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Warum sich das Ehepaar Boaro-Titze um eine Flüchtlingsfamilie aus Somalia kümmert

Sie wissen, wie es in der Fremde ist

Bad Pyrmont. Für Dahir ist die Welt absolut in Ordnung. Der Knirps von sieben Monaten strahlt übers ganze Gesicht, wenn Klaus Titze und seine Frau Graziella mit ihm scherzen und sprechen. Auf Deutsch, denn diese Sprache hört der kleine Junge ebenso regelmäßig wie seine Muttersprache. Dass er zweisprachig aufwächst, ist allerdings auch der Not gehorchend: Seine Eltern Fowzi und Aragsan mussten ihre afrikanische Heimat Somalia vor vier Jahren verlassen und haben nach einer langen, aufreibenden Flucht in Bad Pyrmont eine Bleibe gefunden.

veröffentlicht am 14.08.2015 um 16:44 Uhr
aktualisiert am 14.08.2015 um 17:27 Uhr

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Autor:

Karin Heininger

Noch wohnen sie nur wenige Häuser von den Titzes entfernt, die der jungen Familie dabei helfen, den Alltag zu meistern. Doch in den nächsten Tagen steht ein Umzug ins Haus: Seit Dahirs Geburt ist die ihnen von der Stadt zugewiesene möblierte Zweizimmerwohnung zu klein geworden. Das bedeutete für Klaus und Graziella Titze zunächst, eine andere Unterkunft für ihre Schützlinge zu suchen. Die Miete wird zwar auch von der Stadt bezahlt, doch bei einem Wohnungswechsel müssen sich die Flüchtlinge selbst kümmern. „Es war nicht verkehrt, dass ich bei der Besichtigung der Wohnungen dabei war. Nicht jeder ist dazu bereit, eine farbige Familie aufzunehmen“, fasst Klaus Titze seine Erfahrungen, negative ebenso wie positive, zusammen. Jetzt sind er und seine Frau damit beschäftigt, eine Einrichtung möglichst preisgünstig zusammen zu stellen, und auch beim eigentlichen Umzug werden sie gefordert, selbst wenn die Afrikaner inzwischen recht gut deutsch sprechen und sich in der für sie zunächst fremdartigen Welt zurecht finden.

Geflohen vor

Miliz-Terror und Zwangsheirat

 

Graziella Boaro-Titze weiß aus eigenem Erleben, wie es sich anfühlt, in ein fremdes Land zu kommen, ohne die Sprache zu sprechen und zu verstehen – so wie es der Italienerin vor 39 Jahren selbst ergangen ist. Und ihr Mann Klaus Titze hat in seiner eigenen Familie durch Erzählungen seiner Eltern und Großeltern erfahren, was Vertreibung und Flucht für Menschen bedeutet. Diese Erlebnisse seien, neben einem sozialen Verantwortungsgefühl, die Grundlage dafür, dass sich das Ehepaar in der als Privat-Initiative gegründeten „Flüchtlingshilfe Bad Pyrmont“ engagiert. Seitdem die Beiden das nach moslemischem Ritus verheiratete junge Paar in einer Dialoggruppe des Vereins Arbeit und Integration (AI) kennengelernt hat, lässt sie das Schicksal von Fowzi (27) und Aragsan (23) nicht mehr los. Unabhängig voneinander sind die Afrikaner aus Somalia geflohen – Aragsan vor einer drohenden Zwangsheirat und Fowzi vor dem Druck der islamischen Al-shabab-Miliz, die den Informatik-Studenten als Kämpfer anwerben wollte.

Über die Ukraine, wo beide als illegale Einwanderer inhaftiert wurden und wo sie sich im Gefängnis kennenlernten, kamen sie zu Fuß über die Grenze in die Slowakei, über Umwegen nach Norwegen, von dort als Illegale nach Hamburg, dann ins Auffanglager Bramsche und 2013 schließlich nach Bad Pyrmont, wo sie sich zunächst isoliert fühlten. „In den ersten Monaten haben wir nur in unserer Wohnung gelebt und hatten zu niemandem Kontakt. Erst durch Klaus und Graziella ist das anders geworden,“ erinnert sich dankbar Aragsan, die neben somalisch auch russisch, englisch, arabisch und mit Graziellas Hilfe ebenso wie ihr Mann schon deutsch spricht.

Gespräche bei den Behörden, die täglichen Einkäufe, Kontakte zu anderen Flüchtlingen, Arztbesuche, das alles bewältigt das junge Paar auch dank der Hilfe ihrer deutschen Freunde. Gern würde Fowzi in seinem Fachgebiet Informatik arbeiten, „Doch davor sind die bürokratischen Hürden, denn Fowzi und Aragsan haben noch keinen Status, ihr Asylantrag ist selbst nach zwei Jahren Aufenthalt in Bad Pyrmont noch nicht entschieden. Solange erhalten sie offiziell keinen deutschen Sprachkurs, der wiederum nötig ist, um einen Job zu bekommen“, bedauert Klaus Titze. Er wünscht sich eine bessere behördliche Vernetzung, damit der Somalier seine Ausbildung vervollständigen kann, auch wenn es schwierig ist, das zweijährige Studium nachzuweisen. Dass der gebildete Afrikaner und seine Frau alle Voraussetzungen erfüllen, um sich in die deutsche Gesellschaft und Arbeitswelt zu integrieren, davon sind Klaus und Graziella Boaro-Titze fest überzeugt.

Flüchtlingswellen, die nicht abreißen, Flüchtlingsdramen, die sich abspielen. Hinter diesen Worten stecken Menschen. In einer Serie stellen wir Flüchtlinge vor. Und die, die ihnen helfen. So wie das Ehepaar Boaro-Titze und Fowzi und Aragsan aus Somalia.



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