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Drei Chorleiter mit osteuropäischen Wurzeln: Musik-Tradition der Herkunftsländer passt gut zu hiesigem Gesang

Vielbeschäftigte Taktgeber

Rinteln/Krankenhagen/Möllenbeck. Singen macht fröhlich und frei, heißt ein Sprichwort. Aber diese Freiheit steht bei jungen Leuten nicht so hoch im Kurs, vor allem wenn es um Singen in traditionellen Chören geht. Namen wie Germania, Eintracht, Polyhymnia oder Immergrün klingen „uncool“. Nachwuchssorgen plagen traditionelle Chöre seit Jahren. Und es wird auch immer schwieriger, Chorleiter zu finden. In diese „Marktlücke“ stoßen zunehmend Chorleiter mit osteuropäischem Migrationshintergrund. Und sie haben Erfolg. Die Chöre sind begeistert. Nur auf junge Leute wirkt das bisher nicht anziehend – ein Wandel bahnt sich aber an.

veröffentlicht am 05.08.2014 um 17:05 Uhr
aktualisiert am 18.09.2014 um 12:46 Uhr

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Autor:

Dietrich Lange

Vor zwei Jahren trat Natalia Olthoff beim MGV Polyhymnia Möllenbeck die Nachfolge von Anke Jennrich an. „Es läuft super, wir haben viel gelernt“, stellt der zweite Vorsitzende Heinrich Requardt stolz fest und meint hoffnungsfroh über die aus der Ukraine stammende Chorleiterin: „Sie bleibt bestimmt, denn sie fühlt sich bei uns wohl.“ 200 Euro pro Monat, gut angelegtes Geld, und nicht billiger als deutsche Chorleiter.

Bernd Requardt, Vorsitzender des Gesangvereins Krankenhagen, ist voll des Lobes über die aus Russland stammende Chorleiterin Rita Lüse und erinnert sich: „Als wir vor 20 Jahren eine neue Leitung suchten, gab es kaum jemand. Unser damaliger Vorsitzender Gerhard Werner hat lange gesucht. Frau Lüse hatte kurz zuvor die Leitung des Kirchenchores übernommen, und wir konnten sie auch für uns gewinnen. Wir kommen super miteinander aus.“

Und was sagen die beiden Frauen selbst? Natalia Olthoff ist seit 1996 in Deutschland und wohnt seit 2011 in Steinbergen. Im Alter von 25 Jahren ist sie aus der Ukraine ausgewandert. Richtig Deutsch lernte sie erst hierzulande, zuerst in Detmold, dann in Bad Eilsen und schließlich in Rinteln. „Ich bin ausgebildete Musikpädagogin, habe Dirigat, Musikgeschichte und Musiktheorie studiert. Mein Abschluss wurde hier zwar anerkannt, aber für den Schuldienst hätte ich ein zweites Unterrichtsfach haben müssen“, erzählt sie.

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Noch mal studieren – nein, Olthoff arbeitete zunächst in Restaurants und einer Bügelfirma, machte sich als Kirchenmusikerin selbstständig, übernahm Chorleitungen, unterrichtete in Musikschulen und bot musikalische Früherziehung in Kindergärten an. Sie übernahm einen Jugendsingkreis und später die Chorgemeinschaft Möllbergen. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda kam es zum Kontakt mit dem MGV Polyhymnia.

Vor vier Jahren heiratete Olthoff, vor einem Jahr kam Sohn Jan auf die Welt. Nach einer kurzen Babypause ist sie nun schon wieder im Geschäft. Auch beim katholischen Kirchenchor St. Maria Hemeringen, der Teil der Pfarrgemeinde St. Sturmius Rinteln ist. Auch dort wurde lange vergeblich eine neue Leitung gesucht. Über Angelika Westphal von der evangelischen Singschule St. Nikolai in Rinteln kam der Kontakt zustande. Bei ihr hatte Olthoff einst in der Flötengruppe mitgewirkt. Mit Olthoff stimmte die Chemie in Hemeringen auf Anhieb. Gerne wurde gewartet, bis die anfangs noch hochschwangere Leiterin ihren Jan geboren und die ersten drei Monate danach gut überstanden hatte.

„Spaß müssen alle haben, aber es muss auch gearbeitet werden – und zwar gründlich“, erklärt Olthoff, die selber auch Klavier spielt. „Manchen passt das nicht, da muss ich Überzeugungskraft haben und mich durchsetzen. Aber wenn der Erfolg sich einstellt, dann hat sich die Arbeit gelohnt. Am besten ist es, wenn der Zuhörer eine Gänsehaut bekommt. Ich lobe deshalb auch gern, um zu motivieren, aber es muss auch lobenswert sein.“

Wenn der kleine Jan erst im Kindergarten ist, will Olthoff wieder mehr Chöre übernehmen und Musikschulstunden geben. Daneben arbeitet sie als Sängerin im Duo „Klassisch populär“ mit einem Shantychor-Leiter aus Porta Westfalica. Von Musical bis Schlager reicht das Repertoire, bei privaten Feiern und Jubiläen ist es bisher gefragt. Mehr darüber unter www.klassisch-populaer.de.

