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Syrische Familie muss neu anfangen – wie Hamelner ihr dabei helfen

Letzter Ausweg: Flucht

Hameln. Flüchtlingswellen, die nicht abreißen, Flüchtlingsdramen, die sich abspielen. Hinter diesen Worten stecken Menschen. Wir wollen ihnen ein Gesicht geben: In einer Serie stellt die Dewezet Flüchtlinge vor. Und die, die ihnen helfen.

veröffentlicht am 10.08.2015 um 09:24 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:00 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Der fünfjährige Rodi spielt im Garten hinter dem Haus am Kranichfeld. Als ein Flugzeug am Himmel auftaucht, rennt er hinein. Der Junge hat Angst. Angst vor Bomben. Zu nah ist die Erinnerung an den Bürgerkrieg. Rodis Familie ist aus Aleppo, der Hauptstadt Syriens, geflüchtet. Seit gut einem halben Jahr sind Rodi, seine Geschwister Rojda (9) und Roni (7) mit Mutter Kulstan Hsso (43) und Vater Hannan Rash (53) in Hameln – und in Sicherheit. Sie leben im Haus von Mechthild (61) und Guntram (66) Clemens. Wie eine Wohngemeinschaft mit gemeinsamer Küche, gemeinsamem Bad, „mittlerweile eher wie eine Familie“, sagen alle. Bald können Rashs in eine eigene Wohnung ziehen.

Es ist eine dramatische Flucht, die hinter den Syrern liegt. Wenn Hannan Rash davon erzählt, füllen sich seine Augen immer wieder mit Tränen. Die Sorgen der letzten Jahre und auch darum, was jetzt werden soll, kann man aus seinem Gesicht ablesen, auch ohne seine Worte zu verstehen; sie haben dem Familienvater tiefe Falten ins Gesicht geschrieben. Sein Bruder Walid Rash (50), der schon seit 1993 in Hameln lebt, übersetzt. Drei Jahre lang haben Kulstan und Hannan den widrigen Umständen im Bürgerkrieg die Stirn geboten. Dann ging es nicht mehr. Die Bombensplitter fielen bis auf den Balkon. Wenn in der Nähe eine Explosion zu hören war und die Kinder waren nicht im Haus, kamen die Eltern vor Sorge fast um. Weil Hannan politisch aktiv ist und zur Opposition gehört, hatte er Angst vor einer Verhaftung. Einmal entgeht er ihr nur durch Zufall. In Aleppo herrschen Willkür und Chaos, die Verhältnisse sind nicht mehr durchschaubar.

„Wir hatten ein Leben dort“, sagt der 53-Jährige. Er hat zuletzt im Finanzamt gearbeitet, seine Frau ist Lehrerin. Die Kinder bekommen Musikunterricht. Die Flucht sei der letzte Ausweg gewesen, das Überleben der Familie zu retten. Die Fahrt mit dem Auto bis an die Landesgrenze – rund 60 Kilometer entfernt – dauert 14 Stunden; mit dabei neben den kleinen Kindern ist auch die alte Mutter. Nach einem Zwischenstopp geht es nach Istanbul. Um niemanden zu gefährden, sollen keine Details genannt werden. Die abenteuerliche Reise endet schließlich am Flughafen Hannover, wo Familie Clemens sie abholt und nach Hameln bringt. Sie kommen aus einer 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt. „Where are the people? Wo sind die Menschen?“, lautet die erste Frage nach der Abfahrt von der Autobahn. Alles erscheint so anders. Ein neues Leben, eine neue Welt – zunächst standen sich Fremde gegenüber. Bald sollten beide Familien merken, dass ihre Kulturen gar nicht so verschieden sind. Das Essen aus ihrer Heimat, das Kulstan für alle kocht, schmeckt besonders. Mittlerweile steht meist sie in der Küche.

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  • Es gibt viel zu besprechen, notfalls wird mit den Händen geredet: Kulstan Hsso (li.) und Mechthild Clemens. geb (2)

Um seinem Bruder zu helfen, hatte Walid Rash Kontakt zu Mechthild Clemens aufgenommen. Er kennt die Kreistagsabgeordnete der Grünen durch die Politik. „Wir wollten, dass die Familie ins Bundesprogramm aufgenommen wird, bei dem die Betroffenen nicht wie Asylbewerber behandelt werden, sondern ein zweijähriges Bleiberecht haben, das auch meist verlängert wird, wenn bestimmte Bedingungen wie das Erlernen der Sprache eingehalten werden. Das Programm ist allerdings überbucht“, so die Hamelnerin, die „zu viel Bürokratie“ in den Verfahren kritisiert; meist dauere es lange, bis die Flüchtlinge mit den Sprachkursen starten können.

300 Unterschriften für eine Petition wurden gesammelt, Unterstützung kommt von vielen Seiten. Familie Clemens nimmt die Syrer im eigenen Haus auf, weil der Bruder nicht genug Platz hat; die fünf Personen bewohnen die ehemaligen Zimmer der erwachsenen Clemens-Kinder. „Die sind auf unserer Linie“, sagt Guntram Clemens. Susanne (32), Stephan (30) und Juliane (27) sind da, als die Flüchtlinge ankommen. Auch Behördengänge und der gesamte Papierkram wird vom Ehepaar Clemens erledigt, sie bringt den syrischen Kindern erste Wörter bei.

Die haben sich schneller eingelebt als die Eltern, auch wenn Rodi sich manchmal noch vor den Flugzeuggeräuschen fürchtet. „Das war die Realität, die die Kinder erlebt haben“, sagt Mechthild Clemens. Rodi geht in den Kindergarten, Rojda und Roni besuchen die Basbergschule, sie haben Freunde. Dass er seinen Kindern bei den Hausaufgaben nicht mehr helfen kann, belastet den Vater. Er will die Sprache so schnell wie möglich lernen und eine Arbeit finden. Zurück in ein normales Familienleben. Weit weg von der Heimat.



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