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Hamelner Sportverein trennt sich von Kinderturn-Trainerin mit rechtsextremer Vorgeschichte

„Führende Aktivistin“

HAMELN. Die Hamelnerin Sabrina D. ist keine Unbekannte in der rechtsextremen Szene Niedersachsens. Zuletzt tauchte das Bild der jungen Frau aber in anderem Zusammenhang im Internet auf: Sie leitete die Kinderturngruppen eines Hamelner Sportvereins. Sie sei aus der rechten Szene ausgestiegen, ließ D. über ihren Anwalt mitteilen.

veröffentlicht am 18.01.2017 um 18:41 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Als eins von vier „exemplarischen Beispielen“ aus Niedersachsen wird Sabrina D. in der Broschüre „weiblich . selbstbewusst . rechts“ aufgeführt. Herausgeben hat diese 2015 das „Zentrum Demokratische Bildung“ in Wolfsburg. Landessozialministerin Cornelia Rundt (SPD) hat das Vorwort geschrieben, ihr Ministerium Geld gegeben. Sabrina D. sei eine „führende Aktivistin“, „Mitbegründerin einer Terrororganisation“ und „gewaltbereit“ ist dort zu lesen.

Laut der Broschüre – Redakteurin ist die Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke – war Sabrina D. Mitglied der inzwischen verbotenen Organisation „Besseres Hannover“, die unter anderem an die damalige niedersächsische Innenministerin Drohvideos schickte. Laut Innenministerium bestanden Verbindungen zu Helfern der NSU. Nach dem Verbot war D. demnach Mitbegründerin der neonazistischen Kameradschaft „Weisse Wölfe Terrorcrew“ (WWT), die als äußerst radikal und gewaltbereit gilt. Die Organisation, die seit März vergangenen Jahres ebenfalls verboten ist, soll nach Angeben des Recherche-Kollektivs Correctiv Anschläge auf Flüchtlingsheime geplant haben.

Doch damit soll es nun vorbei sein: „Ich habe mit alldem nichts mehr zu tun“, lässt sie über ihren Anwalt Roman von Alvensleben ausrichten. Ein Bild, auf dem sie mit der schwarz-weiß-roten Flagge des Deutschen Reiches posiert, das bis vor Kurzem etwa auf der Website der rechtsextremen „AG Weserbergland“ zu sehen war, sei „mehrere Jahre alt“. Doch es gibt auch aktuellere Bilder: Im Internet ist D. bei diversen Kundgebungen der rechten Szene zu sehen, eines wurde noch im Juni 2016 bei einem Nazi-Aufmarsch in Dortmund aufgenommen.

Zwei Monate später tauchte ein Bild von D. in anderem Zusammenhang im Internet auf: Ein Hamelner Sportverein präsentierte Anfang September 2016 nach langer Suche eine neue Leiterin für das Kinderturnen: Sabrina, wie sie auf der Website des Vereins nur genannt wurde, leitete als Honorarkraft verschiedene Turngruppen für Kinder im Alter ab vier Jahren. Doch damit ist nun Schluss: Der Verein hat die junge Frau dieser Tage aufgrund ihrer Nähe zur Neonazi-Szene entlassen. Dass Sabrina D. lange in der Szene aktiv war, habe man nicht gewusst, sagt der Sportvereinsvorsitzende.

Ein echter Ausstieg von Sabrina D. aus der rechten Szene wird von Kennern der Szene bezweifelt. Dagegen spreche etwa ihr offenbar aktives Facebookprofil, das sie im Oktober – also erst nach ihrem Start beim Kinderturnen – eingerichtet hat, sagt eine Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt in Braunschweig. Dort gab D. ihr „gefällt mir“ beispielsweise für die Seiten „Freundeskreis rechts“, den Materialdienst der NPD und den Rapper und Neonazi „Makss Damage“, der als sein Vorbild Holocaust-Leugner Horst Mahler nennt.

Ein echter Ausstieg bedeutet für den Göttinger Rechtsextremismus-Experten Professor Samuel Salzborn, dass der Aussteiger mit bestimmten Gruppierungen nichts mehr zu tun hat, sich von seinem alten Freundeskreis komplett gelöst hat und keine Kontakte mehr – auch nicht über Facebook – zur rechten Szene unterhält und zudem begriffen hat, dass das rechte Weltbild grundsätzlich falsch ist.

Für den Verein ist die Vergangenheit der jungen Frau ein ausreichender Grund, einen Schlussstrich zu ziehen. Schließlich sei man ein Verein, der Integration lebe, sagt der Vorsitzende. Sabrina D. sei traurig, dass ihr Trainerjob wegen der „alten Geschichte“ gekündigt wurde, lässt sie über ihren Anwalt mitteilen.

Arbeitsrechtlich ist die Entlassung kein Problem: Als kleiner Betrieb mit weniger als zehn Vollzeitarbeitsplätzen kann der Verein selbst entscheiden, wen er einstellt oder – fristlos – entlässt, einen Kündigungsschutz gibt es nicht. So einfach läuft das nicht immer: In Lüneburg durfte eine Erzieherin, die in die rechtsextreme Szene verstrickt war, 2010 trotz massivem Protest der Eltern nach einem Urteil des Landgerichts weiterarbeiten. „Der Arbeitgeber ist keine Gedankenpolizei“, sagt Arbeitsrechtler Dieter Magsam.

Ein moralisches Urteil zu fällen über das, was ein Arbeitnehmer in seiner Freizeit tut, solange es legal ist, hat mit der Arbeit erst mal nichts zu tun – auch wenn es sich um so einen sensiblen Bereich wie Kindererziehung oder -betreuung handelt. Rassistische Äußerungen auf Facebook rechtfertigen nur dann eine Kündigung, wenn sich aus dem Facebook-Konto ergibt, dass der Arbeitnehmer bei dem Arbeitgeber beschäftigt ist und die Äußerung ruf- und geschäftsschädigend sein könne, heißt es in einem Urteil des Arbeitsgerichts Mannheim.



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