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Schaumburger Eziden wollen sich organisieren / Delegation will Westen um Hilfe im Irak bitten

„Ich würde sofort kämpfen!“

Landkreis/Stadthagen. In Schaumburg sind die Eziden (auch: Jesiden) als solche bislang kaum in Erscheinung getreten. Aber das soll sich ändern. Die Idee, einen ezidischen Verein zu gründen, gibt es schon seit einigen Monaten. Und durch die aktuellen Geschehnisse im Nord-Irak, wo die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) gegen die Eziden und andere religiöse Minderheiten seit einiger Zeit mit tödlicher Gewalt vorgeht, sehen die Schaumburger Eziden mehr denn je die Notwendigkeit, sich zu organisieren. Nicht nur, um die eigene Religion gemeinschaftlich besser pflegen zu können, sondern auch, um den hier lebenden Eziden ein Sprachrohr zu geben. Aber zurzeit hat Haco Khalaf, die treibende Kraft hinter der angestrebten Vereinsgründung, ganz andere Sorgen. Er will dem Leiden seines Volkes im Irak nicht länger tatenlos zusehen. Deshalb sucht er gemeinsam mit zwei der ranghöchsten Vertreter der Eziden das Gespräch mit der Politik: in Berlin, in Brüssel und in Washington.

veröffentlicht am 30.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:06 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Für ein Pressegespräch hat Haco Khalaf, der 1994 vor Saddam Hussein nach Deutschland floh, unsere Zeitung zu sich nach Hause in Stadthagen eingeladen. Im Beisein seiner Frau, einer Tochter und anderen Gästen schildert Khalaf sein Anliegen. „Wir wollen die Politik um Hilfe bitten“, übersetzt sein Sohn Shalan Salih die Worte seines Vaters aus dem Kurmandschi, einer der drei kurdischen Sprachen. Die Reisen werde er gemeinsam mit dem ezidischen Mir (König) Tahsin Beg, wohnhaft in Hannover, und dem religiösen Oberhaupt der Eziden, Baba Sheikh Khato aus dem Irak unternehmen. Allein das Visum für Khato stehe noch aus. Ihr Ziel: Der Westen solle endlich eingreifen, zumindest humanitäre Hilfe leisten, Flüchtlingen Asyl gewähren und nicht nur die Kurden, sondern auch die Eziden mit Waffen versorgen. „Nicht alle Kurden sind aufseiten der Eziden“, erklärt Salih.

In der Zwischenzeit organisiert Khalaf mit anderen Eziden Hilfslieferungen für die Menschen im Irak. „Zwei Lastwagen mit Kleidung haben wir schon geschickt“, erzählt er. „Diese Katastrophe im Irak ist ein Schock für die Eziden. Frauen und Kinder werden entführt, die Männer werden abgeschlachtet.“ Die Hälfte sei schon tot, die anderen seien in die Berge geflohen, lebten auf der Straße. „Sengal (Sindschar, das städtische Zentrum der Eziden im Nord-Irak; Anm. d. Red.) stinkt nach Leichen!“, habe man ihm erzählt, klagt Salih.

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  • Darwish Bozo
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  • Haco Khalaf (r.), hier mit seiner Frau Hanan Ibrahim und Sohn Shalan Salih, plant, mit dem ezidischen Mir (König) Tahsin Beg und dem religiösen Oberhaupt der Eziden Baba Sheikh Khato die westliche Staatengemeinschaft um Hilfe gegen die IS-Miliz im Irak zu bitten. pk (2)

Angehörige der Familie seien unmittelbar von den Ereignissen im Irak betroffen. Einer seiner Onkel aus Deutschland war gerade im Irak, um Urlaub zu machen, als der Terror der IS-Milizen begann. „Er blieb gleich da, um zu kämpfen“, erzählt Salih. Auch sein irakischer Schwager sei bereits in den Kampf gezogen. Und über den Cousin von Haco Khalaf haben bereits „Die Welt“ und „Spiegel online“ berichtet: über den „Löwen von Sengal“, Qasim Shesho (62) aus Bad Oeynhausen, der seit August im Irak gegen die IS-Miliz kämpft.

