weather-image
27°
Serie „So bunt ist Schaumburg“: Von den Schwierigkeiten mit dem Gesundheitssystem

Versichertenkarte?

Landkreis. Der Flüchtlingszustrom in den Landkreis Schaumburg wächst dramatisch. Mit der Pauschale, die das Land Niedersachsen dem Landkreis zur Verfügung stellt – 5900 Euro pro Kopf und Jahr für Wohnung, Nahrung und Krankenversicherung – kommt man nicht sehr weit. Unterkunft, Kleidung und Essen sind aber das kleinere Problem: Die Krankheits- und Behandlungskosten bei Asylbewerbern dagegen sind unkalkulierbar.

veröffentlicht am 12.09.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.09.2014 um 12:49 Uhr

270_008_7427736_lk_arzt.jpg

Autor:

Dietrich lange

Heinz Kraschewski, Leiter des Kreissozialamts sagt: „Zu uns kommen schließlich auch chronisch Kranke und Traumatisierte, gerade aus Kriegsgebieten. Erst am Jahresende können wir schließlich unseren Zuschussbedarf ausrechnen, das ist nicht steuerbar.“

Wie läuft es aber generell mit der Krankenversicherung bei Migranten, die zunächst meist Flüchtlinge, dann Asylbewerber sind? Sonja Braun vom Sachgebiet Leistungsgewährung im Sozialamt erklärt: „Flüchtlinge kommen meist aus den Landesaufnahmezentren Bramsche, Friedland und Braunschweig zu uns. Dort erfolgt schon die amtliche Untersuchung, dann die Verteilung auf die Landkreise. Unser Sozialarbeiter holt sie am Bahnhof ab. Wir stellen bei Bedarf einen Krankenschein aus, damit er zum Arzt gehen kann. Die Arztrechnung geht zur Prüfung an die Kassenärztliche Vereinigung und landet dann zum Bezahlen bei uns.“

Ist ein solcher Migrant nicht erwerbsfähig oder zu alt, dann bleibt er meistens „Kunde“ des Sozialamts. „Er bekommt Grundsicherung statt Rente“, sagt Kraschewski. „Erst wenn eine Aufenthaltsgenehmigung und die Arbeitserlaubnis erteilt sind, wechselt er in unserem Landkreis zum Jobcenter und bekommt seine Leistungen von dort.“

Doch dieser Wechsel ist im Moment langsamer als Menschen, vor allem aus dem Nahen Osten und Osteuropa, nach Schaumburg kommen. Kraschewski: „Wir haben derzeit über 800 Bezieher von Asylbewerberleistungen – und bis zu 20 kommen pro Woche neu dazu.“

Nicht zu diesen Leistungsempfängern zählen übrigens eingeflogene Verletzte, die in deutschen Krankenhäusern behandelt werden. „Da stehen meist Hilfsorganisationen wie das Hammer Forum oder Ärzte ohne Grenzen dahinter, die die Kosten übernehmen. Und nach der Behandlung müssen diese Patienten ja in der Regel auch zurück“, so der Amtsleiter.

Unter den aktuellen Asylbewerbern sind übrigens überwiegend jüngere Männer und Familien mit Kindern. Etwa 50 Prozent kämen aus Ex-Jugoslawien, obwohl deren Erfolgsquote im Asylverfahren mit 0,01 Prozent verschwindend gering sei, so Kraschewski. Der Rest sei breit gestreut von Syrien, Iran, Irak Aserbaidschan und Georgien bis zu asiatischen und afrikanischen Staaten.

„Und wir haben viele Weiterwanderer, die schon in anderen Ländern registriert sind. Das läuft bei der Versorgung zunächst wie bei den anderen, wir müssen aber klären, wo diese Personen bleiben, ob sie zurückkehren in die Heimat oder ins letzte Einreiseland umsiedeln. Aber oft haben diese Personen keine Pässe oder verstecken diese“, berichtet Braun. „Diese Gruppe macht bis zu zehn Prozent unserer Asylbewerber aus.“

Hat das Sozialamt seine Betreuungsphase hinter sich und wechselt der Asylbewerber zum Jobcenter, wird er bei einer Krankenkasse eigener Wahl angemeldet. „Für private Krankenversicherungen reicht das Geld in der Regel nicht“, schränkt Bernd Dittmer, Leiter des Jobcenters Stadthagen, ein. „Aber das klappt reibungslos. Und wird eine Arbeit aufgenommen, überweist der Arbeitgeber die Beiträge an die Krankenkasse. Wie viele Migranten wir unter unseren Betreuten haben, können wir nicht sagen, da auch hier geborene Kinder von Migranten bei uns in diese Kategorie fallen, trotz deutschem Pass. Die Kosten sind nicht getrennt ausweisbar.“

Auf dem weiteren Weg zum Arzt und zu den Krankenkassen nehmen die Probleme ab. Friedrich Schütte (BKK 24) und Stefan Herbst (DAK Stadthagen) erklärten, weder auffällig viele Migranten unter ihren Versicherten zu haben, geschweige denn Probleme. Die Migranten seien willkommen und müssten laut Gesetz aufgenommen werden.

Größtes Problem auf allen drei Ebenen und auch beim Arzt ist die Sprache. Im Sozialamt, im Jobcenter und bei der BKK 24 ist man bereits gewappnet – durch eigene Mitarbeiter mit Migrationshintergrund oder besonders guten Sprachkenntnissen. Erst wird der Dolmetscher aus den eigenen Reihen genommen, hilft das nicht, dann ein kostenpflichtiger von außen. Oder der Migrant bringt gleich einen Übersetzer aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis mit. „Wir haben da eher das Problem, die Handhabung unseres Gesundheitssystems zu erklären, wie zum Beispiel die Versichertenkarte“, sagt Schütte. Das kenne man im Herkunftsland oft nicht.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare