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Ahmet Cetindere, Vorsitzender des Schaumburger Ärztevereins, über Ärzte mit Migrationshintergrund

Patienten auch mal in den Arm nehmen

Landkreis. „Hausärztliche Versorgung akut gefährdet“, „Klinikärzte dringend gesucht“ – Schlagzeilen wie diese bringen auf den Punkt, was immer häufiger als Schreckgespenst durch deutsche Krankenhäuser und ländliche Arztpraxen spukt: Ärztemangel! Immer weniger deutsche Ärzte sind bereit, in der Tretmühle Klinik mit stressigen Bereitschaftsdiensten, immer weniger Zeit für den einzelnen Patienten oder überbordender Bürokratie zu arbeiten oder sich auf dem Land mit einer Hausarztpraxis selbstständig zu machen, wohl wissend, dass sie nie wirklich Feierabend haben und dass die Bezahlung häufig in keinem Verhältnis zu Qualifikation und Arbeitszeit steht. Die entstehenden Lücken schließen immer häufiger Mediziner mit ausländischen Wurzeln oder Zuwanderer aus anderen Ländern, für die eine Arbeit in Deutschland immer noch weit attraktiver ist, als die in der Heimat.

veröffentlicht am 20.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:23 Uhr

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Karsten Klaus Redakteur zur Autorenseite

„Eine echte Chance zur Verbesserung der ärztlichen Versorgung,“ findet Ahmet Cetindere. „Die Welt ist kleiner geworden,“ stellt der Allgemeinmediziner mit türkisch-kurdischen Wurzeln und eigener Praxis in Bad Eilsen fest. Und: „Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft geworden.“ Gerade in den vergangenen zehn Jahren habe die Integrationspolitik große Fortschritte gemacht.

Migranten seien inzwischen auf vielen hoch qualifizierten Arbeitsplätzen anzutreffen, nicht nur in der Medizin. Und dort sähen sie sich nicht als Lückenbüßer, sondern als wichtiger, inzwischen häufig unverzichtbarer und anerkannter Teil unserer Gesellschaft.

Als Vorsitzender des Schaumburger Ärztevereins kennt Cetindere viele Berufskollegen mit ausländischen Wurzeln im Landkreis: „Hoch qualifizierte Mediziner, engagiert, erfolgreich und gut angesehen“. Er schätzt, dass sich in Schaumburg 15 bis 20 Migranten als Fachärzte niedergelassen haben. Dazu gehörten zum Beispiel Internisten, Urologen, Kardiologen, aber auch immer mehr Allgemeinmediziner. Diese hätten ihre Wurzeln unter anderem in Syrien, in der Türkei, in Vietnam, aber auch in Osteuropa. Und es würden ständig mehr. Denn: Auch in Schaumburger Kliniken stellten Migranten inzwischen in manchen Abteilungen bis zu 50 Prozent des ärztlichen Personals. Viele von ihnen strebten keine Klinikkarriere an, sondern hätten den Wunsch, später selbstständig zu praktizieren. Ihr Beitrag auch an der hausärztlichen Versorgung werde in Zukunft ständig steigen.

Doch viele Patienten sind erst einmal skeptisch, wenn der Name ihres Arztes für sie genauso schwierig auszusprechen ist, wie der der Krankheit, an der sie leiden. Oder wenn sie dessen Ausführungen schlicht und einfach nicht verstehen, weil sein Deutsch – vorsichtig ausgedrückt – gewöhnungsbedürftig ist.

Probleme bei der „sprachlichen Kompetenz“ gesteht auch Cetindere in manchen Fällen ein, besonders dann, wenn die Kollegen direkt aus dem Ausland zugewandert sind. Er sieht jedoch Fortschritte, nicht zuletzt durch strengere Zulassungsvoraussetzungen, die auch Sprachprüfungen umfassten. Fachlich, da ist sich der Ärztevereinsvorsitzende sicher, stehen ausländische Mediziner in der Bundesrepublik ihren deutschen Kollegen in nichts nach.

