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Hilfe mit Herz: Neue Heimat hinter der Backstube

Wenn Flüchtlinge sich auf Flüchtlinge freuen

Coppenbrügge. Flüchtlingswellen, die nicht abreißen, Flüchtlingsdramen, die sich abspielen. Hinter diesen Worten stecken Menschen. In einer Serie stellt die Dewezet Flüchtlinge vor. Und die, die ihnen helfen. So wie das Ehepaar Stiller und Fatima Ibrahim.

veröffentlicht am 13.08.2015 um 17:28 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel

„Wir haben sechs Flüchtlinge aus Afrika in der letzten, sechs in dieser aufgenommen, acht kommen am nächsten Mittwoch!“ In diesem Sommer sei wie vielerorts auch in Coppenbrügge alles anders, meint Gerrit Ziech im Coppenbrügger Bürgeramt. „Aber die Welt ist hier in Ordnung!“ Seinen Urlaubsantrag er gerade eben zerrissen. „Muss warten! Es gibt Wichtigeres im Leben.“ In diesen Wochen hastet er als „Flüchtlingskommissar“ der Fleckenverwaltung zwischen Terminen im Kreishaus, mit Asylbewerbern oder ohne, in deren neuem Zuhause in der Kommune, von Handwerkern zu Second Hand Angeboten von Haushaltsmobiliar hin und her. Assistiert, wenn der Fernseher neu eingestellt werden muss. Zeigt auch, dass der Bettbezug nicht über die Matratze, sondern das Inlett gehört. Normalerweise ist das Geschäft im Ordnungsamt zur Ferienzeit eher ruhig. Lässt schon mal Zeit für ein sonniges Eis gegenüber der Burg, wenn die Bürger längst alle Reisepässe und Ausweise verlängert haben und Richtung Erholung und Abenteuer „ausgeflogen“ sind.

Mit kriminellen Versprechungen der Schlepperbanden auf den Weg geschickt

Aber in diesem Jahr, weil immer öfter neue Flüchtlingszuweisungen kommen, braucht’s immer häufiger mehr als nur die ein oder andere Überstunde. „Immer wieder traumatisierte junge Menschen“, sagt Ziech, „viele mit kriminellen Versprechungen der Schlepperbanden auf den Weg geschickt. Und dann sitzen sie hier. Bis die Quote der Flüchtlingsunterbringung erfüllt ist, kann mein Urlaub warten!“

Fatima Ibrahim (26) hat gerade Urlaub. „Ein Glück“, lächelt sie. Die Erzieherin, deren Familie seit 30 Jahren nach der Flucht aus dem Libanon in Coppenbrügge wohnt, ist Ziechs ehrenamtliche, jederzeit bereite Dolmetscherin. Immer dabei, egal ob es mit den Syrern und Sudanesen um Formalitäten im Kreishaus, Einkaufen oder Bettenmachen geht. Und immer mit einem Lächeln. „Ein schönes Gefühl, so helfen zu können. Denn ich weiß von meiner Familie, was diese Menschen durchgemacht haben, wie hilflos sie ohne Verständigungsmöglichkeit in dieser so fremden Welt, sind.“

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  • Hassan Adam, Adam Ibrahim, Mohamed Seiman, Hassan Ali und Ibrahim Hussein Abdul aus dem Sudan mit Fatima Ibrahim aus Coppenbrügge als Dolmetscherin und „Deutschlehrerin“ in ihrem neuen Wohnzimmer der Stille’schen Wohnung. Foto: ist

Mohammed Farash (29) aus dem Sudan lebt schon seit einem Jahr im Kernort des Fleckens. „Läuft viel rum und langweilt sich“, weiß Ziech. Als er hört, dass sudanesische Flüchtlinge angekommen sind, weiß er gar nicht wohin mit seiner Freude: „Landsleute! Ein Geschenk für mich“, und beginnt mit den Neuankömmlingen, während Ziech einen Kühlschrank vorbeibringt, sofort mit dem kombinierten Deutsch-Englisch-Kombisprachtest. Geht mit ihnen durch den Ort. Zeigt, wie in einem Geschäft, was diese sudanesischen Flüchtlinge von der Heimat nicht kennen, weil dort Kartoffeln und Tomaten vom Feld auf den Teller kommen, eingekauft wird.