Und ihr Erfolgsgeheimnis? „Wir aus der Ukraine sind sehr musikalisch, bei uns wird schon zu Hause viel gesungen. Diese Tradition passt zu den hiesigen Chören. Und man spürt, dass es bei mir von Herzen kommt. Mit Älteren lässt sich gut arbeiten, Kinder und Jugendliche finden dass eher uncool.“ Aber ihr Sohn lauscht schon aufmerksam, wenn Mama Natalia singt und am Klavier spielt.

Rita Lüse kam 1992 mit ihrem Mann, zwei Kindern und ihren Eltern aus Tscheljabinsk am Ural in Russland nach Deutschland. Ihre Vorfahren waren unter Katharina der Großen aus dem Raum Stuttgart auf die Krim gezogen, wurden im Zweiten Weltkrieg aber zwangsumgesiedelt an den Ostrand Europas. Über das Durchgangslager Friedland kam die Familie nach Rinteln. Die ausgebildete Musiklehrerin und Orchesterdirigentin absolvierte zunächst einen achtmonatigen Sprachkurs für Akademiker in Hannover. Doch Schuljobs bekam sie auch danach nicht. Ihr Mann war als Diplom-Ingenieur für Maschinenbau mit später hier erworbener Managerausbildung bald wieder erfolgreich im Beruf.

Rita Lüse bewarb sich auch bei Kirchengemeinden, spielt sie doch Akkordeon und Klavier. In der Erlöserkirche Krankenhagen wurde gerade eine Kirchenmusikerin für elf Stunden pro Woche gesucht. Lüse bekam den Job, musste nun bei Kreiskantor Wolfgang Westphal erst noch das Kirchenorgelspielen lernen, bestand abschließend die geforderten Prüfungen C und D. Außerdem übernahm sie am 1. Juli 1994 den dortigen Kirchenchor. Sie hatte dort gerade ihr 20-jähriges Dienstjubiläum.

„Und dann rief Gerhard Werner an, ab 1995 leitete ich also zusätzlich den Männergesangverein. Im Herbst 1994 kam der inzwischen aufgelöste Frauenchor der Vereinigten Chöre Rinteln hinzu. Und seit 2002 gebe ich auf Honorarbasis Unterricht für Klavier, Akkordeon und Keyboard an der Kreisjugendmusikschule in Rinteln. Jetzt ist es aber genug, obwohl ich immer noch Anfragen bekomme“, lacht Lüse, die ebenfalls in der alten Heimat mit viel Musik und Gesang groß wurde. „Die Chemie stimmt einfach, es kommt auf die Menschlichkeit an. Und meine Chöre waren am Anfang sehr hilfsbereit, haben mich sogar mit dem Auto zu Proben abgeholt und zurückgebracht“, erzählt Lüse. „Seit der Männergesangverein Krankenhagen von 2012 an auch Frauen aufnimmt und zunächst zum Projektchor wurde, machen wir auch Peppigeres, zum Beispiel von Abba. Fünf Mitglieder des VCR-Frauenchors singen jetzt dort mit. Es geht bei uns aber eigentlich erst ab 55 Jahren los, und ich habe keine Idee, wie man mehr Jüngere bekommt. Wir versuchen zwar, mehr modernere Lieder zu singen, aber gewonnen haben wir dadurch noch niemanden. Mir macht die Chorarbeit jedoch weiter Spaß, sie ist gut für die Seele.“

Der bekannteste und umtriebigste Chorleiter mit osteuropäischem Hintergrund in Rinteln ist Viktor Pidpalyy, der aus der Ukraine stammt. Er leitet unter anderem den Männerchor der Vereinigten Chöre Rinteln, Chöre in Engern und Uchtdorf sowie mit den einst ruhmreichen Weserspatzen auch jüngere Sänger. Zudem gibt der Akkordeonspieler erfolgreich Konzerte mit seiner Lebensgefährtin Frauke Schmidt. Auch mit ihm sind sie überall zufrieden.

VCR-Urgestein Friedrich-Wilhelm Hoppe erinnert sich: „Nach 15 Jahren mit Peter Richter aus Bösingfeld wollten wir einfach mal Neues ausprobieren. Wir lernten Viktor Pidpalyy kennen, und zunächst haben beide zusammen mit uns geprobt, dann kam der ganz natürliche Übergang. Herr Pidpalyy war damals Dozent für das Instrument Bayon aus seiner Heimat. Er ist nicht so pingelig, wir kommen prima mit ihm aus.“ Pidpalyy war wegen Urlaubs für ein Gespräch nicht zu erreichen. Er verfolgt bekanntermaßen sehr gespannt die politische Entwicklung in seiner alten Heimat (wir berichteten). Aber man wird sicher bald wieder von ihm und seinen Chören hören.

Hinweis: Im nächsten Teil unserer Serie „So bunt ist Schaumburg“ geht es um die Arbeit im Flüchtlingscafé in Kleinenbremen. Alle Geschichten der Serie finden Sie im Internet in einem Themendossier auf unseren Premium-Seiten.

Viktor Pidpalyy (l.) leitet mehrere Chöre in Rinteln und gibt auch selber Konzerte, hier mit Frauke Schmidt.

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Natalia Olthoff hat schnell nach der Geburt von Sohn Jan wieder mit dem Musizieren angefangen.



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