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Der Liebe wegen kam José Navarrete nach Rinteln – Seine Heimat vermisst er nicht

„Ich bin auch ein Ausländer“

Rinteln. Statt wie früher in einem Café auf der berühmten „Rambla“ seiner Heimatstadt Barcelona trinkt der Spanier José Navarrete (56) heute seinen Kaffee gemütlich unter den Linden vor der „Wohndiele“ am beschaulichen Rintelner Kirchplatz. Es war seine große Liebe, die deutsche Touristin Marion Heydenreich, um deretwillen er als junger Mann die spanische Weltstadt verließ, um sich auf ein Leben im Norden Deutschlands einzulassen. Und Barcelona? „Ach, das vermisse ich eigentlich gar nicht“, sagt er. „Rinteln hat doch alles, was man braucht.“

veröffentlicht am 22.09.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 22.09.2014 um 09:50 Uhr

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Autor:

von cORNELIA kURTH

Touristen, ja, die fänden Barcelona aufregend, die schwärmten vom Nachtleben in der abenteuerlichen Altstadt und von den phantastischen Jugendstilgebäuden des Architekten Antonio Gaudi. „Wenn man aber jeden Tag in der Hitze mit der proppenvollen U-Bahn zur Arbeit fahren muss und es überall so hektisch zugeht, dann sieht das ganz anders aus.“ José Navarretes Stimme klingt anziehend melodiös. Mit seinen hellen Haaren und Augen wirkt er nicht wie der typische Spanier, aber sein Sprachduktus könnte schon einen Hinweis auf sein Herkunftsland geben. „Na ja“, sagt er, „das, und vielleicht die Tatsache, dass ich niemals so früh Abendbrot essen würde wie die meisten Deutschen. Vor neun Uhr abends habe ich noch gar keinen Appetit.“

Er findet nichts großartiges Besonderes daran, dass er 1980 seine Arbeit als Industriekaufmann aufgab und bereit war, die damals ungeheuer erscheinende Entfernung von 16000 Kilometer zwischen sich und Freunde und Familie zu legen. Schließlich hatte seine Frau Ähnliches gewagt, als zuerst sie für zwei Jahre zu ihm nach Barcelona gezogen war, bereit, eventuell für immer dort zu bleiben. Wäre nicht der lange Militärdienst dazwischengekommen, vielleicht hätte es eine Deutsche mehr in Spanien gegeben, statt einen Spanier mehr in Rinteln. So kehrte Marion Heydenreich de Navarrete zur Freude ihrer Familie nach Rinteln zurück, fand Arbeit als Krankenschwester im Kreiskrankenhaus und bereitete eine Wohnung für die Ankunft ihres Mannes vor.

Der fand dann einen Job als Lagerarbeiter in der Papierfabrik „Schroeder & Wagner“, wo außer ihm noch zwei weitere, ältere Spanier eingestellt waren, die ihm freundschaftlich zur Seite standen, wenn er mit seinem noch recht spärlichen Deutsch an Kommunikationsgrenzen stieß. „Mir wurde schnell klar, dass ich hier nicht weiterkomme, wenn ich die Sprache nicht flüssig beherrsche“ sagt er und dreht sich dabei eine ganz, ganz dünne Zigarette. „Ich hatte nicht vor, für immer nur ungelernte Arbeit zu machen.“ Zum Glück verdiente seine Frau genug Geld, um die Kosten für einen Intensiv-Sprachkurs in Hameln übernehmen zu können.

Darauf ließ sich José Navarrete mit so viel Energie ein, dass er sich erfolgreich auf die Stelle eines Pflegers im Bückeburger Pflegeheim für körperlich schwer behinderte Menschen, Haus Kurt Partzsch, bewerben konnte. „Sowas hatte ich vorher noch nie gemacht“, sagt er. „Aber ich wusste einigermaßen, was mich erwartet, ich kannte durch meine Frau ziemlich viele Leute mit Pflegeberufen.“ In dem Pflegeheim leben überwiegend Menschen, die durch Krankheit oder Unfall ihre Bewegungskraft verloren haben, Menschen, die es irgendwie bewältigen müssen, dass sie wohl ihr Leben lang an Rollstuhl oder Bett gefesselt sein würden. Man kann sich gut vorstellen, dass der so ruhig und ausgeglichen wirkende Spanier der richtige Mann war für diesen besonders fordernden Pflegedienst. Jedenfalls dauerte es nicht lange, und man bot José Navarrete die Ausbildung zum staatlich anerkannten Heil- und Erziehungspfleger an und danach die Leitung einer der Stationen.

Schlechte Erfahrungen damit, dass er als Ausländer in Rinteln lebt – ihm fällt dazu eigentlich nur eine Sache ein, wie er nämlich damals auf dem Arbeitsamt von einem Mitarbeiter zu hören bekam, er solle mal schön in seine Heimat zurückkehren, die Deutschen brauchten ihre Arbeitsplätze für sich selbst. „Das allerdings war hart und ich werde es nie vergessen“, sagt er. „Ich konnte mich gar nicht wehren, dazu war mein Deutsch noch zu schlecht.“ Ansonsten aber fühlte er sich schnell an- und aufgenommen, anders als so mancher „Gastarbeiter“ in Deutschland. „Wenn Leute einen Unterschied machen wollten zwischen mir als Spanier mit deutscher Familie und anderen Migranten, dann sagte ich immer: ’Ich bin auch ein Ausländer! Und wir sind alle Menschen!‘“

Er selbst hat sich dafür entschieden, die spanische Staatsbürgerschaft beizubehalten. Seine Tochter Esther aber, die den hübschen Kunsthandwerk-Laden „HandGemacht“ in der Ostertorstraße führt, sie wählte die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft. „Rinteln ist wirklich meine Heimat geworden“, sagt er. „Doch es sieht so aus, als hätte ich unserer Tochter vermitteln können, dass auch Spanien ein wunderbares Land ist.“



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