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Migration im Kindergarten, oder: „Mein Papa hat gesagt, dass du mir gar nichts zu sagen hast“

Viele Nationen, viele Kulturen

Auetal. Es liegt schon ein paar Jahre zurück. Der Vater mit Migrationshintergrund, der morgens sein Kind in der Kindertagesstätte abgegeben hatte, stellte sich anschließend an den Zaun des Dorfplatzes und beobachtete mit Argusaugen, wie sein Nachwuchs erzogen und bespielt wurde. Und wenn ihm etwas nicht passte, dann ging er kurzerhand in die Kindertagesstätte und informierte die Erzieherinnen darüber, was sie so alles falsch machten. Bis den Vater die damalige Kindergartenleiterin Beate Schürmann aufklärte: „Hier drinnen gibt es nur einen Chef. Und der bin ich.“

veröffentlicht am 11.10.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

von Frank Westermann

Soll heißen: Bei der Migration spielt nicht nur die Sprache eine Rolle, sondern auch die Rollenverteilung in den Familien. Wer als Sohn daheim aufwächst und schon mit drei Jahren gelernt hat, dass die Mama immer alles aufräumt, was der kleine Prinz achtlos liegen lässt, der wird auch im Kindergarten erst einmal Schwierigkeiten haben, die Autorität der (zumeist) weiblichen Erzieher anzuerkennen; vom Vater, der am Zaun wacht, ganz zu schweigen. Das klingt dann so: „Mein Papa hat gesagt, dass du mir gar nichts zu sagen hast.“

Der Hintergrund des Gespräches mit der Familienstättenleiterin ist ein aktueller: Zuwanderer schicken ihre Kinder nur halb so oft in Krippen wie die übrigen Eltern, hat jetzt eine Untersuchung ergeben. Von den zugewanderten Eltern geben nur 14 Prozent ihr Kind vor dem dritten Geburtstag zur Betreuung in fremde Hände, dabei würden sie gerade vor allem sprachlich davon profitieren; von den übrigen Müttern und Vätern waren es 2011 30 Prozent.

Und längst ist aus Studien bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund, die erst spät oder gar nicht in die Kita gehen, häufig in ihrer Schullaufbahn weniger erfolgreich sind. Der häufigste Grund: Probleme mit der deutschen Sprache. So haben etwa türkischstämmige Kinder, die mehr als drei Jahre im Kindergarten waren, nur zu 19 Prozent entsprechenden Förderbedarf – diejenigen, die nur ein Jahr dort waren, dagegen zu 61 Prozent.

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Migranten stellen keine homogene Gruppe dar, hier treffen viele unterschiedliche Kulturen, Religionen, Werte, Vorstellungen, Geschlechtsrollenbilder und Erziehungsstile aufeinander. Die Kinder stehen dadurch oft vor der Herausforderung, sich zu integrieren, aber trotzdem der eigentlichen Heimat treu bleiben zu wollen. Und das stellt nicht nur die Eltern, sondern auch die Kindergärten vor Hindernisse und Verständigungsprobleme.

Es sind auch unterschiedliche pädagogische Vorstellungen, die in der Kindertagesstätte aufeinanderprallen können, erklärt Beate Schürmann, und nimmt als Beispiel eine türkische Familie, die aus ihrer Heimat die Institution Kindergarten kaum kennt und auch andere Vorstellungen davon hat, wann ein Kind die Familie verlassen soll. Der Schwerpunkt in der Erziehung der Kleinkinder in einer türkischen Familie bestehe darin, eine gute und enge Beziehung zwischen Eltern und Nachwuchs aufzubauen – und das geschieht daheim, nicht in der Kindertagesstätte.

Die Erziehung wird

von den Eltern immer stärker delegiert

Ein kurzer Blick zurück klärt, wohin der Weg führen wird: In den 1960er Jahren war der Ehemann in aller Regel Alleinverdiener und arbeitete pro Woche 48 Stunden. Heute sind Mann und Frau zusammen durchschnittlich mehr als 70 Stunden pro Woche berufstätig; die Zeit, die sie mit ihrem Kind verbringen können und in der sie ihren Familienpflichten nachkommen können, ist also drastisch gesunken. So müssen Eltern ihre Kinder immer früher und immer länger von Erzieherinnen und Tagespflegepersonen betreuen lassen – und haben immer weniger Zeit für ihre Kinder und deren Erziehung. Die Folge: In Zukunft werden viele Kleinkinder also das Krabbeln, Laufen und Sprechen nicht mehr zu Hause, sondern in Kitas oder Tagespflegestellen lernen. Und umgekehrt gilt: Je früher Eltern ihr Baby einer Kindertageseinrichtung oder Tagespflegestelle anvertrauen, desto weniger Zeit bleibt ihnen, ihr Kind und seine Bedürfnisse wirklich kennenzulernen. Diese zunehmende Delegation von Erziehungsverantwortung seitens der Eltern an Erzieherinnen und Tagespflegepersonen sieht auch Beate Schürmann: „Wir müssen mit einem Rundum-Paket, mit dem passenden Angebot und entsprechender Flexibilität reagieren.“

