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Landkreis sucht Tagesmütter / DRK schult Erzieherinnen zum Umgang mit Traumata

Sanftes Ankommen für Flüchtlingskinder

Hameln-Pyrmont. 213 Kinder zwischen null und sechs Jahren leben mit ihren Familien, die Asyl beantragt haben, in Hameln-Pyrmont. Einige sind schon länger hier, andere kürzlich angekommen. Einige mit traumatischen Erlebnissen im Gepäck, andere unversehrt. Alle sollen gut ankommen in ihrem neuen Umfeld.

veröffentlicht am 20.08.2015 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Der erste Tag im Kindergarten, allein, ist eine echte Herausforderung für einen Menschen, der gerade mal seit drei Jahren die Welt entdeckt. Fremde Kinder, nur neue Gesichter, viel Lärm, tolles Spielzeug immerhin, aber sonst: alles anders, alles andere als vertraut. Schwer vorstellbar, wie dieselbe Situation auf ein Kind wirkt, das vor wenigen Wochen seine Heimat Syrien, Irak, Eritrea verlassen hat. Das kein Wort des Gesagten versteht und nur anhand des Klangs raten kann, dass es nett gemeint ist. Das aber im schlechtesten Fall in seinem kurzen Leben Sachen gehört und gesehen hat, die zumindest verstören – ein Thema, das auch Erzieherinnen in Hameln-Pyrmont bewegt.

„Wir wollen gewappnet sein und die Kleinen im Falle eines Falles nicht im Regen stehen lassen“, sagt Lieselotte Sievert, Fachberaterin der DRK-Kindertagesstätten im Landkreis Hameln-Pyrmont vor dem Hintergrund, das jetzt vermehrt Flüchtlingskinder in die Kitas kommen. Die Erzieherinnen der DRK-Einrichtungen haben an einer Fortbildung teilgenommen, die sich im Kern mit traumatisierten Kindern beschäftigt hat und von Annette Langenhan geleitet wurde. Sie selbst ist ausgebildet in Traumatherapie und Psychotraumatologie. Sie sagt: „Es gibt Traumata, die ohne Hilfe verarbeitet werden können, und nicht jede traumatische Situation muss ein Trauma hinterlassen.“ Einige Erfahrungen aber müssen aktiv bewältigt werden.

„Bei großen Traumata geht es darum, damit leben zu können.“ Das Kind solle darin unterstützt werden, die eigenen Gefühlszustände wahrzunehmen und auszudrücken. Erzieherinnen, die bereits Flüchtlingskinder in ihren Gruppen betreuen, und die auffälliges Verhalten bei einem Kind beobachten, haben auch die Möglichkeit, sich zum Beispiel an die Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Hameln-Pyrmont zu wenden, empfiehlt Jugendamtsleiter Andreas Kopp. Dort sei André Wangelin, der Leiter der EZB, der richtige Ansprechpartner.

Eine Möglichkeit für Kinder, die traumatisiert oder psychisch belastet sind, ihre Vergangenheit zu bewältigen, bietet der „Malort“ des Kinderschutzbundes in Hameln. Dort können Kinder unter fachlicher Anleitung im geschützten Raum ihre Erlebnisse und Gefühle zu Papier bringen – gemalt. Vor allem auch für Flüchtlingskinder, die kein Deutsch sprechen, sieht der Landkreis Hameln-Pyrmont darin eine Chance, wie Andreas Kopp schildert.

Es gebe Überlegungen, die in Hameln bewährte Idee des „Malortes“ in zwei weiteren Kommunen des Landkreises zu etablieren, um den Kindern vor Ort diese Chance zu bieten. Das Konzept stehe, allerdings müsse die Finanzierung noch gesichert werden. Auf die schnelle Integration der Flüchtlingskinder und auf die Hilfe für sie legen die Mitarbeiter des Jugendamtes und sozialer Einrichtungen gerade ein besonderes Augenmerk. Allerdings: So einfach ist es nicht.

Zwar sei es einerseits wünschenswert, wenn die kleinen Kinder „so schnell wie möglich in die Tagespflege kommen“, erklärt Martina Kurth-Harms, Leiterin des Dezernats für Inklusion, Bildung, Jugend und Soziales. Andererseits müssten gerade diese Kinder nach ihrer oft wochenlangen Odyssee zunächst einmal ankommen dürfen in ihrer neuen Umgebung, wendet Andreas Kopp ein. Gerade für diese Kinder sei ein sanfter Einstieg mit Zeit und Ruhe wichtig. Auch in anderen Bereichen werde manchmal versucht, „unser System komplett auf Flüchtlinge zu übertragen – das geht nicht“, mahnt Kopp. Für diese Kinder sei die Betreuung durch Tagesmütter, die nur wenige Kinder im Haus haben, vielleicht sogar eher geeignet als jene in einem trubeligen Kindergarten, vermutete Martina Kurth-Harms. Und die werden aus diesem Grund gesucht: Tagesmütter, gerne auch Erzieherinnen, die schon im Ruhestand sind und bereit, noch einmal mit anzupacken. „Wir suchen noch Tagesmütter“, sagt Andreas Kopp und hofft auf entsprechende Resonanz. Wer noch nicht entsprechend ausgebildet ist, hat im nächsten Monat, sein Wissen zu erweitern: „Im September startet ein neuer Kurs für Tagespflege bei Impuls“, sagt Martina Kurth-Harms.

Info: Wer Interesse hat, Flüchtlingskinder zu betreuen, kann sich an Anette Wehrmann beim Landkreis Hameln-Pyrmont wenden unter Telefon 05151/9033-421



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