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Kathirgamar Kanagarajah besucht Sri Lanka nur noch selten

Nach Tsunami Geld für Schule gesammelt

Krankenhagen. Kathirgamar Kanagarajah ist seit 35 Jahren in diesem Land. Da hat man fast schon Hemmungen, von einem Migranten zu sprechen, obwohl das in der Sache korrekt ist. Kanagarajah sagt dann auch mit berechtigtem Stolz: „Ich fühle mich ganz als Rintelner, das ist meine Heimat.“ Durch seine „Fuß-Fit-Praxis“ in Krankenhagen in der Extertalstraße 9 hat er einen großen Bekanntenkreis und „meine Kunden“, betont Kanagrajah, „sind wie eine Familie für mich“.

veröffentlicht am 14.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.09.2014 um 12:46 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Seine vier Kinder sind inzwischen erwachsen. Beide Töchter sind verheiratet, die Söhne studieren: einer in Paderborn, der andere in Göttingen. Tamilen, sagt Kanagarajah wie als Erklärung, sind „zielstrebige Menschen“.

Integration? War nie ein Thema. Beide Söhne, Lucas und Raphael, waren in Strücken bei der Jugendfeuerwehr und sind 2011 zu Feuerwehrmännern befördert worden. Alle Kinder sind sportlich. Der Name Kanagarajah taucht häufig in den Siegerlisten heimischer Sportvereine auf. Als Raphael Kanagarajah beispielsweise den Fünf-Kilometer-Lauf der Jugend in der Top-Zeit von 19:05 Minuten gewann, schaffte er es mit einem Foto auf die Sportseite unserer Zeitung.

Selbstverständlich habe er noch Kontakte zu Familienmitgliedern in Sri Lanka, erzählt Kanagarajah. Doch persönlich sei er das letzte Mal vor sieben Jahren in seinem Geburtsland gewesen. Es sei einfach emotional zu belastend, es schmerze ihn zu sehr, mit anzusehen, was in diesem Land passiere.

Der Bürgerkrieg sei zwar vor fünf Jahren offiziell beendet worden, doch Tamilen leiden nach wie vor und werden benachteiligt. Noch heute lebe die tamilische Bevölkerung unter schwierigen Bedingungen. Die Armut sei groß, und es fehle an Unterkünften und Einkommensmöglichkeiten.

Aus den Schlagzeilen der Weltpresse ist der Konflikt in Sri Lanka längst verschwunden, verdrängt von den Krisen in der Ukraine, dem Dauerkonflikt um den Gaza-Streifen, dem Gemetzel der radikalen Islamisten im Irak.

Im Mai 2009 hatte die Armee Sri Lankas die letzten von den separatistischen „Befreiungstigern von Tamil Eelam“ (LTTE) kontrollierten Gebiete eingenommen. 100 000 Menschen sind in dem Bürgerkrieg nach UN-Angaben ums Leben gekommen.

Über die Medien verfolgt Kanagarajah immer noch, was in seinem Geburtsland passiert. Dabei hat er sich oft selbst im Rahmen seiner Mittel engagiert, die Not zu lindern. So unter anderem nach dem Tsumami im Dezember 2004 in Rinteln eine Initiative ins Leben gerufen, damit eine zerstörte Schule wieder aufgebaut werden konnte.

So ganz hat er sich allerdings von seinem sozialem Engagement nicht verabschiedet. Das gilt jetzt seiner Heimat Rinteln. So ist er als vom Amtsgericht bestellter Betreuer tätig, kümmert sich um zwei ältere Damen und Tamilen, die inzwischen in einem Altenheim leben. Es ist, wie der Name verrät, ein Ehrenamt, und Kanagarajah betont, die Menschen hier, die Gesellschaft habe ihn voll und ganz akzeptiert, und er wolle damit etwas zurückgeben.

Auch im öffentlichen Leben ist er präsent. So nahm er an einer Podiumsdiskussion über die Verantwortung der Weltreligionen teil, zu der Dr. Peter Neumann vom Förderverein für das Haus der Weltregionen eingeladen hatte.

Kanagarajah ist von Haus aus eigentlich Arzt, Mediziner des Heilverfahrens Ayurveda. Als er nach Rinteln kam, ließ er sich als Pfleger umschulen. Denn bei uns gibt es – anders als in Sri Lanka, Indien oder Nepal – kein Krankenhaus, das Ayurveda-Medizin praktiziert. Er hat zunächst in der Altenpflege gearbeitet, dann eine zweijährige Ausbildung zum Podologen abgeschlossen, Podologie, das ist die Heilkunde am Fuß, in Deutschland ein medizinischer Fachberuf, nicht zu verwechseln mit der rein kosmetischen Fußpflege.

1999 baute er seine eigene Praxis auf, „Fuß-Fit“ in Krankenhagen in der Extertalstraße, die 2009 zehnjähriges Bestehen feierte. Wer bei Kanagarajah Hilfe sucht, braucht einen Termin: „Wir sind auf Monate ausgebucht.“ Zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen behandelt Kanagarajah Patienten von 9 bis 97 Jahren – so alt ist derzeit sein ältester Patient. Der größte Kreis besteht aus Diabetikern, die an Nervenschäden und Durchblutungsstörungen leiden. Doch jeder Mensch, sagt Kanagarajah, kann Fußprobleme bekommen, wie die allseits bekannten eingewachsenen Nägel. Auch Sportler gehören zu seinen Kunden.

Zum Abschluss des Gespräches überrascht Kanagarajah mit der Feststellung, dass es allein im Landkreis Schaumburg etwa 50 tamilische Familien gibt, so gut wie alle integriert und mit bürgerlicher Existenz. Schaumburg ist bunt, man sieht es immer wieder.

Kathirgamar Kanagarajah arbeitet als Podologe in seiner eigenen Praxis in Krankenhagen. Im Vordergrund ein wichtiges Arbeitsgerät: eine Lupe, unter der er auch kleinste Verletzungen und Risse an einem Fuß erkennen kann. wm



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