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Auf den Spuren von Ernst-August Wehmer, dem „Rotzkotz“-Sänger und Musicland-Betreiber

Der Punk-Pionier vom Plattenladen

HAMELN. In den Musikabteilungen von Elektromärkten liegt heute zwar auch wieder Vinyl aus. Mit dem Charme der Plattenläden von einst haben sie jedoch nichts gemein. Fachsimpelei, Geheimtipps und von Zigarettenrauch vergilbte Wände sind in Großmärkten nicht zu erwarten. Das war bei Express Music beziehungsweise Musicland in der Fischpfortenstraße 26 noch anders. Was viele Kunden damals nicht wussten: Der langjährige Betreiber Ernst-August Wehmer war selbst Musiker. Mit der Band „Rotzkotz“ veröffentlichte er 1979 eines der ersten deutschen Punk-Rock-Alben. In Internetforen fragen sich manche seiner Kunden bis heute, was aus ihm geworden ist. Die Dewezet hat ihn ausfindig gemacht und sich mit ihm getroffen.

veröffentlicht am 16.08.2018 um 14:32 Uhr
aktualisiert am 20.08.2018 um 15:01 Uhr

Ernst-August Wehmer mit zwei Freundinnen vor dem Plattenladen an der Ecke Fischpforten-/Kupferschmiedestraße. Foto: E.-A. Wehmer/pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Ernst-August Wehmer sitzt im Park Café vor den Herrenhäuser Gärten im Schatten der Bäume und wartet. Er wartet auf seinen Jugendfreund und einstigen Band-Kollegen Horst Illing – und auf die Lokalzeitung aus der kleinen Stadt, die zehn Jahre lang seinen Lebensmittelpunkt bildete. Von 1986 bis 1996 betrieb der Hannoveraner in Hameln einen Plattenladen. Musikliebhaber von Rock, Metal, Wave, Punk, zu einem kleinen Teil sogar von Rap, wurden bei Express Music/Musicland in der Fischpfortenstraße 26 fündig, fachsimpelten mit „Ernst“, wie ihn die meisten seiner Kunden ansprachen, ließen sich beraten.

An diesem heißen Juli-Tag trägt Wehmer eine braungetönte Sonnenbrille, Schiebermütze und eine Weste, beides in Schwarz, beides aus Leder. Unter der Weste ein buntes, kurzärmliges Hemd, am Handgelenk eine goldene Uhr, kurze, beigefarbene Hosen an den Beinen. Wehmer spricht langsam – die Folge zweier Schlaganfälle. „Aber der Kopf geht noch richtig“, sagt der 67-Jährige. Aus einem Jutebeutel holt er alte Fotos von sich und dem Plattenladen sowie einen Artikel aus dem „Hamelner Markt“ hervor und legt sie auf den Tisch. Er trinkt einen Pott Kaffee mit Milch und Zucker, steckt sich eine Zigarillo an, „eine von nur noch vier, fünf Stück am Tag“, wie er sagt.

,Much Funny‘ war eine der wichtigsten Scheiben der Punkbewegung und eine der geilsten Platten aller Zeiten.

Manfred Schütz, Musikunternehmer

Mit dem Fahrrad kommt sein Jugendfreund Horst Illing angeradelt. Er ist 66 Jahre alt, hat graues Haar und stechend-blaue Augen. Er trägt ein gestreiftes Hemd und Jeans und bestellt sich ein alkoholfreies Weizenbier. Illing nennt Wehmer „Ernest“, Wehmer ihn wiederholt „Quertreiber“.

