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Drei Frauen helfen Flüchtlingen mit Rat und Tat im Alltag

Geld und Wohnung reichen nicht

Hessisch Oldendorf. Flüchtlingswellen, die nicht abreißen, Flüchtlingsdramen, die sich abspielen. Hinter diesen Worten stecken Menschen. In einer Serie stellt die Dewezet Flüchtlinge vor. Und die, die ihnen helfen. So wie Cevahir Aydin, Sahibe Aydin und Alia Hammoud.

veröffentlicht am 12.08.2015 um 17:06 Uhr

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Autor:

von annette hensel

Ein Junge weint mitten in der Nacht. Er hat enorm hohes Fieber. Seine Familie ist neu in der Stadt, verfügt weder über Telefonbuch noch Medikamente und schon gar nicht über Kenntnisse der deutschen Sprache. „Mitten in der Stadt klingelte die Mutter bei uns, war voller Sorge um ihren Sohn und bat mich, sie und ihn ins Krankenhaus zu fahren“, erzählt Cevahir Aydin (31). Sie bringt die beiden nach Hameln, wartet mit der völlig aufgelösten Mutter, steht ihr zur Seite. Ein anderes Mal erhält die Flüchtlingsfamilie ein Schreiben, dass sie abgeschoben werden soll. „Da saß die Mutter bei mir, hat von ihren Ängsten erzählt und dass sie doch schon alles in ihrer Heimat verloren habe – und ich habe einfach zugehört, sie beruhigt und später einen Anwalt vermittelt“, sagt sie.

„Jeder, der neu

irgendwohin kommt, braucht Unterstützung“

Wenn neue Flüchtlingsfamilien in die Stadt ziehen, bekommt die breite Öffentlichkeit davon so gut wie nichts mit. Flüchtige Begegnungen finden höchstens in Geschäften oder im Rathaus statt. Mitarbeiter der Verwaltung, die „Hessisch Oldendorf hilft“ - Initiative (HOH) und Integrationslotsen versuchen, Hilfsmaßnahmen zu strukturieren, organisieren und durchzuführen. Doch die Sprachbarriere erschwert das Miteinander. Genau hier kommen Nachbarn der Neuankömmlinge ins Spiel, die mitunter einst selbst als Migranten gekommen sind und nun erkennen, wenn Unterstützung benötigt wird. Stellvertretend für all die tatkräftigen ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer im Hintergrund stehen Cevahir und Sahibe Aydin sowie Alia Hammoud.

Cevahir Aydin ist gebürtige Türkin und kam mit zwei Jahren nach Hessisch Oldendorf. „Am Anfang ist das Schwerste für Flüchtlinge, dass sie die Sprache nicht verstehen“, erklärt sie und fährt fort: „Wer hier neu ist, muss immer andere fragen, die seine Sprache sprechen – und manchem ist das einfach unangenehm, weil er glaubt damit zur Last fallen.“ Als Kind hat sie über Fernsehen, Bücher und Kontakt zu Nachbarn Arabisch und Kurdisch gelernt. Heute ist es ihr dadurch möglich Fremde anzusprechen, bei denen sie das Gefühl hat, sie brauchen Hilfe. „Das sieht man oft an ihren Augen“, meint sie und ergänzt: „Uns verbindet unser andersartiges Aussehen, auch an mich ist auf der Straße schon jemand herangetreten und hat um Unterstützung gebeten.“

Sie erinnert sich an ein Stadtfest, als sie an einem Autoscooter auf eine Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan stieß. „Ich bekam mit, dass der Junge so gerne mitfahren wollte, die Familie aber nicht genügend Geld hatte – und da ich gerade eine Zehnerkarte gekauft hatte, habe ich der Familie einige Fahrten abgegeben“, so Cevahir Aydin und fügt hinzu: „Die Mutter hat vor Freude fast geweint.“

Dann berichtet die gelernte Krankenschwester vom Einzug einer syrischen Flüchtlingsfamilie im Hause ihrer Schwägerin Sahibe. „In der Wohnung, die sie bezogen, war nur das Notwendigste, es fehlte Bettwäsche und Kleidung – die haben wir ihnen von uns gegeben“, sagt sie und fährt fort: „Ich habe sie zu uns zum Essen eingeladen, zum Rathaus und zur Schulanmeldung begleitet. Bei Sahibe konnten sie ihre Wäsche waschen und sie hat auch einen schicken Schulranzen gekauft, weil die Tochter so unglücklich war, dass sie als einzige bei ihrer Einschulung nur einen Rucksack trug.“

„In der Anfangszeit habe ich die syrischen Kinder immer zur Schule gebracht, die Lehrer haben dann mir Bescheid gegeben, wenn etwas anlag“, berichtet Sahibe Aydin (30) und fährt fort: „Als Nachbarin ist es für mich selbstverständlich, der Familie zu helfen.“ Die zweifache Mutter kennt das Gefühl sich in einem fremden Land niederzulassen und niemanden zu verstehen nur zu gut: „Ich kam im Jahr 2000 nach Deutschland, habe das alles selbst durchgemacht, aber ich hatte meine Großfamilie um mich, das hat vieles erleichtert“, sagt sie und fügt hinzu: „Trotzdem ist es ganz schön schwierig sich einzuleben.“

Dass Fremde Hilfe brauchen, „sieht man

oft an ihren Augen“

Alia Hammoud reiste 1986 aus dem Libanon ein und fand die ersten Monate in der Stadt ebenfalls sehr schwer. „Aber mir hat eine Deutsche geholfen, mit der ich auf Englisch kommunizieren konnte“, berichtet sie. Schon seit vielen Jahren übernimmt es die heute 54-jährige, Neuankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Sie erzählt: „Als ich letzte Woche einkaufen ging, fragte mich ein 22-jähriger: Sprechen Sie Arabisch?“ Ein Mann habe ihm den Tipp gegeben, sie anzusprechen, fügt sie hinzu. Der Libyer war mit seiner Schwester ganz neu in der Stadt und benötigte Hilfe in behördlicher Hinsicht. „Also habe ich ihn zum Rathaus begleitet, übersetzt, seine Adresse notiert und ihn und seine Schwester am gleichen Abend in ihrer Wohnung besucht“, sagt Alia Hammoud. Mittlerweile hat sie mit den Geschwistern ein Konto eingerichtet, ihnen Arztpraxen und Geschäfte gezeigt und gerade erst frisch geerntete Bohnen aus ihrem Garten vorbeigebracht. „Jeder, der neu irgendwohin kommt, braucht Zuwendung und Unterstützung – ich mache das, was benötigt wird, sehr gerne“, sagt die zweifache Mutter und dreifache Großmutter und betont: „Die Flüchtlinge bekommen hier Geld und eine Wohnung für ihren Start, aber um auf eigenen Beinen zu stehen, muss ihnen schon auch gezeigt werden, wo und wie sie alles finden können.“

Mitunter fragt die Hessisch Oldendorfer Verwaltung bei Alia Hammoud an, ob sie dolmetschen könne, ihre Tochter hilft beim Ausfüllen von Formularen für Behörden und auch ihre Nichte engagiert sich, wenn Bedarf ist. „Ich habe heute zwei Heimaten, das wünsche ich den Flüchtlingsfamilien für ihre Zukunft auch“, sagt Hammoud.



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