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Neu allerdings ist, „Glück“ als solches zu thematisieren und es populärwissenschaftlich aufzubereiten. Seit rund zehn Jahren sprießen Glücksratgeber, Anleitungen zum Glücklichsein und Glücklichwerden wie Pilze aus dem Boden. Allein beim Durchstöbern eines Online-Bücherladens wirft die Suche mehr als 20 000 Ergebnisse zum Thema Glück aus. Dabei wird keine Nische ausgelassen. Von Glück mit dem Wohnmobil bis zum Glück am Haken für Angler ist für jeden etwas dabei. Auch Tiere und Glück sind ein Riesenthema. Pferde sind ganz vorne, dicht gefolgt von Hunden und den weit abgeschlagenen Werken zu Katzen und Glück.

Ist diese Flut von Literatur sinnvoll? Kann sie einen glücklosen Menschen zum Siegertypen machen? Oder schadet diese Art der Ratgeber vielleicht ihren Lesern?

Der Hamelner Psychologe Dr. Michael Heilemann hat hierzu eine klare Meinung: „Wenn Glücksratgeber nicht zwischen passivem und aktivem Glück differenzieren, sind sie nutzlos.“ Dem Experten ist es wichtig, den Lesern von Ratgebern mit auf den Weg zu geben, dass ein großer Teil des Glücks in ihrer eigenen Hand liegt. „Der Rest ist reiner Zufall.“ Es sei maßgeblich, dass ein Ratgeber den Leser dazu auffordere, sich seiner Stärken bewusst zu werden, diese auszubauen und am Ende glücklich darüber zu sein, sich selbst weitergebracht zu haben. Heilemann selbst hat nach eigenen Angaben nie einen Glücksratgeber in die Hand genommen.

Was sagen Buchhändler zum Thema Glücksratgeber? „Bücher zum Thema Glück gibt es schon lange“, sagt Cornelie von Wedemeyer, die in der Hamelner Altstadt eine Buchhandlung betreibt und eine steigende Zahl von Büchern zum Thema feststellt. „Die Titel der Bücher transportieren eine Message“, erklärt sie weiter. Sie seien als Geschenk gut geeignet, um jemandem Glück zu wünschen, ohne auf Blumen zurückgreifen zu müssen. Die meisten Bücher zum Thema würden aber aus Gründen der Lebenshilfe gekauft. Einen Boom habe es in den vergangenen drei bis vier Jahren bei den Sachbüchern zum Glück gegeben, sagt von Wedemeyer. „Vieles in den Büchern ist wirklich interessant, manches auch sehr lustig.“ Doch sie sieht in einigen Werken auch Gefahrenpotenzial: „Es werden in Titeln und Klappentexten Versprechungen gemacht, die nicht gehalten werden können.“ Kein Buch könne den Leser nur durch schieres Lesen zu mehr Glück und Reichtum führen. Wer seine ganzen Hoffnungen, endlich glücklicher zu werden, in einen Ratgeber lege, mache einen Fehler. „In glücksfernen Zeiten boomen die Ratgeber“, sagt die Buchhändlerin. Viele Menschen litten heute zwar nicht mehr unter existenziellen Nöten, aber zunehmend unter psychischen Problemen, die das moderne Leben mit sich bringe.

Etwas anders sieht es Buchhändler Stefan Matthias. Jeder Leser wisse, dass er nach dem Lesen eines Buches keinen Lottogewinn zu erwarten habe. Trotzdem können seiner Ansicht nach Glücksratgeber dabei helfen, wieder auf positive Gedanken zu kommen. „Die Titel sind meist recht reißerisch, der Inhalt ist in den meisten Fällen deutlich differenzierter“, erklärt der Buchhändler. Das Glück sei für Buchverlage seit jeher ein Thema. Starken Zuwachs habe es aber in den Rubriken Psychologie und Esoterik gegeben, so Matthias.

Die Schwemme von Glücksratgebern kann nach Ansicht einiger Wissenschaftlern aber das eigene Unglücklichsein noch verstärken. Dass jeder immer glücklich sein müsse und diesen Zustand auch erreichen könne, wenn er nur „alles richtig“ mache, sei fatal. Das führe bei vielen Menschen zu einer völligen Überforderung und letztlich zu unrealistischen Erwartungen an das, was ihnen das Leben tatsächlich bieten könne, sagt die Psychologin Ruth Mätzler. „Weil die höchst schlichten Rezepte in den Büchern zumeist nicht umsetzbar sind, entstehen Versagensgefühle, die erst recht depressiv machen“, sagt Mätzler.

Mittlerweile hat sich auch eine zwar kleine, aber wachsende Gegenbewegung zu den Glücksratgebern entwickelt. Akzeptanz und Commitment heißen die Schlagworte, unter denen man Literatur dazu findet, die helfen soll, mit dem Unglücklichsein, einer Depression oder der eigenen Traurigkeit klarzukommen. Dies ist nach Anhängern dieser Denkweise der erfolgversprechendere Weg, sich selbst zu akzeptieren und so dem emotionalen Tief auf lange Sicht zu entkommen.

Doch warum ist der Run auf die Glücksbücher trotzdem so viel größer als auf jene, die auch die Schattenseiten der Psyche beleuchten? „Vielleicht liegt die Faszination in den übersichtlichen Handlungsanweisungen“, vermutet die Psychologin Mätzler weiter. „Ich muss mich nur an die ,Glücksformel‘ halten, positiv denken oder zehn Kilo abnehmen, dann fügt sich mein Leben auf märchenhafte Weise. Und das alles für im Schnitt 19,80 Euro.“ Da sei die Enttäuschung vorprogrammiert. Die Gegenströmung entwickelt sich langsam. Immerhin rund 1400 Bücher zur Akzeptanz des eigenen Unglücklichseins gibt es im Handel. Auf lange Sicht könnten enttäuschte Glücksratgeber-Leser diesem Markt noch deutlichen Zuwachs geben.

Vier Wochen lang kommt mit der Dewezet das Glück in zahlreichen Facetten ins Haus. Was lässt Menschen glücklich sein, wer hatte Glück im Unglück und wer verdient am Geschäft mit dem Glück richtig gut – das ist nur eine Auswahl an Aspekten, denen wir bis zum 31. März auf den Grund gehen. Heute: Glücksratgeber: Fluch oder Segen?



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