Auch wenn die westliche Staatengemeinschaft sich gegenüber einer Intervention im Irak in Zurückhaltung übt, sei der Westen bereits mittendrin, meint Ferit Tarak – ebenfalls Ezide, mit Wurzeln im türkischen Viransehir – im Gespräch mit dieser Zeitung in dem Bistro „Treffpunkt“ seines Bruders in Stadthagen. „Der ,Löwe‘ ist dort und kämpft, genauso deutsche Salafisten aufseiten der IS“, erklärt der 30-Jährige. Um selbst etwas für die Menschen im Irak zu tun, nimmt er in Hannover an den Demonstrationen der Eziden gegen die IS-Miliz teil. „Das ist das Mindeste! Dadurch, dass ich hier lebe, bin ich ja nur mittelbar betroffen, aber es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen.“ Dazu zählten für ihn auch finanzielle Spenden. Aber angesichts der Hilflosigkeit, der die Eziden im Irak ausgesetzt sind, könne er es durchaus nachvollziehen, dass manche deutsche Eziden nach Sengal reisten, um zu kämpfen. Ähnlich denkt Shalan Salih: „Wenn ich gerad keine Arbeit hätte, würde ich auch sofort kämpfen!“

Besorgniserregend findet Tarak, dass es auch in Deutschland bereits zu Übergriffen von Salafisten auf Andersgläubige gekommen ist, wie zuletzt in Herford auf einen Eziden oder sogar in Stadthagen auf schiitische Muslime (wir berichteten). „Das ist eine Grenzüberschreitung. Zwar verhalten sich natürlich nur wenige Muslime so, aber ich vermisse eine öffentliche Distanzierung von solchen Taten. Nichts dazu zu sagen, ist falsch“, findet Tarak.

In das Gespräch klinkt sich Darwish Bozo (41) ein. Er kam vor zwei Jahren als Flüchtling aus Ras al-Ayn in Syrien, wo der Konflikt ja angefangen habe und islamistische Terroristen es ebenfalls auf Eziden und Christen abgesehen hätten. „Mein Cousin in Ras al-Ayn wurde von den Terroristen geköpft“, erzählt Bozo, während Tarak übersetzt. „Meine Cousins im Irak haben sich Gott sei Dank in die Berge von Sengal retten können.“ Die westliche Welt, meint auch Bozo, müsse sich endlich zusammentun und etwas gegen die Menschenrechtsverletzungen im Irak tun. „Heute wir, morgen ihr“, weissagt er.

„In unseren Gebeten sprechen wir vom 73. Anschlag auf die Eziden“, sagt Tarak. 72 schreckliche Pogrome seien aus Überlieferungen bekannt. „Dabei heißt es bei uns: Gott möge erst alle anderen Völker schützen, bevor er uns schützt. So denken wir.“ Vor diesem Hintergrund sei der Terror gegen die Eziden für ihn noch unbegreiflicher. Die Gründung eines ezidischen Vereins in Schaumburg begrüßt er. Die Anzahl der Eziden in Schaumburg schätzt Tarak grob auf 250 bis 300.

„Es geht darum, unsere Religion und Kultur zu pflegen“, erklärt Haco Khalaf das Motiv für einen Verein. Ein Gebäude, das als Zentrum dienen soll, hätte einer seiner Söhne schon gekauft, in der Windmühlenstraße 5 in Stadthagen. Doch bevor die nötige Renovierung in Angriff genommen und eine Finanzierungskampagne gestartet werden soll, muss die Vereinsgründung erst noch formal abgeschlossen werden.

Derweil trägt sich Khalaf mit dem Gedanken, ebenfalls nach Sengal zu gehen, um vor Ort humanitäre Hilfe zu leisten. Die damit einhergehende Gefahr nähme er in Kauf. „Natürlich ist das gefährlich. Aber es sind doch schon so viele tot, und ich will helfen“, sagt er entschlossen.



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