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Polizisten mit ausländischen Wurzeln sind in Schaumburg gefragt – als Dolmetscher und Ermittler

Wenn der Kommissar russisch spricht

Landkreis. Eine Schlägerei unter Russlanddeutschen, Drogenhandel in den Händen südosteuropäischer Banden, illegal eingereiste Flüchtlinge aus Asien, Afrika oder dem Nahen Osten – fast immer gibt es Sprachprobleme, und die erschweren der Polizei die Arbeit erheblich. Denn oft muss bei Einsätzen ein Dolmetscher mit ran.

veröffentlicht am 04.09.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.09.2014 um 12:49 Uhr

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Autor:

Dietrich lange

Besser ist es da, die sprachliche und kulturelle Kompetenz in den eigenen Reihen zu haben. Das Land Niedersachsen wirbt deshalb verstärkt um Migranten für die Polizeiausbildung. Und die ersten dieser Ordnungshüter sind nun auch im Landkreis Schaumburg tätig; einer bereits in Bückeburg, ein zweiter ab dem 1. Oktober in Rinteln.

„Der war ganz normal in der Verteilung, das war Zufall“, erklärt Dienstleiter Arno Hansing vom Polizeikommissariat Bückeburg über seinem Kollegen mit kasachischen Wurzeln. „Einfluss hatten darauf nicht.“ Kommissariatsleiter Wilfried Korte aus Rinteln sagte schon vor Wochen: „Wenn so ein Beamter zu uns will, dann gerne.“ Seine Stellvertreterin Daniela Kempa meldet nun, dass der Wunsch sich erfüllt: „Wir bekommen einen Kollegen mit russisch-ukrainischem Hintergrund.“

Sonst sind Polizisten mit Migrationshintergrund bisher in Schaumburg noch Mangelware. Stadthagens Kommissariatsleiter Wolfgang Kanngießer stellt fest: „Der Anteil dieser Polisten entwickelt sich. Deutschrussen waren da anfangs besonders ehrgeizig, bei Türkischstämmigen blieb der Anteil gering. Und ein Problem ist: Wenn junge Leute zu uns kommen, bleiben sie nur dann länger, wenn sie im Schaumburger Land ihre Wurzeln haben. Wir könnten ohne Frage mehr solcher Kollegen brauchen, denn ohne sie kommen wir in Fällen mit Migranten über die Sprache oft nicht weit. Aber es ist immer die Entscheidung des Bewerbers. Wir hatten schon mal jemanden zur Kommissarsausbildung hier, und das war ein absoluter Zugewinn.“

Im Bereich der Polizeiinspektion Nienburg-Schaumburg gibt es bereits zehn dieser Beamten, darunter zwei Frauen. Hinzu kommen drei Beschäftigte mit Migrationshintergrund, sagt Polizeisprecherin Gabriela Mielke. Vier Polizisten sprechen Kasachisch, je einer Ungarisch, Türkisch, Kroatisch, Polnisch und Niederländisch. Bei den Beschäftigten ist der Migrationshintergrund kasachisch, türkisch und polnisch. Mielke: „Die Beamten versehen ihren Dienst in Nienburg, Stolzenau, Bückeburg und Marklohe. Die Beschäftigten sind in Nienburg und Bad Nenndorf tätig. Das Alter reicht von 23 bis 52 Jahre. Und Probleme gab es mit keinem von ihnen.“

Bückeburgs Dienstleiter Hansing sorgt sich allerdings, wenn ein Polizist mit Migrationshintergrund von seinen Landsleuten zum Beispiel bei einer Demonstration erkannt wird. „Da weiß man nicht, wie dann reagiert wird.“ Ohnehin wollen die Polizisten mit Migrationshintergrund nicht auf den Präsentierteller, sehen sich als Polizeibeamte wie andere auch – qualifiziert und nicht wegen einer etwaigen Quote eingestellt.

Aber wie sieht es mit der Nachwuchsgewinnung aus? Zuständig ist dafür die Polizeiakademie Niedersachsen mit ihren Standorten in Nienburg, Oldenburg und Hann. Münden. Dort müssen angehende Polizisten ein dreijähriges Bachelorstudium absolvieren.

Der Anteil der Studenten mit Migrationshintergrund stieg von 4,4 Prozent in 2007 (23 Personen) auf 11,56 Prozent (212) in 2013. Eingestellt wurden 2011 noch 73, davon 66 Absolventen, für die beiden nächsten Jahre waren jeweils 77 anvisiert.

Der weitaus größte Teil von ihnen kommt dann zunächst für ein Jahr zur Landesbereitschaftspolizei, erst danach in die Kommissariate, sagt Nicole Barthel von der Pressestelle der Polizeiakademie. „Die Ausbildung ist für alle Studierenden gleich, und Inhalte zur interkulturellen Kompetenz werden in unterschiedlichen Modulen vermittelt.“

Die Polizeiakademie wirbt inzwischen auch gezielt um junge Menschen mit Migrationshintergrund. Die Nachfrage ist groß und vielfältig. Barthel: „In diesem Jahr hatten wir Bewerber aus 86 Nationen, die meisten mit Hintergrund aus der Türkei, Polen, Russland, Kasachstan und der Ukraine.“

Geworben wird mit Flyern, Anzeigen (auch zweisprachig), Plakaten, Kinospots und Messeauftritten. Dann sind erfolgreiche Polizisten mit Migrationshintergrund als Beispiel und Berater dabei.

Auch die Elterngeneration soll zunehmend erreicht werden, um den Kindern eine Ausbildung bei der Polizei nahezulegen. Barthel: „Die Homepage www.polizei-studium.de ist teilweise mehrsprachig gestaltet, und in Kürze wird auch das Erklärvideo über den Polizeiberuf und das Bewerbungsverfahren in mehreren Sprachen zum Download zur Verfügung stehen. Für 2014 haben wir ein neues Plakat entworfen, das sowohl die Vielfalt des beruflichen Alltags und der beruflichen Möglichkeiten darstellen soll als auch die gewünschte Vielfalt der Polizeibeamten selbst.“

Die Polizeikommissariate fragen nur vereinzelt bei ihren Direktionen nach Migranten, und suchen sie nur Dolmetscher, dann wird eher auf eine vom Landeskriminalamt geführte Datei zurückgegriffen. Barthel erklärt dazu: „Der Bedarf orientiert sich unter anderem an den regionalen Erfordernissen der Polizeiarbeit und zum Teil auch an den Bevölkerungsanteilen. Bei der Einstellung wird nicht nach Nationalitäten differenziert ausgewählt, sondern in einem gemeinsamen Auswahlverfahren mit den Bewerbungen ohne einen Migrationshintergrund nach dem Prinzip der Bestenauslese.“



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