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In Emmerthal lernen Flüchtlinge die Grundzüge der Alltagsverständigung

Alltagshilfe in der Fremde

Emmerthal (ms). Beim Bäcker ein paar Brötchen bekommen, dem Arzt klarmachen, welcher Zahn gerade schmerzt oder überhaupt erst mal mit dem Bus dorthin kommen. Sich in einem fremden Land zurechtfinden, ist nicht einfach. Erst recht, wenn man dessen Sprache nicht versteht, in manchen Fällen nicht mal deren Buchstaben lesen kann. Damit sich Flüchtlinge, die aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt nach Emmerthal gekommen sind, hier auch zurechtfinden, will ihnen eine Gruppe engagierter Einwohner helfen.

veröffentlicht am 18.08.2015 um 16:08 Uhr

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Die mittlerweile 14 ehrenamtlichen Helfer haben einen Sprachkurs organisiert, der viel mehr vermitteln will als nur die deutsche Sprache. „Wir wollen im unmittelbaren Lebensumfeld Orientierung geben und typische Alltagssituationen auf Deutsch verständlich machen“, lautet die Beschreibung im Kurs-Flyer. „Sprechen ist dabei das A und O. Das muss man in der Schule, beim Arzt, beim Einkaufen oder im Verkehr. Die Menschen müssen einfach wissen, was andere von ihnen wollen“, sagt Werner Fürst. Er ist einer der Initiatoren des Angebots und organisiert für die Kursteilnehmer auch schon mal einen Zahnarzttermin, wenn sie es noch nicht selbst können. Dabei sei es allerdings nicht so einfach Ärzte zu finden, die bereit sind, sich den Problemen bei der Kommunikation zu stellen.

Die Verständigung untereinander ist auch im Kurs schwierig. Die Helfer sprechen nicht die unterschiedlichen Muttersprachen der Flüchtlinge und von den Emmerthalern hat nur Reinhild Bartels eine pädagogische Ausbildung. Die Mitinitiatorin des Kurses war vor ihrer Pensionierung Lehrerin. Alle anderen Helfer tun ihr Bestes, um den Flüchtlingen die nötigsten deutschen Sprachfertigkeiten zu vermitteln. Für den Unterricht nutzen die ehrenamtlichen Sprachlehrer Tafelbilder und Lernmaterialien. Eigentlich wollten sie die staatlichen Unterlagen aus dem Grenzdurchgangslager Friedland verwenden, doch die seien unbrauchbar. „Was aus dem Ministerium gekommen ist, ist viel zu schwer und umfangreich“, moniert Bartels. In einem Fernsehbericht hörte sie von einem Buch „Deutschkurs für Asylbewerber“ nach dem Tannhauser Modell. Das haben die Emmerthaler Helfer extra bestellt. Darin wird die deutsche Sprache in vielen Bildern erklärt. Das sei in der Praxis wichtig. Genau, wie die ständige Wiederholung des Lernstoffs. „Es hört sich heute so an, als ob sie alles könnten, aber morgen ist es wieder weg“, berichtet Mitinitiatorin und Gemeinderätin Irmgard Lohmann aus ihrer Erfahrung. „Etwas zu hören und es anschließend selbst artikulieren zu können, das ist das Hauptproblem.“

In einfachen Sätzen lernen die Flüchtlinge beispielsweise die Wochentage, eine Uhrzeit anzugeben oder auszudrücken, wo sie herkommen: „Ich komme aus dem Irak“ spricht es Helferin Christa Heinemeyer vor. „Das Wort Irak braucht im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland immer ein ‚der‘ oder ‚dem‘ davor.“ – Deutsche Sprache, schwere Sprache.

Eigentlich war es nur als ein Kurs während der Sommerferien gedacht, denn viele Flüchtlingsfamilien kommen sonst mit der deutschen Sprache über ihre Kinder in Kontakt, die zur Schule oder in den Kindergarten gehen. Doch seit Anfang des Kurses ist die Zahl der Helfer gestiegen. Viele Emmerthaler wollen sich einbringen. Daher gibt es Überlegungen den Kurs fortzuführen. Dann eventuell an fünf Tagen in der Woche statt bisher vier. Durch den Kurs lernen die Menschen, die ihre Heimat verloren haben, nicht nur die Helfer aus Emmerthal besser kennen, sondern haben auch Kontakt zu anderen Flüchtlingen, die mit ihnen Schicksal und Erfahrungen teilen.

„Acht bis zehn Flüchtlinge kommen im Schnitt zu den 45-minütigen Kursen“, erzählt Fürst. Sofern diese nicht gerade einen Termin beim Arzt oder Sozialamt haben. Wenn einige allerdings ohne Entschuldigung wegbleiben oder gar nicht mehr kommen, dann sei das für ihn schon ein enttäuschendes Gefühl, gesteht Fürst ein. Diejenigen Teilnehmer zumindest, die regelmäßig kommen, bestätigen, dass ihnen der Kurs gefällt. Für eine differenzierte Aussage mangelt es allerdings noch an Sprachfertigkeit.

An seine Gemeinde hat der engagierte Emmerthaler Werner Fürst einen Wunsch: „Die Hilfe für die Flüchtlinge müsste besser organisiert werden, weil sich doch viele hier einbringen wollen.“ Das könne allerdings nicht der einzelne Gemeindemitarbeiter leisten, der die Arbeit mit den Flüchtlingen zusätzlich aufbekommen habe, und auch dem Bürgermeister könnte man das alles nicht aufdrücken. Ein zentraler Anlaufpunkt, der wäre allerdings schön.



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