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Franz Hartmann repariert Räder für Flüchtlinge, Asylbewerber Ali Haghigath hilft ihm

Zwei, die eine Aufgabe stemmen

Flüchtlingswellen, die nicht abreißen, Flüchtlingsdramen, die sich abspielen. Hinter diesen Worten stecken Menschen. In einer Serie stellt die Dewezet Flüchtlinge vor. Und die, die ihnen helfen. So wie Franz Hartmann aus Hameln.

veröffentlicht am 17.08.2015 um 16:22 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:12 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Hameln. Ali Haghighat schiebt sich 20 Kilo auf jede Seite der Stange – zum Warmwerden. 300 Kilo sind kein Problem für den ehemaligen asiatischen und dreifachen iranischen Meister im Gewichtheben. Mit seinen riesigen Muskeln ist der 1,85 große und 110 Kilo schwere Iraner eine auffällige Erscheinung. Das Training bedeutet für ihn Kontinuität. Die meisten anderen Dinge in seinem Leben stehen Kopf.

Seit fünf Monaten ist er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Deutschland. Die Aufenthaltsgenehmigung wird alle drei Monate verlängert. „Wir hatten ein gutes Leben im Iran“, sagt Ali. Zumindest wirtschaftlich hatte die Familie des Sportlers und Geschäftsmannes, der einen Shop für Bekleidung und Sportartikel in Shiraz betrieb, keine Not. Heikel wurde es, als Ali das Christentum für sich entdeckte. Er mag das Weltoffene an den Christen und vor allem die Möglichkeit, sich für eine Religion zu entscheiden. „Im Islam wirst Du als Moslem geboren und bleibst es bis an Dein Lebensende“. Konvertieren käme einem Todesurteil gleich. Trotzdem zog es Ali bei seinen Geschäftsreisen nach Istanbul immer wieder in christliche Kirchen. Seine religiösen Ambitionen blieben nicht unbemerkt. Ein ehemaliger Freund, der ihm nach einem Streit nicht mehr gut gesonnen war, verriet ihn. Auch, dass er eine Bibel bei sich zu Hause hatte.

Nun ist Ali Haghigat Christ. Seit einem Monat ist er getauft und stolzes Mitglied in der evangelisch-reformierten Gemeinde Hameln in der Hugenottenstraße. Dort fühlt er sich geborgen. Wenn er sich schlecht fühlt, geht er in die Kirche oder in die Gemeinde, die familiäre Atmosphäre mildert die Erinnerung an all das, was er zurücklassen musste.

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  • Der Iraner Ali Haghighat trainiert bis zu fünfmal in der Woche. Er ist dreifacher iranischer und asiatischer Meister gewesen. doro (2)

(Wahl-)Familie bedeutet für Ali allerdings mehr als nur Nehmen. Er will auch etwas zurückgeben. Und das tut er, wo immer sich die Gelegenheit bietet. Wie beim Sommerfest des Arbeitskreises Christlicher Kirchen Hameln (ACKH) für die Flüchtlinge. „Als ich all die älteren Damen gesehen habe, die nach dem Kaffeetrinken in der Küche standen und umsonst arbeiteten, habe ich gedacht: „Das ist doch eigentlich unsere Aufgabe.“

Ali half spontan mit. Beim Sommerfest und inzwischen auch bei der Fahrradausgabe für Flüchtlinge, die der Arbeitskreis christliche Kirchen Hameln organisiert. Jeden dritten Montag im Monat (außer in den Sommerferien) können Flüchtlinge zur Martin-Luther-Kirche kommen und schauen, ob ein Rad für sie dabei ist.

Mit einem

Kinderfahrrad hat alles angefangen

Wählen können sie im Moment unter rund 28 verkehrstüchtigen Fahrrädern. Zu verdanken ist das hauptsächlich einem Mann: dem Hamelner Franz Hartmann. Ali und Franz kennen einander. Noch nicht besonders gut, aber Hartmann schätzt Alis hilfsbereite, nette Art und wie er die Fahrräder für die Flüchtlinge auf seiner starken Schulter aus dem Keller nach oben trägt. Ali wiederum ist dankbar, dass Hartmann ihm hilft, sich einzuleben.

