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Fruttuoso Piccolo – ein Leben zwischen politischem Wirken und kreativer Kraft

„Man muss Verantwortung für sich übernehmen“

Eilsen. Bewegte Zeiten waren das, als das Handwerkerkind Fruttuoso Piccolo sich aufmachte, fern der ländlich geprägten Heimat im Nordosten Italiens fremde Welten zu erkunden. Das lateinische Verb „migrare“ bedeutet auf Deutsch (aus-)wandern. Aufbruchstimmung herrschte damals ohnehin unter den Jugendlichen der westlichen Hemisphäre: Die Hippiegeneration der späten 1960er Jahre hatte Blumen, andere Substanzen, die Gedanken an Solidarität, Liebe und Frieden und vielerlei sonstige Träume in den Köpfen hinterlassen, auch politische Utopien. Vom Zeitgeist infiziert, machte man sich auf zu neuen Ufern. Die der Leine sollten es für Fruttuoso Piccolo werden.

veröffentlicht am 29.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 15:07 Uhr

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Thomas Meinecke Redakteur zur Autorenseite

Daheim die ländliche Enge und kaum Aussicht auf Arbeit vor Augen und den Traum, eine internationale Arbeiterkommune zu gründen, zog es den 19-Jährigen 1972 nach Hannover. Sechs Jahre zuvor war dorthin bereits sein älterer Bruder Paolino gegangen. „Oft ist es ja so: Wenn Leute auswandern, dann haben sie an ihrem Zielort bereits persönliche Anknüpfungspunkte“, erinnert sich Piccolo. Paolino jedenfalls hatte Arbeit gefunden – „als Gastarbeiter“ an der seinerzeit noch im Aufbau befindlichen Medizinischen Hochschule Hannover. Die Hoffnung, auch Fruttuoso könne dort in Lohn und Brot kommen, wurde nicht enttäuscht: Fortan war er der hausinterne (Post-)Bote der jungen Bildungseinrichtung.

Was Piccolo bis dato unbekannte Perspektiven eröffnete: „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Geld. Und sogar eine eigene Wohnung.“ Das Glück, seinen Traum tatsächlich leben zu können, währte nicht lange. Piccolo machte die Erfahrung, die viele machen, die neue Wurzeln schlagen wollen, die aber andererseits in der alten Heimat noch fest verwurzelt sind. „Das Militär wollte mich unbedingt haben“, erinnert sich Piccolo, weshalb er schon 1973 für eineinhalb Jahre nach Italien ging. Als er im Jahr darauf zurückkehrte, hatte einer seiner Kommune-Kumpel auf ganz andere Weise Wurzeln geschlagen: Familie gegründet, Nachwuchs bekommen. Was dem Aus vom Traum von der Arbeiter-Kommune gleichkam.

Vom offenen gesellschaftlichen Klima der 1970er Jahre in der Bundesrepublik war Fruttuoso Piccolo fasziniert: „Das kannte ich aus Italien gar nicht. Ressentiments mir gegenüber habe ich nie gespürt. Im Gegenteil. Ob Arbeiter, ob Professor: Man bewegte sich auf Augenhöhe. Diese mir aus Italien bekannte Kasten-Mentalität gab es hier überhaupt nicht.“

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  • Fruttuoso Piccolo: Das offene gesellschaftliche Klima der 1970er Jahre hierzulande hat ihn überrascht. thm

Jedenfalls nicht in den von Hochschulbetrieb und Studentenszenen geprägten Milieus. „Die Baracken der Gastarbeiter habe ich schon gesehen.“ Er nahm wahr, dass dort offenkundig zwei Welten nebeneinander bestanden. Die lebten in der einen, er in der anderen. Piccolo kündigte seinen Job als Bote, ging zurück nach Italien. „Dort konnte ich nicht leben“, erinnert er sich, weshalb er sich nach nur drei Monaten in Deutschland wiederfand.

„Man darf nicht auf den Staat warten, man muss Verantwortung für sein Leben übernehmen“, ist sein Credo. Diesem folgend, wollte er seine Brötchen nun als Gärtner verdienen. Das ging so lange gut, bis eine Allergie den Zukunftsplan ein für alle Mal vereitelte.

Schließlich warf ein schwerer Unfall ihn aus der Bahn. Zeit der Besinnung. Das Unglück war der letzte Auslöser, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Zum einen wollte er seinen Interessen für Kunst und Sprache mit kreativem Tun Raum geben.

Seine Herkunft aus einer von Arbeitern und Handwerkern geprägten Umgebung zeigte ihm einen zusätzlichen Weg auf. „Setz dich ein für die hier lebenden Ausländer, damit auch sie politische Rechte erlangen.“ Dürfen Italiener, die als Gastarbeiter in Deutschland arbeiten, in Deutschland streiken? Sind sie Deutschen in jeder Hinsicht gleichgestellt? Haben sie dieselben Rechte? Dürfen sie wählen? Solche Fragen brachten Piccolo in den 1980er Jahren dazu, sich für hier lebende Ausländer einzusetzen, ihnen bei Problemen zu helfen. Die hätten sie damals schon bei Kritik an Bestimmungen des Ausländergesetzes bekommen, erinnert sich Piccolo. „Ich habe dann gemerkt: Wenn ich als Künstler auftrete, dann kann ich gegen das Ausländerrecht Position beziehen, ohne dass es mir schadet.“

Sein soziales Engagement verknüpfte der Künstler mit kreativem Tun, frei nach dem Motto: „Ich verstehe meine Kunst als Waffe.“ Mitglied des Polynationalen Literatur- und Kunstvereins, Auszeichnung mit dem Lyrikpreis „Germania“ für den besten Gedichtband in italienisch-deutscher Sprache, ein Arbeitsstipendium des niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst im Bereich Literatur, Preisträger beim Interkulturellen Kunstwettbewerb der niedersächsischen Ausländerbeauftragten, Kulturreferent im hamburgischen „Haus für Alle“, Mitarbeit in der Initiative für ein Internationales Kulturzentrum in Hannover und im Kommunikationszentrum „Alte Polizei“ in Stadthagen können als markante Eckpunkte dieser Phase gelten.

Fruttuoso Piccolo sieht heute die vielen Widersprüche, die es im zusammenwachsenden Europa immer noch gibt. Er berichtet von einem Bekannten, Ausländer wie er, verheiratet mit einer Deutschen. Deren gemeinsamer Sohn trägt hier – weil es die Eltern so wollen – den Nachnamen der Mutter. Im Heimatland des Bekannten muss der Sohn den Nachnamen des Vaters tragen, weil es die dortigen Behörden so wollen. Ein Kind, zwei Namen – was für ein grandioser Irrsinn.

„Man muss doch langsam mal begreifen: Die Menschen, die von woanders kommen, die bringen so interessante Dinge mit“, findet Piccolo, der das Wort „Fremder“ noch heute als „gestört“ empfindet. Er hat’s doch selbst erfahren, wie das damals war – als er in die Fremde ging, nach Deutschland, und hier dann überraschenderweise so viel Interessantes erfahren hat, das er aus seiner Heimat nicht kannte.

Seit 2002 arbeitet Fruttuoso Piccolo als Jugendleiter im Jugendzentrum Eilsen.



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