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Alle suchen nach dem Glück – aber was ist damit eigentlich gemeint?

„Das letzte Ziel aller menschlichen Dinge“

An wohlmeinenden Ratgebern fehlt es nicht. Wer sich heute auf die Suche nach dem Glück begibt, darf sich der Anteilnahme von Talkshow-Philosophen, „Better-Life“-Experten und Entspannungs-Gurus der Volkshochschule sicher sein. Eine regelrechte Glückshysterie grassiert, und einfache Rezepturen stehen hoch im Kurs. Dabei ist nicht mal geklärt, was Glück überhaupt ist. Für den einen ist es der Sechser im Lotto, für den anderen die erfüllte Liebe, für den nächsten das Glas Nutella. Glück definiert sich geradezu dadurch, dass es jeder anders definiert. Wie kann man da sagen, wo man es findet? „Es ist schwer, das Glück in uns zu finden, und es ist ganz unmöglich, es anderswo zu finden“, sinniert darüber der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort – Hoffnung zu verbreiten, war offensichtlich nicht sein dringendstes Anliegen.

veröffentlicht am 01.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 17:39 Uhr

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Autor:

Frank Werner
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Unser Vorschlag ist pragmatischer: Sie finden das Glück hier. Denn mit diesem Beitrag startet die Dewezet eine neue Themenserie – zum Glück!

Zunächst lohnt es sich, Klarheit darüber zu gewinnen, wie vielschichtig der Begriff des Glücks ist. Der Philosoph Wilhelm Schmid unterscheidet zwischen drei Erscheinungsformen: dem „Zufallsglück“, dem „Wohlfühlglück“ und dem „Glück der Fülle“. Das Zufallsglück kommt ins Spiel, wenn Menschen der Redewendung nach Glück oder Dusel „haben“, das Schicksal es gut mit ihnen meint, Situationen ohne Zutun einen günstigen Ausgang nehmen. Der Roulettespieler freut sich über dieses Glück ebenso wie der Überlebende eines Flugzeugabsturzes, der das sprichwörtliche „Glück im Unglück“ hatte. Allerdings sagt das Zufallsglück nichts über die innere Einstellung zum Leben. Es kann mit seinen kurzfristigen Verlockungen (etwa des Reichtums) sogar blind für die eigentlich wesentlichen Fragen machen und so dem Wohlfühlglück entgegenstehen.

Diese zweite Form des Glücks gründet auf innerer Bereitschaft, der Einzelne trägt mindestens anteilige Verantwortung am freudigen Dasein, im besten Fall ist er seines Glückes Schmied. Jedenfalls ist das Wohlfühlglück viel mehr als Glückssache – es kann sogar zum Ziel staatlichen Handelns werden. Als gefühltes Grundrecht hat es das „Streben nach Glück“ (pursuit of happiness) bis in die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 geschafft.

Auch in Deutschland soll das Glück von Staats wegen ermöglicht werden, jedenfalls vergeht kein feierlicher Anlass, ohne dass dem Glück in hymnischer Erhabenheit gehuldigt wird: „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand“, hat August Heinrich Hoffmann von Fallersleben gedichtet. Seltsamerweise existiert im Deutschen nur ein einziger Begriff für Glück, der alle Bedeutungen umfasst, während im Englischen zwischen „luck“ (Zufallsglück) und „happiness“ (Lebensfreude) differenziert wird (oder im Lateinischen zwischen „fortuna“ und „felicitas“.)

In einer Hinsicht aber gleichen sich das Zufalls- und das Wohlfühlglück: Beide sind nie von langer Dauer. Genau genommen beginnen diese Glückserfahrungen bereits in dem Moment zu verblassen, in dem sie gemacht werden. In den Tretmühlen der Spaß- Erlebnisgesellschaft beschleunigt sich dieser Effekt, die Maximierung der Lust endet immer schneller im Frust. Glück gerinnt zum „Kick“, aus dem Streben wird eine permanente Jagd, die nur dann zum erwünschten Endorphinrausch führt, wenn die Dosis kontinuierlich gesteigert wird. Denn das Hochgefühl lässt sich nicht einfach wiederholen, es braucht den Kontrast, um überhaupt erfahrbar zu sein. Das ist eine der grundlegenden Einsichten: Glück existiert nie allein. Es benötigt das Unglück als einen Ort, von dem aus es bestimmt werden kann. Der Philosoph Wilhelm Schmid favorisiert deshalb eine dritte Variante des Glücks, das „Glück der Fülle“, in dem Höhen und Tiefen enthalten sind. Nur wer das Leben in all seinen Facetten lebt, wer Licht- und Schattenseiten akzeptiert, um die richtige Balance zu finden, erfährt dieses wenig spektakuläre, aber vergleichsweise stabile Glück, das viel mit Zufriedenheit und Sinnerfüllung zu tun hat.

