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Plädoyer gegen ein Denktabu: Warum über einen Neubau diskutiert werden muss

Rathaus, was nun: Sanieren oder abreißen?

Hameln. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt einmal formuliert. Aber der Altkanzler stand auch nie vor einer „Teeküche“ im Hamelner Rathaus. Man entdeckt sie in Miniaturformat, eingelassen in einen Wandschrank, der ein klaus-trophobisch enges Büro noch enger aussehen lässt. Und doch wirkt dieses Büro irgendwie heimelig, verglichen mit dem Tunnelgang dorthin, der unweigerlich an einen Luftschutzkeller denken lässt.

veröffentlicht am 01.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 24.05.2013 um 13:19 Uhr

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Autor:

Frank Werner

Es mehren sich die Stimmen, die sagen, dass die geplante Sanierung dieses Rathauses, die sieben Millionen Euro verschlingen soll, ohne an den desolaten Zuständen etwas zu ändern, ihr Geld nicht wert ist. Sieben Millionen Euro fast nur für Brandschutz und neue Fahrstühle, das ist zum Fenster herausgeworfenes Geld.

Und je tiefer die Planer in die Details vordringen, wie jüngst bei der Neukonzeption der Fahrstühle im Hochhaus, desto deutlicher kündigt sich an, dass es bei sieben Millionen nicht bleiben wird.

Seitdem macht das Wort „Kernsanierung“ die Runde. Wenn schon sanieren, dann richtig, sagen die Befürworter der „großen Lösung“, bei der auch Büros neu zugeschnitten und die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Das alles jedoch unter den Beschränkungen, die von den vorhandenen Gebäuden auferlegt werden. Und mit Kosten, die weit jenseits von zehn Millionen Euro liegen dürften.

Das ist der Konsens, bei dem Verwaltung und Politik inzwischen angekommen sind. Eher zaghaft, unentschlossen, ohne Verve. Denn die Verhältnismäßigkeit von Aufwand und Ertrag erscheint auch in dieser Variante fragwürdig. Bei Licht betrachtet wird dasselbe Thema diskutiert, nur auf höherem Niveau.

Noch aber traut sich niemand, dem Unbehagen radikal abzuhelfen und den einmal eingeschlagenen Weg, nämlich Stückwerk zu vermeiden, konsequent zu Ende zu denken. Die Alternative zur Sanierung wird meist verworfen, ehe sie ausgesprochen ist: Man könnte das Rathaus auch abreißen und neu bauen.

Eine Vision eben.

Ist sie im Ansatz realistisch? Vergessen wir Helmut Schmidt für eine Minute und gehen der Frage nach.

Auf stolze 21 Millionen Euro beziffert ein Gutachten aus dem Jahr 2010 die Investition für einen Neubau, ganz zu schweigen von den Abbruchkosten, die obendrauf kämen. Als „nicht zielführend“ hat Mehrheitsgruppen-Sprecher Claudio Griese diese Option deshalb verworfen

Doch muss es am Ende wirklich so teuer werden? Die Berechnung beruht auf einem Worst-Case-Szenario: Im Rathaus bleibt alles wie es ist. Den Status quo an Mitarbeitern und Bürofläche einfach fortzuschreiben, ist aber nicht das Ziel der Mehrheitsgruppe, denn die Verwaltung soll schlanker werden. Sie muss schlanker werden, will die Stadt finanziell überleben. Und jetzt fängt der Gedanke an einen Neubau an, spannend zu werden.

Den Bauplänen müsste ein Leitbild „Verwaltung 2020“ vorausgehen, das definiert, wie die Behörde in Zukunft aussehen soll, welche Aufgaben sie stemmt und wie viel Personal dafür benötigt wird.

Fest steht schon jetzt: All die Parallelstrukturen, die sich Stadt und Landkreis leisten, ergeben in der Summe erhebliches Potenzial zur Behörden-Diät. Vom Rechnungswesen bis zur Schulträgerschaft könnten Stadt und Landkreis gemeinsame Sache machen und dadurch Personal einsparen. Das Rathaus der Zukunft könnte so mit erheblich weniger Raumbedarf auskommen.

Darüber hinaus könnte die Verwaltung Abteilungen auslagern – nicht versprengt über das Stadtgebiet, sondern einen Steinwurf entfernt in das Gebäude der ehemaligen Landeszentralbank. Über 1000 Quadratmeter Nutzfläche warten hier auf einen Mieter.

Noch ein anderer Teil des Rathauses ließe sich an einem neuen Standort denken: Der Sitzungssaal könnte im Hochzeitshaus eingerichtet werden. Das wäre mehr als ein Umzug, es wäre ein Gewinn an Bürgernähe und Repräsentationsqualität.

Macht man ernst mit der Verschlankung und Verlagerung der Verwaltung, könnte das neue Rathaus einige Etagen kleiner ausfallen. Die Kostendifferenz zwischen Neubau und Kernsanierung würde überschaubar. Oder wäre gar nicht mehr existent, ersetzte man etwa nur das Hochhaus durch einen kleineren Anbau.

Gegen eine Sanierung, egal in welcher Form, sprechen noch zwei weitere grundlegende Argumente.

Zum einen ändert eine Sanierung nichts daran, dass die Gebäude im Kern marode sind und deren Instandhaltung zum dauerhaften Kostenfresser wird. Undichte Decken, lecke Abwasserrohre und ein verschimmelter Aktenkeller, der nur unter Atemschutz zu betreten ist – das alles hat das Rathaus schon hinter sich. Aber was kommt als Nächstes? Heizung und Elektrik sind von moderner Technik so weit entfernt wie die verwinkelten Hochhaus-Büros vom Bürger. Jede Investition in die vorhandenen Gebäude bleibt deshalb Flickschusterei. So als wollte man einen Schrottplatz sanieren.

Zum anderen wird es keiner Sanierung gelingen, aus dem alten BHW-Grundriss eine funktionale, den Anforderungen einer Verwaltung des 21. Jahrhunderts entsprechende Innenarchitektur zu zaubern. Das Rathaus ist für lange Wege, fehlende Konferenzräume und andere raumplanerische Erblasten der 1950er Jahre bekannt. Eine Sanierung ändert daran wenig. Und je ernsthafter sie es versucht, desto weniger unterscheidet sie sich von einem Neubau.

Also am Ende ein kleines, aber feines neues Rathaus? Der Teufel steckt im Detail. Hier geht es lediglich darum, den Denkhorizont zu erweitern, nicht darum, alle Aspekte bis ins Letzte abzuwägen. Es geht um eine Vision.

Aber wer keine hat, sollte nicht in die Politik gehen.



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