Und dann ist da das Ehepaar Stiller (78 und 79), das am Nachmittag in seiner ehemaligen Wohnung hinter der einstigen Bäckerei vorbeischaut, die Rudolf und Sigrid Stiller für Asylbewerber zur Verfügung gestellt haben. Und wo jetzt sechs Sudanesen wohnen. „Alles sehr nette junge Leute“, sagt Rudolf Stiller. Fragt mit Händen und Füßen, ob soweit alles in Ordnung sei, bekommt ein dankbar lächelndes Nicken, einen festen Händedruck.

 

„Wir sind doch selbst vor 60 Jahren als Flüchtlinge hierher gekommen. Mit acht Kindern aus Breslau. Wir wissen, wie das ist.“


Warum er seine Wohnung zur Verfügung gestellt habe? Ganz einfach: „Erstens, ich habe die Räumlichkeiten. Und zweitens, wie so viele Bürger im Flecken sind wir doch selbst vor 60 Jahren als Flüchtlinge hierher gekommen. Mit 8 Kindern aus Breslau. Wir wissen, wie das ist, mit Not, Verzweiflung und dem Nichts, aber auch der Hilfe der anderen zu leben. Das haben wir nicht vergessen!“ Und um seine Wohnung brauche er sich keine Sorgen zu machen, so Ziech. „Die kontrollieren wir regelmäßig, was die Flüchtlinge wissen. Und in fast allen könnte man vom Boden essen.“ „Das ist schon anerkennenswert“, meint Stiller, „wie sich die Gemeinde hier einbringt, sich kümmert, die Wohnungen ausstattet und die richtige Ansprache für die Flüchtlinge findet.“

Vor anderthalb Wochen erst hatte Gerrit Ziech im Coppenbrügger Bürgeramt noch einen Hilferuf nach Wohnungen losgeschickt. „Ich weiß einfach nicht, wo ich die Flüchtlinge unterbringen soll“, war da noch seine Sorge. Die Dewezet berichtete und spontan waren weitere fünf Wohnungen gemeldet worden. Eng für Flüchtlinge, wird es in Coppenbrügge vorerst nicht werden. Und das ehrenamtliche Engagement, dass sich Sudanesen und Syrer, soweit nach traumatischen Fluchterlebnissen überhaupt möglich, aber auch Balkanflüchtlinge, wohlfühlen, sei groß, freut sich Bürgermeister Hans-Ulrich Peschka. Für das Freibad gibt’s Dauerkarten, der Sportverein freut sich auf eine vielleicht erstmals internationale Kickermannschaft. Leichtathleten und Feuerwehr laden ein. Darüber hinaus sollen die jungen Leute in Absprache mit dem Landkreis mit Aufgaben im Fleckenbereich betraut werden, was Peschka und Ziech besonders am Herzen liegt. Zum Beispiel in der Pflege der öffentlichen Grünanlagen. „Damit sie nicht nur da sitzen und in ihren traumatischen Erlebnissen grübeln. Dass sie im Gegenteil eine Aufgabe haben, wo sie unter Menschen kommen. Wo wir alle einander näher kommen. Wo nicht nur wir Ihnen, sondern auch sie uns zur Seite stehen.“

Flüchtlingswellen, die nicht abreißen, Flüchtlingsdramen, die sich abspielen. Hinter diesen Worten stecken Menschen. In einer Serie stellt die Dewezet Flüchtlinge vor. Und die, die ihnen helfen. So wie das Ehepaar Stiller und Fatima Ibrahim.

 

 Info: Was der Flecken jetzt für Flüchtlinge tut

  • Eng für Flüchtlinge wird es in Coppenbrügge vorerst nicht werden. Und das ehrenamtliche Engagement, dass sich Sudanesen und Syrer – soweit nach traumatischen Fluchterlebnissen überhaupt möglich – aber auch Balkanflüchtlinge wohlfühlen, sei groß, sagt Bürgermeister Hans-Ulrich Peschka. Für das Freibad gibt’s Dauerkarten, der Sportverein freut sich auf eine vielleicht erstmals internationale Kickermannschaft. Leichtathleten und Feuerwehr laden ein. Darüber hinaus sollen die jungen Leute in Absprache mit dem Landkreis mit Aufgaben im Fleckenbereich betraut werden, was Peschka und Gerrit Ziech (Bürgeramt) besonders am Herzen liegt. Zum Beispiel in der Pflege der öffentlichen Grünanlagen. Damit sie nicht nur dasäßen und in ihren traumatischen Erlebnissen grübelten. Dass sie, im Gegenteil, eine Aufgabe hätten, wo sie unter Menschen kämen. Wo alle einander näher kämen. Wo nicht nur wir ihnen, sondern auch sie uns zur Seite stünden, meinen beide. 


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