Es gebe jedoch auch noch einen anderen Trend: Immer mehr Töchter und Söhne von Migranten seien im deutschen Schulsystem sozialisiert, machten Abitur und studierten – auch und gerade Medizin. Als Beispiel nennt der Eilsener seine eigenen Kinder. Diese Migranten der zweiten oder gar dritten Generation hätten nicht so sehr mit ihrer Herkunft, sondern mit ähnlichen Problemen wie ihre deutschstämmigen Altersgenossen zu kämpfen. Es gäbe zum Beispiel viel zu wenig Medizin-Studienplätze in Deutschland, auch das sei ein Grund für den zunehmenden Ärztemangel. Doch wie fühlen sich Mediziner mit ausländischen Wurzeln in Deutschland? Werden sie akzeptiert? Wie werden sie von ihren Patienten wahrgenommen, wie nehmen sie ihre Patienten wahr? Zumindest Ahmet Cetindere ist seit vielen Jahren in Deutschland „angekommen“, hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, fühlt sich und seine Familie in Eilsen gut integriert und auch wertgeschätzt. „Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft“, sagt er mit Überzeugung.

Schaumburg empfinde er durchaus als Heimat, sein Geburtsdorf in der Türkei besuche er im Urlaub. Es sei ein Geben und Nehmen: Die Deutschen könnten viel von ihren ausländischen Nachbarn lernen, die Migranten von den Einheimischen. Dafür müsse man aber offen für Bedürfnisse und Befindlichkeiten des anderen sein, auch ganz bewusst auf ihn zugehen. Das gelte natürlich auch für die Migranten: Diese dürften sich nicht in ihrer eigenen kleinen Welt einigeln. Erleichtert werde diese Form der Integration zum Beispiel durch das Engagement in organisierten Gruppen oder Vereinen – dafür müsse auch niemand seine Herkunft oder seine kulturellen oder religiösen Wurzeln verleugnen. Cetindere: „Interkulturelle Begegnung lässt keinen Platz für Fremdenfeindlichkeit!“ Davon werde auch Deutschland, dieses „tolle, schöne Land“, profitieren.

Doch der Weg bis zur Integration ist oft lang und steinig. Cetindere kam 1979 nach dem türkischen Abitur nach Deutschland, seine Eltern lebten bereits als „Gastarbeiter“ hier. Vor dem Medizinstudium in Köln und Essen standen jedoch zahlreiche (bürokratische) Hemmnisse. Da zum Beispiel der türkische Schulabschluss nicht anerkannt wurde, startete seine Karriere in Deutschland erst mal auf dem Studienkolleg. Und nach dem Universitätsabschluss war es noch ein weiter Weg bis zur Arbeitserlaubnis als Arzt.

Wenn Cetindere heute in seiner modernen Praxis in der Bad Eilsener Bahnhofstraße Sprechstunde hält, hat er es gerade bei neuen Patienten noch häufig mit Vorbehalten zu tun. Ein „türkischer“ Arzt? Da leuchten bei einigen, warum auch immer, Alarmlampen auf. Doch spätestens, wenn sie merken, dass der „Doktor“ sie ernst nimmt, Zeit für sie hat, tauen sie auf. Nicht nur als Arzt, sondern auch als Mensch versucht Cetindere zu vermitteln: „Ich bin für Sie da.“

Dabei kämen ihm durchaus südländische Offenheit, Temperament und Herzlichkeit zu Hilfe. Durch seine Art falle es ihm möglicherweise leichter als anderen Kollegen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. „Viele Patienten sind überrascht, wenn der Arzt sie auch mal in den Arm nimmt, sie tröstet oder ihnen Mut macht,“ gibt er die Erfahrungen vieler Kollegen „aus dem Süden“ wieder.

Seine Beobachtung: Patienten suchen nicht nur den guten Arzt, sondern auch den guten Menschen. Da komme ihm persönlich zugute, dass ihm seine Erziehung und sein Glaube Respekt vor jedem Menschen und Toleranz vermittelt haben. Nächstenliebe, Geduld und Bescheidenheit gelten für einen alevitischen Moslem als wichtige Tugenden. Cetindere fühlt sich dem Humanismus verpflichtet: „Wenn wir unseren Patienten helfen können, sind wir selbst glücklich.“



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