Sprechen Philosophen vom Glück, ist meist das „gute Leben“ und nicht die Gunst der Stunde gemeint. Die Frage nach dem Lebensglück und dessen Erreichbarkeit gehört zu den ältesten der Kulturgeschichte – sie zu stellen, ist offenbar ein menschliches Grundbedürfnis. Dem historischen Wandel unterliegen dagegen die Bedeutungen. Das, was wir konkret mit Glück verbinden, variiert im Laufe der Geschichte. So glaubte die antike Philosophie fast einhellig, einen objektiven Maßstab gefunden zu haben: Nur wer tugendhaft lebte, fand den Weg zum Glück. Das „Glücklichsein“, das Aristoteles als „das letzte Ziel aller menschlichen Dinge“ beschrieb, manifestierte sich in geistigen statt materiellen Genüssen; selbst Epikur, häufig als Sinnbild eines ausschweifenden Lebensstils zitiert, predigte ein maßvolles Lustprinzip und begnügte sich mit einem Glück, das in der bloßen Abwesenheit von Schmerz begründet lag. Im Mittelalter geriet die Glücksformel zum christlichen Heilsversprechen. Wahre Freuden warteten erst im Paradies, als Belohnung für gottesfürchtiges Leben. So kommt es, dass in der Bibel häufiger von „Seligkeit“ oder „Glückseligkeit“ als vom Glück selbst die Rede ist. Nach der Aufklärung, die das Glück ins Diesseits zurückholte und zum staatlichen Programm erhob, gewannen in der Neuzeit wieder die Glücksskeptiker die Oberhand. Für Arthur Schopenhauer etwa lag das höchste aller Gefühle in der Minderung des Leids – der deutsche Philosoph wertete es als „angeborenen Irrtum, dass wir da sind, um glücklich zu sein“. Beifall spendete eine Generation später der Ur-Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, der im Triebhaushalt des Menschen einfach zu viele Hindernisse für das Glück erblickte: „Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“ Was folgte, war die Erfahrung zweier Weltkriege, in denen das Glück zwar nicht gänzlich verloren ging, aber eher im Überleben als im Erleben zu finden war.

Und heute? Glück boomt wie nie zuvor. Nicht als Wechsel auf die Zukunft wie im mühsamen Leben des Wiederaufbaus, sondern als jederzeit konsumierbares Gut. Der saturierten Wohlstands- und Wellnessgesellschaft bieten sich so viele Glücksoptionen, dass manch einer den Überblick verliert – nicht umsonst gedeiht der Markt für Glücksanleitungen, Glücksverheißungen und Glücksvergleiche. Städte und Länder werden mittlerweile nach dem „Glücklichsein“ ihrer Einwohner gerankt, die Glücksforschung erstellt regelrechte Landkarten der Lebensfreude. Idealerweise sind wir immer „fit for fun“ – und falls nicht, gehen wir shoppen. Unterhalb der Einflugschneise philosophischer Theorien liegt das wahre Glück für viele im Waren-Glück. Aber ein gewisses Unbehagen bleibt bei alledem doch zurück. Sollte gerade die Sucht nach Glück am Ende unglücklich machen?

In den nächsten vier Wochen wird die Dewezet versuchen, dem Glück auf den Grund zu gehen. Zu erwarten sind keine fertigen Gebrauchsanleitungen, aber jede Menge Einblicke und Denkanstöße. Damit wird die Grundlage geschaffen für die am 8. März beginnende Vortragsreihe der Dewezet, die auf ebenso intelligente wie unterhaltsame Weise Hilfestellung bei der Glückssuche bietet (Termine und Themen unter www.dewezet.de). So erklärt etwa Bestseller-Autor Werner Tiki Küstenmacher, wie das Leben einfacher und damit glücklicher wird. Oder Ralph Goldschmidt („Experte für Lebensglück“) referiert über den richtigen Mix im Cocktail des Lebens.

Den ersten Schritt auf der Glückssuche haben Sie mit dem Lesen dieses Beitrags bereits absolviert. Wenn Sie das in diesem Moment nicht bereuen – Glückwunsch! Denn, so lautet das Sprichwort: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

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