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Musik baut Brücken: In Grupenhagen mischen die Neuankömmlinge in der Kapelle der Feuerwehr mit

Wenn Integration den richtigen Ton trifft

Grupenhagen. Es ist Montagmorgen, 9 Uhr, im Dorfgemeinschaftshaus: Bettina Wellhausen und Gisela Bartsch sitzen gemeinsam mit Tarek und Ossama an zwei zusammengerückten Tischen. Die beiden Grupenhägerinnen geben den jungen Syrern ehrenamtlich Deutschunterricht. Tarek spricht Englisch, die beiden Frauen auch, das macht die Sache einfacher. Heute steht die Uhrzeit nicht nur auf dem Lehrplan, sondern auch auf einer alten Tafel, die, reanimiert aus dem Keller der Familie Alpers, nun im Dorfgemeinschaftshaus wieder zu neuen Ehren gekommen ist. Als das aktuelle Thema abgearbeitet ist, wird der Lehrstoff der letzten Wochen wiederholt. Die beiden jungen Männer geben ihr Bestes: Deutsche Sprache – schwere Sprache.

veröffentlicht am 16.02.2015 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 11.08.2015 um 16:16 Uhr

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Autor:

von Sabine Brakhan

Der Ortsteil Grupenhagen hat 438 Einwohner, eine alte Schule, die eigentlich abgerissen werden sollte und nun neun neue Menschen im Dorf. Eine fünfköpfige serbische Familie, die übergangsweise in Grupenhagen untergebracht worden war, ist mittlerweile nach Groß Berkel umzogen. Dafür sind Ende Januar zu den vier syrischen Männern, die seit Dezember die ehemaligen Klassenräume im Erdgeschoss bewohnen, fünf Männer aus Albanien ins Obergeschoss in unmittelbarer Nähe zum Dorfgemeinschaftshaus eingezogen. Die Neubürger aus Syrien und Albanien haben im alten Schulhaus mitten im Ort nicht nur eine Flüchtlingsunterkunft gefunden, sondern auch ein vorübergehendes Zuhause. Das zeigt die Geschichte von Ossama und Tarek.

Es ist immer noch Montag, mittlerweile aber bereits 18.30 Uhr. Im Dorfgemeinschaftshaus sind die Lichter angegangen und der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr hat mit seiner wöchentlichen Probe begonnen. Und mittendrin in der Kapelle: Tarek und Ossama. Während Tarek bereits musikalisches Fachwissen mitbringt und am Schlagzeug fleißig mit den anderen Musikern das Stück „Auf einem persischen Markt“ einübt, schaut Ossama erst einmal noch zu. Er möchte Trompete spielen lernen und wird dabei von seinem Mitbewohner und auch von den Blechbläsern des Musikzuges tatkräftig unterstützt. Während Tarek fleißig mit ihm Noten lernt, hat Renate Alpers ihre alte Trompete als Übungsinstrument zur Verfügung gestellt. Noch vor Beginn des offiziellen Übungsabends der Kapelle haben die beiden Blechbläser Jannik Siever und Ann-Kristin Nikolai im Einzelunterricht mit Ossama das Trompete spielen geübt und konnten bereits erste Erfolge vermelden: schon nach der ersten Übungsstunde entlockt er der Trompete ein paar richtige Töne.

Wie sind die beiden Männer eigentlich auf die Kapelle aufmerksam geworden? „Wir haben an Weihnachten gehört, wie eine Kapelle im Gottesdienst musizierte“, erzählt Tarek. Als dann Renate und Lothar Alpers, Bettina Wellhausen, Gisela und Dietmar Bartsch, Christa Grote, Rolf Albert und Peter Kluwe beim Kaffeetrinken Anfang des Jahres mit den Neubürgern Kontakt aufnahmen, berichtet Tarek, dass er Gitarre spielt und in seiner Heimat Damaskus bereits ein Musikstudium begonnen hatte.

Ein Instrument war schnell besorgt und so konnte er noch am Nachmittag mit einem musikalischen Dankeschön auf den Willkommensgruß der Grupenhäger antworten. Da eine Gitarre musikalisch aber so gar nicht ins Blasorchester zu integrieren ist, boten die Grupenhäger Musiker den jungen Syrern an, sich einfach an den vorhandenen Instrumenten zu versuchen. So kam Ossama an Renate Alpers‘ alte Trompete und Tarek an die Drumsticks von Basstrommler Moritz Wehrmann, der dem Syrer auch gern seinen Platz am Schlagzeug überließ. Die Bereitschaft und Begeisterung auf allen Seiten an diesem Übungsabend der Kapelle in Grupenhagen zeigt: Musik kann Sprachgrenzen überwinden.

Und die Liste der Hilfestellungen für die Neubürger, die die Grupenhäger organisiert haben, ist noch nicht zu Ende: Mitte Januar hatte die Ortswehr Jahreshauptversammlung und Peter Kluwe nutzte die Anwesenheit zahlreicher Dorfbewohner, um darauf aufmerksam zu machen, dass für die Asylbewerber noch Fahrräder gesucht werden, damit sie den Weg zum Einkaufen nach Aerzen oder Groß Berkel nicht zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen müssen und flexibler sind. Spontan meldeten sich zwei Grupenhäger und stellten ihren Drahtesel zur Verfügung.

Mittwochs hat das Helferteam um Bettina Wellhausen einen regelmäßigen privaten PKW-Fahrdienst zur Außenstelle der Hamelner Tafel nach Aerzen organisiert. Ein Elektrofachgeschäft, dass das Fernsehgerät in der alten Schule so einrichtete, dass auch arabische Sender empfangen werden können, brachte den Neubürgern noch ein Stück Zuhause-Gefühl.

Bei allen positiven Signalen der Gastfreundschaft gibt es aber auch skeptische Stimmen aus der Bevölkerung. „Natürlich gibt es nicht nur Zuspruch im Ort. Und natürlich sind auch Ängste vor den Fremden in der Bevölkerung vorhanden“, räumt Renate Alpers ein. „Aber nur die Bereitschaft zum gegenseitigen Kennenlernen kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, beziehungsweise sie gar nicht erst entstehen zu lassen“, vertritt sie die Ansicht. Erste Schritte sind getan.

Was die Zukunft bringt, darüber wird unter anderem die Anhörung der Asylbewerber im Grenzdurchgangslager Friedland in den kommenden Tagen entscheiden. Auch auf diesem Weg begleitet das Grupenhäger Helferteam die vier Syrer selbstverständlich.



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