Der Frührentner hat inzwischen 38 Drahtesel repariert. Angefangen hat alles, als er der Flüchtlingshilfe ein aufgearbeitetes Kinderfahrrad geschenkt hat. Man sei ins Gespräch gekommen und Hartmann erklärte sich bereit, mitzuhelfen. „Das Ausmaß war mir jedoch nicht bewusst“. Die Tätigkeit gehe weit über ein Hobby hinaus, sagt Hartmann. Inzwischen hat er Unterstützung von Heinz Hergaden bekommen, „sonst würde ich es nicht schaffen.“

Hartmann hat schon immer gern Zweiräder repariert. Für Freunde, Nachbarn und für seine Tochter. Wenn das Bürgeramt einmal Jahr Fundsachen versteigert, ist er dabei und hofft auf Fahrrad-Schnäppchen. Was bei dem einen fehlt, schraubt er bei einem anderen ab. Das sei manchmal ziemliche Fummelarbeit, denn „jedes Rad ist anders“. Jetzt repariert er eben für die Flüchtlinge. Die Arbeiten erledigt er zu Hause, so ist er nicht auf die Öffnungszeiten des Gemeindezentrums angewiesen. Die Räder, die er bekommt, sind Spenden – die meisten in schlechtem Zustand. Mit einer Fahrradwerkstatt in der Nähe seiner Wohnung hat er eine Kooperation, „da bekomme ich alle Materialen, die ich sofort benötige und auch Tipps, wenn ich mal nicht weiterkomme“.

Franz Hartmann ist es wichtig, dass die Flüchtlinge hier Fuß fassen können, er hilft gern. Sehr viel direkten Kontakt zu den Menschen habe er jedoch nicht, das überlässt er lieber anderen. Sein Zuhause sei tabu, die Erfahrung habe gezeigt, dass es besser so ist. Sich dort mit Wünschen auseinanderzusetzen, die er nicht erfüllen könne, übersteige seine Kraft. Auch die Sprachbarriere sei manchmal zu hoch für die Probleme, die sich bei der Ausgabe ergeben. Einmal habe eine Mutter gewollt, dass er einen Kindersitz auf das farbenprächtige Moutainbike montiert, dass sie ins Auge gefasst hatte. „Es war wirklich schwierig, ihr die technischen Gegebenheiten zu erklären“, sagt er.

Die bunten Fahrräder sind besonders beliebt, sagt Hartmann. Und die Ansprüche manchmal ziemlich hoch. Es sei auch schon vorgekommen, dass die Leute wieder gegangen seine, weil nichts dabei war, was ihnen gefiel. Da habe er sich schon gewundert, sagt der 60-Jährige. „Es wäre schön, wenn die Fahrräder zurückgegeben werden, wenn die Flüchtlinge Hameln verlassen sollten oder das es nicht mehr haben wollen.“

Aus politischer Sicht ist das Flüchtlingsthema für Franz Hartmann eine verbesserungswürdige Angelegenheit. Er habe kein Verständnis für die vielen Wirtschaftsflüchtlinge, sagt er. Seiner Ansicht nach sind klare Regeln und ein Gesetz notwendig, um deren Abschiebung zu erleichtern. Ebenso die Einstufung mancher Länder als sichere Staaten.

Eine Einschätzung, die Ali Haghadi teilt. Unter den Wirtschaftsflüchtlingen gebe es viele, die die Regeln des Gastlandes nicht befolgen, glaubt er. Sie sollten deshalb nicht mit Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden, gleichgestellt werden.

Für Ali ist Respekt gegenüber dem Gastland selbstverständlich. Es ist ihm wichtig, die Sprache zu lernen, denn er weiß: sie ist der Schlüssel. Nach zehn Wochen Sprachkurs – mehr gibt es nicht umsonst – müht er sich nun mit einem Programm auf dem Handy ab. Er will weiterkommen, denn er hat Arbeit in Aussicht. Das darf er, nach Rücksprache mit den Behörden. Er möchte in einem Hamelner Fitnessstudio anfangen. Dort, wo er trainiert und schon bestens integriert ist. Allerdings geht das nur, wenn er gut genug Deutsch kann.

Das erste Wort, das Ali Haghighat gelernt hat, war „Dankeschön“. Das war noch auf dem Flughafen, er hatte einen Beamten danach gefragt. Und welches ist das lustigste Wort, das er auf Deutsch kennt? Ali lacht, er muss nicht lange nachdenken: „Ach so.“



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