1981 erschien das zweite und letzte Album von Rotzkotz: „Lebensfroh + farbenfroh“.
  • 1981 erschien das zweite und letzte Album von Rotzkotz: „Lebensfroh + farbenfroh“.
Jugendfreunde und Bandkollegen: Ernst-August Wehmer (li.) und Horst Illing. Foto: pk
  • Jugendfreunde und Bandkollegen: Ernst-August Wehmer (li.) und Horst Illing. Foto: pk
Der Plattenladen an der Ecke Fischpforten-/Kupferschmiedestraße. Foto: E.-A. Wehmer/pr
  • Der Plattenladen an der Ecke Fischpforten-/Kupferschmiedestraße. Foto: E.-A. Wehmer/pr
„Ich bin ein Mischwesen“, sagt Ernst-August Wehmer, „ein Zwitter: Schlagzeuger und Sänger.“ Foto: E.-A. Wehmer/pr
  • „Ich bin ein Mischwesen“, sagt Ernst-August Wehmer, „ein Zwitter: Schlagzeuger und Sänger.“ Foto: E.-A. Wehmer/pr
„Much Funny“, das erste Album von Rotzkotz aus dem Jahr 1979.
  • „Much Funny“, das erste Album von Rotzkotz aus dem Jahr 1979.
1981 erschien das zweite und letzte Album von Rotzkotz: „Lebensfroh + farbenfroh“.
Jugendfreunde und Bandkollegen: Ernst-August Wehmer (li.) und Horst Illing. Foto: pk
Der Plattenladen an der Ecke Fischpforten-/Kupferschmiedestraße. Foto: E.-A. Wehmer/pr
„Ich bin ein Mischwesen“, sagt Ernst-August Wehmer, „ein Zwitter: Schlagzeuger und Sänger.“ Foto: E.-A. Wehmer/pr
„Much Funny“, das erste Album von Rotzkotz aus dem Jahr 1979.

Die beiden lernten sich mit etwa 15 in einer Jugenddisko in der Schmiedestraße kennen. Wehmer trommelte auf dem Tresen herum, so kam Illing, der Gitarre spielte, mit ihm ins Gespräch. „Ich bin Schlagzeuger“, habe Wehmer gesagt. Bei sich zuhause präsentierte er Illing dann sein Schlagzeug: aus Dosen zusammengebaut, mit Stricknadeln als Drumsticks. Damit war der Grundstein für die Band Rotzkotz gelegt. Sie gründete sich 1976 mit Wehmer als Sänger – anstatt als Drummer.

Drei Jahre später war die Gruppe drauf und dran sich aufzulösen, als die englische Band Pop Rivets bei „Boots“, einem Plattenladen in der Eckerstraße, aufschlug und mit Verkäufer Uli Scheibner ins Gespräch kam. Kurz darauf, an Pfingsten 1979, fand sich Rotzkotz – nunmehr mit Scheibner als Bassisten – in einem Londoner Vorort im Studio der Pop Rivets wieder und nahm dort an knapp drei Tagen ihr erstes, noch englischsprachiges Album „Much Funny“ auf. Zurück in Hannover ließen sie das Album pressen und legten es bei Boots aus, wo es sich schnell verkaufte. Das habe Manfred „Typhus“ Schütz – gemeinsam mit Wolfgang Küster Inhaber von Boots – registriert und sich hinter den Vertrieb geklemmt.

Mit Erfolg. Die Plattenfirma EMI wurde auf Rotzkotz aufmerksam, lud sie ein. Im Kölner EMI-Studio nahmen sie die Single „Kein Problem“ auf. „Wir waren in Studio 2 und in Studio 1 nahm Heino auf“, erzählt Illing. „Das war für uns eine so andere Welt, wie wir es für die Toningenieure waren.“ Die Single erschien über das EMI-Sublabel Weltrekord und befand sich dort mit Bands wie Fehlfarben in guter Gesellschaft. Doch Rotzkotz war sich nicht einig, in welcher Richtung sie weitermachen sollte. Am Ende entschied sich die Band gegen die EMI. Daraufhin sei EMI-Chef Horst Lüdtcke nach Hannover gekommen, habe der Band einen Briefumschlag mit knapp 18 000 D-Mark auf den Tisch gelegt und einen Kompromiss vorgeschlagen: Ihr nehmt noch eine Single bei der EMI auf, die A-Seite in Hannover – ganz nach Gusto von Rotzkotz –, die B-Seite in Köln. Rotzkotz winkte ab. „Mit wehenden Fahnen gingen wir zu No Fun Records“, sagt Illing. Dort veröffentlichten sie 1981 ihr zweites Album „Lebensfroh + farbenfroh“. No Fun Records gehörte Hollow Skai aus Hannover, um den Vertrieb kümmerte sich wieder Manfred Schütz.

