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Nur Stadthagen verfügt über politisches Gremium für Migranten – andere Kommunen halten es nicht für nötig

„Wozu einen Integrationsbeirat?!“

Stadthagen/Landkreis. Schaumburg ist bunt, weil es in allen Kommunen und Gemeinden Migranten gibt, die das gesellschaftliche Bild vom Landkreis maßgeblich mitprägen – ethnisch, kulturell und religiös. Einen Integrationsbeirat als Mittler zwischen Verwaltung und Politik auf der einen Seite und den Bürgern auf der anderen Seite gibt es allerdings nur in Stadthagen. Die anderen Gemeinden sehen keine Probleme und daher auch keinen Bedarf für einen Integrationsbeirat. Aber ist das tatsächlich so – oder schauen sie nur weg?

veröffentlicht am 27.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Auf der Internetseite der Kreisstadt ist über den Integrationsbeirat zu lesen: „Stadthagen ist eine weltoffene Stadt, die allen Menschen, gleich welcher Herkunft, eine gute Heimat sein will.“ Die Integration der Migranten sei deshalb eine Aufgabe von großer Bedeutung.

Mit 21,26 Prozent hat Stadthagen in Schaumburg prozentual den größten Bevölkerungsanteil von Migranten: Offiziell hat jeder fünfte der 22 240 Stadthäger einen Migrationshintergrund. Die Kreisstadt liegt damit voll im Bundestrend.

„Mit dem Integrationsbeirat wollen wir zeigen, dass wir offen sind“, sagt Iris Freimann, die Stadthäger Fachbereichsleiterin der Bürgerdienste und Administratorin des Integrationsbeirats, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir wollen Willkommenskultur leben.“

In der Praxis sieht das so aus: Der Beirat hat eine beratende Funktion für die Verwaltung und einen ständigen Sitz im Ausschuss für Soziales, Sport und Kultur. Das teilnehmende Beiratsmitglied hat Rederecht, um Belange mit einbringen zu können und aus dem Beirat zu berichten. Ferner ist der Beirat Ansprechpartner für Fragen rund ums Thema Integration, beteiligt sich an Veranstaltungen und Projekten, wie dem Interkulturellen Frauenfrühstück, Schwimm- und Fahrradkursen für Frauen mit Migrationshintergrund oder dem Kulturfest „fisKuß“, stellt Kontakte her und vermittelt zwischen Verwaltung, Schulen und Bürgern.

Die Idee für den Beirat geht ins Jahr 2004 zurück. Damals war man von einem Migrantenanteil von 15 Prozent ausgegangen, schildert Freimann, die erst vor wenigen Jahren nach Stadthagen kam. Die Migranten seien als ein wesentlicher Bevölkerungsanteil erkannt worden, der Beachtung verdient und dem ein Forum geboten werden sollte. Aus einem Arbeitskreis Integration ging zwei Jahre später schließlich der Integrationsbeirat hervor.

Freimann zitiert aus dem ersten Sitzungsprotokoll des Beirats: „Ziel ist die gleichberechtigte Teilhabe aller am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben. Der Integrationsbeirat setzt sich für ein gutes Miteinander von Einheimischen und Migrantinnen und Migranten ein.“

Der Beirat ist politisch und religiös unabhängig, wird alle zwei Jahre gewählt und besteht aus 20 eherenamtlichen Mitgliedern – mit und ohne Migrationshintergrund. „Der Beirat ist nicht nur auf Migranten ausgerichtet“, merkt Freimann an. Gleichwohl handelte es sich bei den Mitgliedern zunächst größtenteils um Vertreter der örtlichen Religionsgemeinschaften, Sozialeinrichtungen und Vereine.

Das war zu Beginn auch durchaus so gewollt, um erst mal Kontakte zu knüpfen, schildert Freimann. Aber dann habe man festgestellt, dass ganze Bevölkerungsgruppen nicht erreicht wurden: Nämlich die, die nicht organisiert sind. Das habe sich auch in einer nachlassenden Beteiligung am Beirat niedergeschlagen. 2011 wurde sogar seine Auflösung diskutiert – mit dem Ergebnis, den Beirat auch für Einzelpersonen anstatt nur Vereinsvertreter zu öffnen. „Dadurch ist es gelungen, den Beirat wieder gut zu beleben“, befindet Freimann.

Die große Herausforderung ist inzwischen eine andere: Kaum jemand weiß, dass es den Integrationsbeirat überhaupt gibt, sagt die derzeitige Vorsitzende Rabia Yasar. Aber das soll sich ändern. „Wir wollen aktiver werden. Im Frühjahr 2015 wollen wir uns am Wochenende auf dem Marktplatz mit einem eigenen Stand der Öffentlichkeit vorstellen“, kündigt Yasar an. Denn dass Menschen von sich aus auf den Beirat zukämen, das sei selten. Daraus abzuleiten, dass kein Bedarf an einem Integrationsbeirat gibt, liegt Yasar fern. „Der Beirat ist für Stadthagen sehr wichtig: Er zeigt, dass man sich zusammensetzen und etwas verändern kann.“

Die Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen durch den Landkreis Schaumburg und die damit verbundene Unterbringung von ihnen in privaten Unterkünften stellen den Integrationsbeirat vor eine weitere Herausforderung.

In anderen Städten Schaumburgs hingegen hält man einen Integrationsbeirat in der eigenen Kommune nicht für nötig. „Bei uns gibt es keine Schwierigkeiten mit Integration“, sagt Oliver Schäfer, Bürgermeister von Obernkirchen. Die Bergstadt mit ihren 9335 Einwohnern hat einen Migrantenanteil von offiziell 12,10 Prozent (1129). Schäfer verweist auf die größte Migrantengruppe in Obernkirchen: die Italiener. „Wir haben schon seit vielen Jahren ein sehr gutes, nachbarschaftliches Verhältnis miteinander.“ Auch mit den Russlanddeutschen, Türken und Kurden, die in der Bergstadt leben, gebe es keine Probleme.

Keine Notwendigkeit für einen Beirat sieht man auch in Bückeburg, wo offiziell 12,73 Prozent der 18 964 Einwohner ausländische Wurzeln haben. „Es gab bislang kein Anliegen, einen Integrationsbeirat zu schaffen“, sagt Bürgermeister Reiner Brombach im Telefongespräch mit dieser Zeitung. Integrationsfragen würden politisch im Familien- und Sozialausschuss erörtert. Ferner werde insbesondere durch die Bürgerinitiative gegen Fremdenfeindlichkeit „Alle unter einem Dach“ sichergestellt, dass Bückeburgs „nicht nur bunt ist, sondern auch bunt bleibt“.

Rinteln hat nach Stadthagen den prozentual zweitgrößten Migrantenanteil. Von den 27 168 Einwohnern haben offiziell 4119 ausländische Wurzeln, das entspricht 15,16 Prozent. Aber auch hier sieht man keinen Bedarf für einen Integrationsbeirat. „Es gibt hier offensichtlich keine Integrationsprobleme“, glaubt Rintelns Erster Stadtrat Jörg Schröder. Davon abgesehen gebe es ja den Ausschuss für Soziales, Jugend, Frauen und Integration, eine enge Zusammenarbeit mit der Türkisch-Islamischen Gemeinde sowie eine Integrationslotsin im städtischen Familienzentrum. Darüber hinaus mutmaßt Schröder: „Manche Migranten wollen kein Problemkind sein, sind gut integriert und sagen sich: Wozu einen Integrationsbeirat?!“

Zwei Paar Schuhe? Integration scheint in den meisten Schaumburger Kommunen nicht viel mit Integrationspolitik zu tun zu haben.

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