Zurück zum Thema Migration, das in den Kindertagesstätten mit 125 Kindern keine ganz große Rolle spielt, wie die Leiterin erklärt, häufig hat nur ein Elternteil einen Migrationshintergrund. „Wir versuchen, sie einzubinden“, sagt Beate Schürmann und verwiest auf die Nachmittagsangebote. Wenn also der musikalische Nachmittag anstehe, „warum sollten die Eltern dann gehen? Besser ist es, wenn sie bleiben und mitmachen.“ Und nicht zuletzt das gehörte Repertoire mit nach Hause nehmen, denn wer in der Generation der 20- und 30-jährigen Eltern kennt heute noch Kinderlieder? Die Familien müssten an den Entwicklungsprozess ihrer Kinder herangeführt werden, sagt sie, und: „Kinder haben ein Recht auf ihre Eltern.“ In diesem Punkt sieht sie Familien mit Migrationshintergrund ein bisschen im Vorteil: Dort würde man im Allgemeinen mehr gemeinsam unternehmen, man sie mehr zusammen, auch wenn die Werte und Normen ein bisschen anders seien. Aber je länger die Zuwandererfamilien hier leben, desto mehr nähern sich jedoch die Vorstellungen an die hiesigen an. Bereits in der zweiten Generation gebe es in der Einstellung zur Kita-Betreuung bei Familien mit Migrationshintergrund kaum noch einen Unterschied zur Gesamtbevölkerung. Wobei Beate Schürmann die Grenzen weit fassen würde: „Es gibt ja auch Migrationsfamilien, in denen Vater und Mutter einen deutschen Pass haben.“

Vielleicht hilft der Blick auf die Statistik: 28 Prozent der Kinder, die eine Kita besuchen, haben einen Vater oder eine Mutter mit ausländischer Herkunft. Sie haben einen „Migrationshintergrund“. In 60 Prozent der Familien wird vorrangig nicht Deutsch gesprochen. Es sind viele Nationen und Kulturen, aus denen die Kinder kommen.

Der erste Anlaufpunkt

außerhalb des Elternhauses

Aber: Nur acht Prozent der Erzieherinnen und Erzieher haben einen Migrationshintergrund. Bräuchten Kindertagesstätten, wenn sie einen Beitrag zur Integration leisten sollen, nicht mehr Fachpersonal, das selbst die Erfahrung mitbringt, aus einem anderen Land, aus einer anderen Kultur zu kommen und eine andere Sprache zu sprechen? „Das kann durchaus so sein“, sagt Beate Schürmann, „aber das scheitert oft schon am Schulabschluss.“ Aber die Situation fange an, sich zu verändern: Viele Familien mit Migrationshintergrund würden heute größeren Wert auf Bildung und eine gute Ausbildung legen, auch und gerade bei den Mädchen: „Es wird noch eine Generation dauern, dann wird es sich ändern“, ist die Leiterin des Familienzentrums überzeugt. Denn die Aufnahme von Kindern aus Einwanderfamilien stellt auch eine Bereicherung dar, da neue Erkenntnisse gewonnen und Vorurteile abgebaut werden können.

Das würde auch Tanja Büthe als Leiterin der Rehrener Kindertagesstätte so unterschreiben. 65 Plätze gibt es, bis zum Sommer hatten 19 Kinder einen Migrationshintergrund, weil ihre Eltern aus Russland kamen, aus Polen, Kroatien und Mazedonien. „Rehren ist ein Ballungsgebiet“, sagt Tanja Büthe, „mit einer entsprechend hohen Fluktuation.“ Der Kindergarten sei der „erste Anlaufpunkt“ für deren Kinder, um Kontakte außerhalb des Elternhauses zu anderen Kindern zu knüpfen, die deutsche Sprache werde von dem Nachwuchs eher beiläufig gelernt. „Und Kinder lernen schnell“, meint die Kita-Leiterin und erzählt von einem Dreijährigen, der nach vier Monaten mit der deutschen Sprache anfing, seine Mutter zu verbessern: Eltern lernen von ihren Kindern.

Von Problemen könne man nicht sprechen, stellt Tanja Büthe klar, aber Schwierigkeiten gebe es zuweilen doch. Etwa, wenn ein Junge aus einem Haushalt komme, in der die Frau den Mann und dem Sohn jeden Handschlag abnehme und natürlich auch hinter ihnen aufräume. „Dann müssen wir zeigen, wie das geht, wie man einen Teller auch mal wegräumt“. Kinder aus anderen Kulturkreisen, sagt sie, müssten manchmal ganz anders abgeholt werden.

Der Kindergarten ist der erste Anlaufpunkt außerhalb des Elternhauses, an dem Kinder Kontakte knüpfen. Die Sprache ist dabei selten ein Problem, Kinder lernen schnell.

tol



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