Heute sind Wehmer und Illing nicht gut auf die beiden zu sprechen. „Das waren Falschspieler“, sagt Illing. Hollow Skai, der „Punk-Papst“, wie Illing ihn ironisch nennt, habe ihnen „reingequatscht“, sie dürften „Punk nicht verraten“, und so zu seinem Label gelockt. Und Manfred Schütz habe sie bei den Albumabrechnungen über den Tisch gezogen, „statt 10 000 Exemplare nur 1000 abgerechnet“, sagt Illing. Die Band habe alles selbst machen und bezahlen müssen – bis zur Pleite. Bei der EMI hingegen, meint Illing heute, hätte sich Rotzkotz musikalisch noch weiterentwickeln können.

„Dass Rotzkotz die EMI verließ, war allein ihre Entscheidung“, sagt Autor und Journalist Hollow Skai gegenüber der Dewezet. No Fun habe sie aber mit offenen Armen empfangen. „Sie standen sich eben immer selbst im Weg, und deshalb haben sie auch nie überregionale Bedeutung erlangt“, meint Skai. „Irgendeinen Grund gab es immer, etwas nicht zu tun.“ Vielleicht ist da was dran. An diesem Tag im Park Café jedenfalls kritisiert Illing Wehmer dafür, sich nach dem zweiten Album nicht weiter mit dem Synthesizer Korg MS-20 beschäftigt zu haben, Wehmer dagegen bezeichnet Illings an Rotzkotz anschließendes Musikprojekt „Bizarre Leidenschaften“ als „Fehler“.

Manfred Schütz, Gründer des Musikvertriebs SPV und Chef der Plattenfirma Music in Germany (MIG), nimmt es sportlich. Stückzahlen, wie sie Illing erwähnt, hätten sie damals noch gar nicht verkauft. „Vollkommener Bullshit“ sei das. „Wir waren Freunde“, sagt er im Gespräch mit der Dewezet. „,Much Funny‘ war eine der wichtigsten Scheiben der Punk-Bewegung und eine der geilsten Platten aller Zeiten.“ Aber auch für ihn persönlich sei die Platte wichtig gewesen, wie er sagt. Sie war sein Sprungbrett in den Musikvertrieb. Wie auch immer.

Bis heute wurde „Much Funny“ mehrmals neuveröffentlicht. Bezeichnend: Ausgerechnet die EMI-Single „Kein Problem“ wurde später von den „Ärzten“ gecovert. Für Hollow Skai sei die Single die „beste Platte“ von Rotzkotz gewesen. „Lebensfroh + farbenfroh“ blieb ihre letzte Veröffentlichung.

Ein paar Jahre später, 1986, übernahm Wehmer den Plattenladen Express Music/Musicland in Hameln. „Das sind schöne Jahre gewesen, aber dann ging‘s bergab“, erzählt er. Gegen die Großmärkte und Mailorder sei er nicht angekommen. Als er 1994 nach einem Eigentümerwechsel die Fischpfortenstraße verlassen musste und in den Zehnthof 2 zog, an den „Arsch von Hameln“, wie er später dem „Hamelner Markt“ erzählte, wurde es nicht einfacher. 1996 gaben Wehmer und sein Geschäftspartner Claus Welsch auf. „Dann hab ich die Schnauze voll gehabt“, sagt Wehmer. Was das heiße? „Hartz IV“, antwortet er.

Während Illing heute das Erbe von Rotzkotz pflegt, alte Aufnahmen überarbeite, will Wehmer davon nichts mehr wissen. „Das ist Vergangenheit“, sagt er. Das einzige, was er heute noch höre, seien die Beatles.

Information

Musicland

Der Plattenladen Express Music in der Fischpfortenstraße 26 geht laut Manfred Schütz auf Walter Plischke aus Hildesheim zurück, der dort bereits ein Geschäft gleichen Namens betrieb, noch in den 1970ern. Als Plischke sein Geschäft aufgab, hätten Schütz und sein Geschäftspartner Wolfgang Küster, die in Hannover bereits „Boots“ betrieben, die beiden Läden übernommen. Betrieben wurde der Laden in Hameln von Heinz „Otti“ Otremba. 1983 stieg Schütz bei Boots aus, woraufhin Küster die Plattenläden, die es inzwischen in einem guten Dutzend von Städten gab, unter dem Namen Musicland fortführte. Das Hamelner Geschäft hieß nun Express Music/Musicland. Küster war der Schwager von Ernst-August Wehmer. So ergab es sich, dass Wehmer 1986 zu der Stelle bei Musicland in Hameln.pk



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