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Abzug bis Sommer 2014: Briten enttäuscht und wütend

„Es tut weh, so vor die Tür gesetzt zu werden“

Hameln. Der Einschnitt kommt früher als erwartet: Die meisten Briten werden Hameln bis Sommer 2014 verlassen haben. 735 britische Soldaten sind nach Angaben von Mike Whitehurst von der 1. Britischen Panzerdivision von der Auflösung des 28. Pionierregiments an der Süntelstraße betroffen. Sie und ihre etwa 500 Angehörigen sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Nur einige wenige Soldaten sollen über den übernächsten Sommer hinaus die Stellung halten – allerdings nur so lange, bis alle Liegenschaften an die Bundesbehörden übergeben worden sind.

veröffentlicht am 10.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2013 um 13:35 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann,Thomas Thimm und Karin Rohr

Im Frühsommer bestand noch die Hoffnung, die Briten könnten bis 2020 bleiben, später hieß es dann, das Regiment werde nicht vor 2015 abgezogen – nun kommt das Aus bereits 2014. Vor gut 20 Jahren waren noch rund 3500 britische Soldaten in Hameln stationiert, seither ist die Zahl kontinuierlich gesunken.

In der Vergangenheit hatte sich auch Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister immer wieder für den Verbleib der Briten in Hameln eingesetzt. Der CDU-Politiker, väterlicherseits selbst mit britischen Wurzeln, war bei der Londoner Regierung vorstellig geworden, um sich für die niedersächsischen Standorte der britischen Armee einzusetzen und deren Abzug zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern. Dass der Abzug aus Hameln nun sogar noch vorgezogen wird, wollte die Staatskanzlei in Hannover gestern nicht kommentieren, stattdessen wurde auf die Zuständigkeit des Innenministeriums verwiesen.

Der Frust unter den Hamelner Soldaten ist groß. „Mit der Moral ist es bei uns nicht mehr weit her“, sagt ein junger Corporal, der seinen Namen nicht nennen will. „Ein Scheißladen ist das geworden“, schiebt er verärgert hinterher. „Ja, wir sind sehr wütend“, sagt ein Unteroffizier. Bereits im Juli, als die Nachricht von der Auflösung des im April 1970 in Hameln gegründeten „28 Engineer Regiment“ erstmals die Runde machte, war die Stimmung in der Kaserne auf einen Tiefpunkt angelangt: „Denen da oben geht es doch nur ums Geld. Unsere Tradition ist den Politikern völlig egal.“ Der Standort Hameln kostet den britischen Steuerzahler 24 Millionen Euro pro Jahr. Das sagt Whitehurst auf Anfrage der Dewezet.

„Die sparen sich auf unsere Kosten gesund. Hauptsache, die Bücher sind in Ordnung. Um mehr geht es doch nicht“, sagt ein Sergeant. Und ein junger Wasserpionier meinte: „Dass die unser Regiment einfach ausradieren, ist extrem unfair. Behandelt man so Menschen, die für ihr Land im Krieg ihre Köpfe hinhalten und ihr Leben riskieren? Die Antwort ist: Nein!“ Nach Hameln versetzt zu werden, war früher für die meisten britischen Soldaten „wie ein Lotteriegewinn“, erzählt ein Veteran. „Das war eine gute und schöne Versetzung. Denn so einen tollen Standort gibt es nicht noch einmal auf der Welt.“

Es gibt Frauen und Männer in Uniform, die glauben: „Die da oben tun in letzter Zeit alles, um uns loszuwerden.“ Früher sei man bei Verfehlungen gemaßregelt worden. „Man hat das intern geregelt. Heutzutage wirst du sofort gefeuert, auch, wenn du nur ein bisschen Mist gebaut hast.“ Whitehurst hat dafür eine Erklärung: „Schon möglich, dass einige Soldaten so empfinden. Richtig ist: Früher war das so, heute lässt sich so nicht mehr verfahren – die britische Justiz und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hätten etwas dagegen.“

Die nächste Entlassungswelle soll kurz bevorstehen. Im Januar, heißt es, würden viele Soldaten gekündigt. Entsprechend groß ist die Angst, den Job bei der Armee zu verlieren. Aus Kostengründen werden die britischen Landstreitkräfte verkleinert. „Bis 2020 sollen 20 000 Soldaten entlassen werden“, berichtet Whitehurst. Die angepeilte Sollstärke liege bei 82 000. Nach dem Plan des Verteidigungsministeriums in London sollen – so Whitehurst – 17 Bataillone gestrichen und sogar historische Regimenter mit jahrhundertelanger Geschichte aufgelöst werden. So auch das 28. Pionierregiment in Hameln mit dem Spitznamen „The Rubber Ducks“ („Gummi-Enten“).

Viele Soldaten und ihre Familien sind traurig. „Hameln ist für uns zu einer zweiten Heimat geworden. Es tut weh, auf diese Weise vor die Tür gesetzt zu werden“, sagt die Ehefrau eines Soldaten. Ein Sergeant, der mit einer Deutschen verheiratet ist, meint: „Viele von uns haben deutsche Ehefrauen. Kann sein, dass etliche in Hameln bleiben und versuchen werden, hier einen Job zu finden.“ Die meisten Königlichen Pioniere aus Hameln werden wohl auf andere Einheiten verteilt. Ihr Können und ihre Fahrzeuge werden offenbar nicht mehr gebraucht. Dabei sind die in Hameln stationierten Pioniere nach Angaben von Whitehurst die Einzigen in der britischen Armee, die über Amphibienfahrzeuge verfügen.

Fest steht schon jetzt: Die Deutschen werden den Abzug zu spüren bekommen: Der wirtschaftliche Beitrag der britischen Streitkräfte – einschließlich der Kaufkraft der Soldaten und ihrer Familien – lag 2007 in Niedersachsen bei etwa 210 Millionen Euro jährlich. Seitdem sind die Zahlen rückläufig. Vor allem der Handel, das Handwerk und die Gastronomie werden den Abzug der Briten aus Hameln wirtschaftlich spüren.

Der Truppenabzug hat übrigens auch Konsequenzen für den „Deutsch-Britischen Club“ in Hameln. Auf der Website verabschiedet sich der britische Vorsitzende John Cargill: „Dies wird mein letztes Informationsrundschreiben als Vorsitzender des British-German Club sein. Meine Zeit hier in Hameln geht leider zu Ende“, schreibt er. „Wir hatten viele schöne Stunden zusammen.“



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